»Ein kommerzielles Unternehmen«
In den russischen Medien fällt mit Blick auf die strafrechtlicher Verfolgung bestimmter Gruppen immer wieder der Ausdruck »Bürger der UdSSR«. Wer ist damit gemeint?
Es handelt sich bei den Bürgern der UdSSR um Personen, die nur eines gemein haben – sie glauben, dass die Sowjetunion nach wie vor existiert. In anderen Fragen können ihre Ansichten weit auseinandergehen.
Wann ist diese Bewegung entstanden?
Mitte der neunziger Jahre auf Initiative von Tatjana Chabarowa. Ihre Anhänger spalteten sich 1991 von der Kommunistischen Partei der Bolschewisten der Sowjetunion ab, die Nina Andrejewa gegründet hatte – ultrastalinistisch waren beide Splittergruppen. Die Idee dahinter war, dass es die Sowjetunion zwar nicht mehr gibt, aber geben sollte. Anfang der zehner Jahre erhielten völlig unabhängig davon ähnliche Vorstellungen plötzlich wieder Auftrieb.
Wie kam das?
Das hatte nicht zuletzt ökonomische Gründe. Die Weltwirtschaftskrise von 2008 zeigte ihre volle Wirkung in Russland mit zeitlicher Verzögerung. Der erste Vertreter der neuen Welle von »Sowjetbürgern« war der Moskauer Zahnarzt Sergej Taraskin. Seine Zahnklinik war bankrott gegangen. 2010 klagte er gegen die Stadt, die ihm seine gemieteten Räumlichkeiten entzogen hatte. Er trat als selbsternannter Interimspräsident der Sowjetunion auf und argumentierte, das Gericht agiere ohne klare gesetzliche Grundlage, denn rein rechtlich betrachtet habe die Sowjetunion nie aufgehört zu existieren.
»Sich als Bürger der UdSSR zu deklarieren, liefert eine pseudolegitime Grundlage, um sich jeglicher Zahlungen an den Staat zu verweigern.«
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