18.06.2026
Mario Voigt, CDU-Ministerpräsident Thüringens, lässt einen Teil seiner Reden und Texte von Künstlicher Intelligenz schreiben

Unendlich leer

Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt lässt einen Teil seiner Reden und Texte anscheinend vollständig von Künstlicher Intelligenz schreiben.

War Aufklärung früher der Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, schwindet heutzutage bereits die Einsicht, dass es niemandem nützt, Seminararbeiten von Chat GPT schreiben zu lassen. Der akademische Nachwuchs versteht das Problem wohl gar nicht mehr: Die Technik ist da, und warum die Technik nicht machen lassen? Ich helfe dem smarten Kühlschrank ja auch nicht!

Ähnlich denken, wie es aussieht, die Thüringer Staatskanzlei und der Ministerpräsident des Landes, Mario Voigt (CDU). Dessen öffentliche Stellungnahmen hat das transparenzaktivistische Internetportal »Frag den Staat« durch ein Analyseprogramm geschickt, und siehe: »Ob beim Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus, in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder anlässlich des Trauerakts für seinen verstorbenen Amtsvorgänger – ein Großteil der Texte und Reden von Mario Voigt aus seiner aktuellen Amtszeit ist offenbar größtenteils durch KI generiert worden«, denn Voigt, zeigt die Auswertung weiter, nutzt KI um ein Zehnfaches häufiger als in der Politik üblich.

Der akademische Nachwuchs versteht das Problem wohl gar nicht mehr: Die Technik ist da, und warum die Technik nicht machen lassen? Ich helfe dem smarten Kühlschrank ja auch nicht!

Das klingt am Auschwitz-Gedenktag dann so: »Es war das Ergebnis eines Denkens, das die Menschlichkeit Stück für Stück aufgab – in Worten, in Entscheidungen, in Gleichgültigkeit.« Ein Satz, wie die ganze Rede, zu strammen 100 Prozent KI-generiert, mithin »Ergebnis eines Denkens«, wie »Frag den Staat« spottet, »das vollkommen ohne Menschlichkeit auskommt«.

Voigt (beziehungsweise eben nicht): »Auschwitz war nicht das Werk eines erfundenen Ungeheuers. Es war das Werk von Menschen, die dachten, dass ihr Handeln im Einklang mit einem höheren Ziel stehe.« Oder über Überlebende: »Ihre Augen waren leer und zugleich unendlich tief.« Wer Adornos »Jargon der Eigentlichkeit« gelesen hat, mag einwenden, die Verbindung von tief und leer sei die natürliche der öffentlichen Rede: Aus Versatz bestehen die Verlautbarungen, die sich Ministerpräsidenten von ihrem Stab so einpacken lassen wie das Pausenbrot, auch ohne KI, durchaus auch zum NS-Gedenken; origineller als Kanzlerin Angela Merkel, die in Israels Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem die »Erinnerung an die einzigartigen Vorfälle« beschwor, wird es da nicht mehr werden.

Die Nachrichten melden, Apples neuer KI-Wurf ziele auf die weitere Verschmelzung von Nutzer und Gerät; Günther Anders hielt in seiner »Antiquiertheit des Menschen« (1956) schon die beginnende für dessen Selbstabschaffung. Gottfried Benn hatte da längst den »Roboterstil« angezeigt, der in aphasischen Alles-gut-Zeiten ganz neue Höhen erreicht hat und auch von »Frag den Staat« nicht eben in Frage gestellt wird: »Mario Voigt kann die Aufregung nicht nachvollziehen« – der Mensch aber soll verstehen und den Nachvollzug bitte der KI überlassen.

Der Inbegriff cishumanistischer Schönheit

Dass Chat GPT, dessen sprachliche Eigenheiten man auch als Mensch erkennen kann, zum Stilvorbild wird, ist trotzdem kaum zu vermeiden, womit Voigt so was wie transhumanistische Avantgarde wäre. Und was wäre Avantgarde ohne Kühnheit? Laut »Frag den Staat« zitiert ein Gastbeitrag, der im vergangenen August in der FAZ unter Voigts Namen erschien, drei Wissenschaftler, doch »keines der Zitate, die ihnen im Text zugeschrieben werden, konnten wir in ihren Büchern oder Online-Beiträgen verifizieren. (…) Ein zentrales Problem von Künstlicher Intelligenz ist, dass in Texten zuweilen Halluzinationen generiert werden, also Inhalte, die zwar oberflächlich schlüssig klingen, aber frei erfunden sind.«

Doch auch das, erinnert man sich an Rudolf Scharpings »Hufeisenplan« oder Tony Blairs irakische Massenvernichtungswaffen, können Menschen nicht schlechter. Und überhaupt: »Ich trete nicht nur in das Amt eines Vorgängers, sondern in das Vermächtnis eines Anspruchs« (Voigt feat. KI) – sprach Helmut Kohl, der diesem unseren Land einst die »Solidaritätsaufgabe der Tagesordnung der Zukunft« stellte, denn weithin anders? Und waren Merkels freundliche Rudereien (»Ich begrüße alle auf unserem, äh, schönen Flug«) nicht vielleicht der Inbegriff cishumanistischer Schönheit?

In »Voigts« FAZ-Beitrag ging es übrigens um Kindesgefährdung durch die Smartphone-Welt, und wer mag, kann hier so lachen wie über die Pointe, dass Voigts Nachfolger (AfD) erst gar keine Auschwitz-Reden mehr halten wird. Und wenn, kommt er aufs erfundene Ungeheuer von ganz allein.