Erinnerung ohne Substanz
Nicht nur Rechtsextremen, auch antizionistischen Linken ist die etablierte Form der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen ein Dorn im Auge. Mit Blick auf diese geschichtsrevisionistische Kritik an der deutschen Erinnerungspolitik ist es notwendig, darüber nachzudenken, was an ihr zu verteidigen ist – und was nicht. Nikolas Lelle forderte, die in der offiziellen Gedenkpolitik institutionalisierten Errungenschaften jahrzehntelanger erinnerungspolitischer Kämpfe zu verteidigen (»Jungle World« 7/2026 ). Justin Monday hielt dagegen, die Schuldanerkennung fungiere identitätsstiftend für die vermeintlich geläuterte Nation (13/2026). Timon Wißfeld kritisierte ein abstraktes deutsches Schuldeingeständnis, das das, worauf sich die Schuld bezieht, tunlichst beschweigt (15/2026). Olaf Kistenmacher verwies auf die spezifisch linke Schuldabwehr als Folge eines linken Antizionismus (20/2026).
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Gegen die deutsche Erinnerungspolitik wird seit Jahren polemisiert. Von rechts wird sie als ritualisierter »Schuldkult« diffamiert, von links als Teil der »Staatsräson« kritisiert. Seit dem 7. Oktober 2023 häufen sich Versuche, die Holocaust-Erinnerung und Gedenkkultur zu delegitimieren oder politisch zu instrumentalisieren. Der Grundtenor lautet: In Deutschland werde »zu viel« an den Holocaust erinnert und nur der jüdischen Opfer gedacht.
Bezeichnend ist, dass derlei Behauptungen mit signifikanten Wissenslücken in der gesamten westlichen Welt einhergehen. Umfragen der Jewish Claims Conference aus dem Jahr 2025 ergaben, dass mehr als jede:r zehnte Deutsche zwischen 18 und 29 Jahren nicht wusste, was der Holocaust war. Einer Untersuchung des Berliner Pilecki-Instituts aus dem Jahr 2024 zufolge glaubt eine Mehrheit der in Deutschland Befragten fälschlicherweise, dass deutsche Jüdinnen und Juden die größte Opfergruppe des Holocaust bildeten. Tatsächlich stammte die übergroße Mehrheit aus Polen und der damaligen Sowjetunion.
Nach 1945 konzentrierte sich das Gedenken in Westdeutschland zunächst auf das eigene Opferdasein. Deutsche gedachten gefallener Soldaten, der Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten und der Opfer alliierter Luftangriffe. Politisch Verfolgte fanden mitunter Erwähnung, jüdische Opfer regelmäßig nicht. 1967 attestierte das Psychologenpaar Alexander und Margarete Mitscherlich der westdeutschen Bevölkerung eine »Unfähigkeit zu trauern« – einen aktiven psychischen Abwehrakt, der durch die Identifikation mit dem eigenen Leiden die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld und dem Holocaust verhinderte.
Der Holocaust erscheint bis heute häufig als primär deutsches Ereignis und nicht etwa als transnationaler Vernichtungsakt unter deutscher Führung.
Die schrittweise Anerkennung von Jüdinnen und Juden als Hauptopfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik vollzog sich nur langsam und unter erheblichem äußeren Druck. Erst der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961) und der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965), die Ausstrahlung der US-amerikanischen Fernsehserie »Holocaust« (1979) und schließlich der sogenannte Historikerstreit (1986/1987) veranlassten die westdeutsche Gesellschaft, sich mit der Realität des Massenmords an Jüdinnen und Juden zu befassen. Zu Beginn der achtziger Jahre begannen professionelle, zumeist nichtjüdische Historiker:innen gemeinsam mit engagierten Laien, lokale Geschichte zu erforschen. »Geschichtswerkstätten« entstanden im ganzen Land: Menschen fragten, welche jüdischen Familien in ihrer Straße gelebt, wo Deportationen stattgefunden hatten. Die »Geschichte von unten« gilt heutzutage vielen als Beginn eines genuin deutschen Gedenkens.
Bis auf wenige Ausnahmen, wie das 2005 eröffnete Denkmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas in Berlin, lag der Fokus auf deutschen Täter:innen, deutschen Institutionen, deutschen Tatorten, deutscher Schuld. Gedenkstätten und Schulen konzentrieren sich aus pädagogischen Gründen auf die Schicksale der ortsansässigen Opfer, die Geschichte der Täter und materielle Spuren an Ort und Stelle: Denn Nähe erzeugt Empathie.
In der Mehrheitsgesellschaft sprach man noch lange mit wohliger Distanz nur von »den Nationalsozialisten«. Ein familiengeschichtlicher Zugang blieb lange einem kleinen, akademisch-zivilgesellschaftlich sensibilisierten Kreis vorbehalten; seit der Online-Stellung der NSDAP-Mitgliederkartei im März steht er breiten Kreisen offen. Doch was bringt es zu wissen, ob Uropa Nazi war, wenn ausgeblendet wird, was die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden für deren Welt bedeutete?
