18.06.2026
Der mutmaßliche US-Bombenleger vom Januar 2021

Rätseln um die Rohrbombe

Die Identität des mutmaßlichen Bombenlegers vom Vorabend des 6. Januar 2021 in Washington, D.C., blieb jahrelang ungeklärt. Der Prozess gegen den 2025 festgenommenen Tatverdächtigen beginnt Ende des Jahres.

Fast fünf Jahre lang hatten die US-Ermittlungsbehörden erfolglos nach demjenigen gefahndet, der am Vorabend des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar 2021 je eine Rohrbombe vor den Hauptquartieren der Demokraten und der Republikaner in Washington, D.C., abgelegt hatte. Wären die Experten zufolge voll funktionstüchtigen Bomben nicht zufällig entdeckt worden, hätte es Tote und Verletzte gegeben. Und die Ausschreitungen am Kapitol wären vermutlich noch heftiger geworden.

Am 4. Dezember 2025 wurde der mutmaßliche Täter, der mittlerweile 30jährige Brian Cole Jr., gefasst, unter anderem aufgrund von ihm zugeordneten Handy-Daten im Bundesstaat Virginia. Während die Gegner von Präsident Donald Trump beim Festgenommenen auf einen gewaltbereiten Maga-Aktivisten und seine Fans auf ein militantes Antifa-Mitglied als Täter gehofft hatten, erwies sich der junge Schwarze Brian Cole Jr. nicht als kämpferischer Aktivist, sondern bloß als zurückgezogener Trump-Anhänger, bei dem seinen Verteidigern zufolge Zwangsstörungen und Autismus dia­gnostiziert worden waren.

Brian Cole Jr. gab an, durch die zahlreichen Verschwörungsge-schichten rund um die Präsident-schaftswahl im November 2020 »verwirrt« gewesen und schließlich »durchgeknallt zu sein«.

Schon kurz nach dem 6. Januar 2021 hatten sich auf Twitter zahlreiche Gegnerinnen und Gegner Trumps zusammengefunden, die es sich zur Aufgabe machten, die Identität der sogenannten insurrectionists (Aufständische) anhand von Fotos und Videos herauszufinden. Die privaten Detektivspielereien wurden allerdings immer kritischer gesehen, nicht zuletzt weil Namen, ­Adressen, Arbeitsstellen und weitere persönliche Daten angeblicher Täter und Täterinnen veröffentlicht wurden, bevor die Ermittlungsbehörden Anklage erhoben. Am Ende begnadigte Trump die weit mehr als 1.500 Angeklagten und Verurteilten ohnehin, wie vorab versprochen, am ersten Tag seiner Rückkehr ins Weiße Haus im Januar vergangenen Jahres.

Die Suche nach dem Rohrbombenleger indes war lange erfolglos geblieben, obwohl mehrere Sequenzen von Überwachungsvideos existieren. Sie zeigen die Person in der Dunkelheit beim Transport der Bomben und wie sie auf einer Parkbank sitzt und auf ihr Handy schaut. Viele Anhaltspunkte gab es in den Videos allerdings nicht zu erkennen, so dass sowohl unter Rechten wie auch unter Linken rasch teilweise bizarre Theorien zur Identität des Täters kursierten.

Während so einige Anhänger der Demokraten sich alle Mühe gaben, in der nur unscharf zu sehenden Person die vormalige rechtsextreme repub­likanische Kongressabgeordnete ­Marjorie Taylor Greene zu erkennen, erkoren die Trump-Fans eher Shauni Rae Kerkhoff als Schuldige. Kerkhoff war Beamtin der U.S. Capitol Police und hatte am Kapitol Dienst gehabt, als Trumps Anhänger es stürmten. In den folgenden Gerichtsverfahren gegen die insurrectionists war sie eine wichtige Zeugin der Anklage. Aber nicht nur deswegen wurde Kerkhoff zur Zielscheibe von Hass und ­Verschwörungslügen: Kurz nach dem 6. Januar nahm sie eine Stelle bei der CIA an, was perfekt in die rechte Story passte, wonach die gesamten Ausschreitungen ein inside job von Regierungsagenten gewesen seien.

800 Millionen Dollar Schadensersatz

Im November 2025 hatte das rechtsextreme Medienunternehmen Blaze Media eine – mittlerweile zurückgezogene – angeblich forensische Ganganalyse zur Identifikation veröffentlicht, anhand derer Kerkhoff »mit einer Wahrscheinlichkeit von 94 bis 98 Prozent« als die Täterin überführt worden sei. Kerkhoff legte sofort ein Alibi für die Tatzeit vor. Handy-Videos belegen, dass sie den fraglichen Abend mit ihrem Freund verbracht hatte. Gleichwohl wurde sie umgehend von der CIA freigestellt.

Die Ermittlungsbehörden schlossen sie schließlich als Verdächtige aus. Trotzdem wird Kerkhoff von Rechtsex­tremen belästigt und bedroht, weswegen sie Ende April Klage gegen Blaze Media einreichte. Vertreten wird sie von der Kanzlei Clare Locke. Deren Juristen hatten 2023 dafür gesorgt, dass die Firma Dominion Voting Systems mit ihrer Klage gegen den Sender Fox News erfolgreich war, der fälschlich behauptet hatte, die Wahlmaschinen des Herstellers hätten den Ausgang der Präsidentschaftswahlen 2020 zugunsten der Demokraten manipuliert. Fox News zahlte knapp 800 Millionen Dollar Schadensersatz.

Die Vertreter von Cole Jr. wiesen Ende März in vor Gericht eingereichten Unterlagen darauf hin, dass sie planten, die entlastete Kerkhoff als mögliche Täterin ins Spiel zu bringen. Dass ihr Mandant den Ermittlern zufolge nach seiner Festnahme angegeben hatte, durch die zahlreichen Verschwörungsgeschichten rund um die Präsidentschaftswahl im November 2020 »verwirrt« gewesen und schließlich »durchgeknallt zu sein«, weil »alles immer nur schlimmer geworden« sei, erwähnten die Anwälte nicht.

6. Januar oder 5. Januar?

Ihre Strategie für den voraussichtlich erst Ende des Jahres beginnenden Prozess gegen Cole Jr. dürfte hauptsächlich darin bestehen, bei der Jury Zweifel an seiner Schuld zu wecken. Auf den Rat seiner Anwälte hin plädierte er bei einem Vortermin im Januar auf nicht schuldig. Es steht für ihn viel auf dem Spiel: Im April wurden neue Vorwürfe gegen Cole Jr. erhoben, so dass ihm nun nach Bundesrecht Transport von Sprengstoff über Staatsgrenzen hinweg, versuchter Einsatz von Sprengstoff sowie von Massenvernichtungswaffen zur Last gelegt werden und zudem terroristische Handlungen nach dem Recht von Washington, D.C. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine lebenslange Haftstrafe.

Entsprechend offensiv könnte die Strategie seiner Verteidiger ausfallen. Eine ihrer Ideen hatte allerdings im März ein Sprecher des Weißen Hauses zurückgewiesen. Das Argument, Cole Jr. falle unter die von Trump erlassene Amnestie für alle, die im Rahmen der Ausschreitungen am und im Kapitol angeklagt wurden, sei falsch, hieß es in einer Mail an das Nachrichtenportal Politico. »Die Bomben wurden am 5. Januar gelegt, die Begnadigungen beziehen sich dagegen ausdrücklich auf die Geschehnisse am 6. Januar.«