Jungle+ Artikel 18.06.2026
Mikhail Akhmetev, Historiker, im Gespräch über die »Bürger der UdSSR«

»Ein kommerzielles Unternehmen«

Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz UdSSR, gehört seit bald 35 Jahren der Vergangenheit an. Trotzdem gibt es in Russland nach wie vor Menschen, die sich als »Bürger der UdSSR« bezeichnen. Im Gespräch mit der »Jungle World« erklärt der Moskauer Experte für Gesetzgebung und Praxis des russischen Staats in Sachen »Anti­extremis­mus«, Mikhail Akhmetev, was es mit diesem Phäno­­men auf sich hat.

In den russischen Medien fällt mit Blick auf die strafrechtlicher Ver­folgung bestimmter Gruppen ­immer wieder der Ausdruck »­Bürger der UdSSR«. Wer ist ­damit gemeint?
Es handelt sich bei den Bürgern der UdSSR um Personen, die nur eines ­gemein haben – sie glauben, dass die Sowjetunion nach wie vor existiert. In anderen Fragen können ihre An­sichten weit auseinandergehen.

Wann ist diese Bewegung ent­standen?
Mitte der neunziger Jahre auf Initia­tive von Tatjana Chabarowa. Ihre ­Anhänger spalteten sich 1991 von der ­Kommunistischen Partei der ­Bolschewisten der Sowjetunion ab, die Nina Andrejewa gegründet hatte – ­ultrastalinistisch waren beide Split­tergruppen. Die Idee dahinter war, dass es die Sowjetunion zwar nicht mehr gibt, aber geben sollte. Anfang der ­zehner Jahre erhielten völlig ­un­abhängig davon ähnliche Vorstellungen plötzlich wieder Auftrieb.

Wie kam das?
Das hatte nicht zuletzt ökonomische Gründe. Die Weltwirtschaftskrise von 2008 zeigte ihre volle Wirkung in ­Russland mit zeitlicher Verzögerung. Der erste Vertreter der neuen Welle von »Sowjetbürgern« war der Moskauer Zahnarzt Sergej Taraskin. Seine Zahnklinik war bankrott gegangen. 2010 klagte er gegen die Stadt, die ihm seine gemieteten Räumlichkeiten ­entzogen hatte. Er trat als selbsternannter Interimspräsident der Sowjetunion auf und argumentierte, das ­Gericht agiere ohne klare gesetzliche Grundlage, denn rein rechtlich be­trachtet habe die Sowjetunion nie ­aufgehört zu ­existieren.

»Sich als Bürger der UdSSR zu deklarieren, liefert eine pseudo­­legitime Grundlage, um sich jeglicher Zahlungen an den Staat zu verweigern.«

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