Schuld – erst verdrängt, dann inszeniert
Während in der frühen Bundesrepublik Schuld durch eigenes Leiden verdrängt wurde, wird sie nun durch öffentliches Bekenntnis inszeniert. Die jüdischen Opfer bilden eine Kulisse oder bleiben unbeachtet, denn die absolute Mehrheit der jüdischen Opfer hatte bis zu ihrer Begegnung mit ihren Mördern fast nichts mit Deutschland, Deutschen oder jüdischem Leben in Deutschland zu tun. Und darin liegt vielleicht der bedeutendste blinde Fleck der deutschen Erinnerungspolitik: Der Holocaust erscheint bis heute häufig als primär deutsches Ereignis und nicht etwa als der transnationale Vernichtungsakt unter deutscher Führung, als der er vor allem im Osten Europas auf dem Gebiet des heutigen Polen, Belarus, Litauen, Lettland, der Ukraine und Moldau erfolgte.
Vor 1939 lebten allein in Polen rund 3,3 Millionen Jüdinnen und Juden. Nicht einmal 425.000 von ihnen überlebten. Warschau war mit über 350.000 jüdischen Einwohner:innen nach New York City die zweitgrößte jüdische Stadt. Auch in Wilna, dem »Jerusalem Litauens«, unterhielten Jüdinnen und Juden ein dichtes Netz aus Kultur- und Bildungseinrichtungen, darunter das weltberühmte Jüdische Wissenschaftliche Institut Yivo. Jüdische Zeitungen, Verlage, Bibliotheken, Kulturvereine, Theater, Parteien, Sportvereine gab es in großer Zahl, in vielen Kleinstädten und Dörfern stellten Jüdinnen und Juden die Mehrheit der Einwohner:innen. Es war eine transnational vernetzte, pluralistische Gesellschaft mit eigenen inneren Konflikten und Träumen. Diese Welt wurde systematisch nahezu ausgelöscht.
Die Vernichtung durch die Deutschen und ihre Kollaborateure fand nicht nur in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau statt, sondern zu einem großen Teil durch Erschießungskommandos, die Jüdinnen und Juden innerhalb weniger Stunden nach ihrem Eintreffen an Ort und Stelle erschossen. In Babyn Jar bei Kiew wurden im September 1941 innerhalb von zwei Tagen über 33.000 Jüdinnen und Juden erschossen. In Ponary bei Wilna ermordeten deutsche SS-Einheiten und litauische Kollaborateure zwischen 1941 und 1944 etwa 70.000 bis 100.000 Menschen. Im Wald von Rumbula bei Riga wurden im November und Dezember 1941 rund 25.000 Jüdinnen und Juden ermordet. Tausende von Dörfern wurden zerstört, abgebrannt, die jüdischen Einwohner:innen erschossen oder in die umliegenden Vernichtungslager, nach Bełżec, Sobibór, Chełmno und Treblinka deportiert und direkt nach ihrer Ankunft ermordet. In Deutschland sind diese Orte nur wenigen ein Begriff.
Jüdische Erinnerungskultur
Der Holocaust fand weit weg von Deutschlands Grenzen statt. Das war gewollt. Auch die deutschen Jüdinnen und Juden wurden in entlegene Mordstätten deportiert. Während in Deutschland das Eigentum der Deportierten öffentlich geraubt und versteigert wurde, sollte ihr Sterben unsichtbar bleiben. Kontinuität findet sich auch hier: Die Konzentration auf den deutschen Raum und auf Auschwitz als universelles Symbol des Holocaust trägt dazu bei, diese Realität zu verschleiern. Wer sich auf Deutschland konzentriert, muss sich nicht mit dem Massenmord in Osteuropa auseinandersetzen.
Der lückenhaften Rezeption der Gewaltgeschichte des Holocaust fehlt es an Substanz, was dem Missbrauch des Holocaust Vorschub leistet. Nirgends wird das deutlicher als nach dem 7.Oktober 2023 – in der linken Analogiebildung, der rechten Verharmlosung, der staatstragend-rituellen Beschwörung.
Noch während der Vernichtungsprozess voll im Gang war, begann sich im Osten Europas eine eigene jüdische Erinnerungskultur zu entwickeln. Am Rand von Massengräbern und Vernichtungslagern, in ehemaligen Ghettos, in zerstörten Heimatstädten und später auch in und um DP-Camps kamen jüdische Überlebende zusammen, um der Toten zu gedenken. Sie setzten Gedenksteine, liefen trauernd und in Häftlingskleidung durch Städte, führten Exhumierungen durch und sorgten für Begräbnisse der Ermordeten.
Erinnerung an das Leben
Das Bedeutsame dieser Erinnerungskultur war nicht allein das Gedenken an die Toten, sondern auch das Festhalten an der Erinnerung an das Leben. In den sogenannten Yizker-bikher, Gedenkbüchern, die Überlebende osteuropäisch-jüdischer Gemeinden weltweit verfassten, stehen neben der Vernichtung die verlorenen Orte und die Menschen im Mittelpunkt, die dort lebten. Über 1.000 solcher Bücher, fast alle auf Jiddisch, existieren heute noch. Mittels der eigenen Erinnerung widersetzten sich die Verfasser und jene, an die die Gedenkbücher erinnern, der totalen Auslöschung.
Die Antwort auf die gegenwärtige Krise der Erinnerungspolitik liegt daher nicht in mehr Gedenkstunden oder mehr Bekenntnissen. Sie liegt in einer Hinwendung zur jiddischsprachigen und jüdischen Welt Osteuropas, zu den Menschen, die in ihr lebten, zu den Orten, die zerstört wurden und zu den jüdischen Erinnerungskulturen, die diese Welt nicht sterben lassen wollten. Nicht weniger Erinnerung also, sondern eine andere. Konkreter, östlicher, jüdischer. Denn was man kennt, lässt sich schwerer verleugnen.