25.06.2026
Wie sich Deutsche wegen Nazi-Verwandten selbst bemitleiden

Nabelschau des Tätervolks

Podkowik Propaganda. Die Deutschen leiden unter dem Holocaust und führen darüber Selbstgespräche. Besonders gern im Kulturteil.

Die Deutschen sind betrübt darüber, den Holocaust durchgeführt zu haben. Damals waren sie begeistert, aber im Nachhinein brachte es ihnen nur Scherereien, und deshalb betrauern sie sich fortlaufend selbst. Allerdings stellt sich ihnen die Judenvernichtung auch als eine Art Benimmschule dar, die sie bestmöglich absolvierten, und so wissen sie nun genau, wie man moralisch korrekt handelt, und erklären es bevorzugt dem Rest der Welt.

Dass die­jenigen Juden, die der Vernichtung entkamen, aus ebendieser einfach nicht lernen wollen und sich heute gegen erneute Vernichtungsversuche zur Wehr setzen, besorgt die geläuterten Deutschen, denn es kommt ihnen oft etwas unverhältnismäßig vor. So sehr sie unter ihrem schlechten Gewissen wegen der toten Juden leiden, so fragwürdig finden sie das Verhalten der lebenden Juden.

Auf Spiegel Online können Kunden mit Bezahlabo jetzt in einer umfangreichen »Nazi-Kartei« nach NSDAP-Mitgliedern suchen. Wer etwa den Namen seines Großvaters eingibt, erlebt nicht selten eine böse Überraschung: Opa ein Nazi? Er sagte doch immer, er sei gegen Hitler gewesen!

Wer hingegen keine Treffer erzielt, kann erleichtert aufatmen – Glück gehabt. Die anderen waren’s.

Deutsche Künstler fallen seit jeher durch ein besonders pene­trantes Sendungsbewusstsein auf. Immer sind sie von sich selbst ergriffen, dauernd appellieren sie wegen irgendwas an irgendwen.

Deutsche Künstler wiederum fallen seit jeher durch ein besonders pene­trantes Sendungsbewusstsein auf. Immer sind sie von sich selbst ergriffen, dauernd appellieren sie wegen irgendwas an irgendwen. Der Spiegel gab einigen von ihnen nun Gelegenheit, in einem weiteren deutschen Selbstgespräch auszubreiten, wie es ihnen bei der Suche nach NSDAP-Verwandten erging. Und so spürt dann eben ein Verleger »ein leicht pulsierendes Stechen«, seine »Brust verkrampft«, bevor er »in unruhige Träume« fällt, während eine Filmregisseurin »Gott sei Dank nichts Beunruhigendes herausgefunden« hat.

Ich bekam auch eine Anfrage, sagte umgehend ab, doch wurde dann gefragt, ob meine Absage gedruckt werden dürfe. Na von mir aus: »Ich will mich an der Diskussion lieber nicht beteiligen (…), weil ich den Drang habe, vor allem, was nach selbstmitleidiger Nabelschau des Tätervolks riecht, Reißaus zu nehmen. Mir fällt kein Szenario ein, in dem deutsche Künstler öffentlich ­betroffen über die Nazi-Vergangenheit ihrer Familie sprechen und schlimmstenfalls einen moralischen Auftrag daraus ableiten, ohne dass sich mir dabei die Fußnägel hochrollen.«

So stand es also im Kulturteil, und schon war ich Teil der Nabelschau. Ist aber hinter der Paywall.

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Podkowik Propaganda – die Kolumne von Kolja Podkowik