Die Behörde verlangt
Wenn man mir vor 30 Jahren gesagt hätte, dass ich mal so lange an einem Arbeitsplatz bleiben würde, hätte ich es nicht geglaubt. Aber es ist so gekommen – seit 1996 arbeite ich als Erzieherin an meiner Förderschule. Gelernt habe ich den Beruf Ende der achtziger Jahre.
Seitdem hat sich vieles verändert. Insbesondere sanken die Schülerzahlen nach der Einführung der Inklusion dramatisch. Unsere Schule war immer wieder von der Schließung bedroht. Dagegen protestierten Eltern und Schüler Anfang der nuller Jahre gemeinsam. Für den Erhalt einer »Sonderschule«. Ihrer Schule.
Nicht von der Sonne geküsst
Ich höre öfter die Beschwerde, die Schüler hätten sich in den Jahrzehnten extrem verändert. Sie seien immer verhaltensauffälliger geworden. Das kann ich so gar nicht bestätigen. Natürlich sind Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten schwierig und anstrengend. Man darf jedoch nie vergessen, dass die Kinder, die unsere Schule besuchen, oft nicht von der Sonne geküsst sind. Gerade seit 2015 haben viele von ihnen traumatische Fluchtgeschichten.
Wir haben viel zusammen gelacht. Es gab viele Reisen – Workcamps im Ausland und Handwerkerreisen, um unser Schullandheim zu renovieren. Hierarchien waren kaum zu spüren im Kollegium. Unsere Schule war bekannt für ihre Feste. Viele ehemalige Schüler kamen auch später noch regelmäßig an »ihrer« Schule vorbei.
Man merkt meinem Bericht an, dass ein Bruch kommt. Der kam, als unser alter Schulleiter, der den Laden entspannt und mit Humor zusammengehalten hatte, vor einigen Jahren in Pension ging. Danach übernahm ein deutlich jüngerer Kollege, der die Weichen anders stellte. Es ging dann rasend schnell und ich kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, wie es dazu kam und warum die alten Hasen keinen Einspruch einlegten.
Wir arbeiten immer seltener direkt mit den Kindern – stattdessen sitzen wir Nachmittage lang zusammen und erarbeiten »Konzepte«.
Der Neue wollte normalen Unterricht priorisieren – Deutsch, Mathe und Englisch wurden wichtiger. Fachräume wie der Musikraum wurden aufgelöst. Feste brachen weg, an Reisen war überhaupt nicht mehr zu denken. »Konzepte« wurden der neue Leitstern der Schule. Man hörte auf einmal häufiger »die Behörde verlangt«. Bislang ein Fremdwort für mich. Wahrscheinlich hatte »die Behörde« auch an unserem alten Schulleiter gezogen – er hatte aber eine Gabe, unsinnige Anforderungen einfach geflissentlich zu übergehen.
Diese Zeiten sind vorbei. Wir arbeiten immer seltener direkt mit den Kindern – stattdessen sitzen wir Nachmittage lang zusammen und erarbeiten »Konzepte«. Konzepte für guten Unterricht, Konzepte für den Nachmittag, Konzepte für die Rückführung von Schülern in den Regelunterricht. Nur für die Verwirklichung der Konzepte bleibt keine Zeit.
Nach außen lässt sich das alles hervorragend verkaufen. Wir pilotisieren, wir evaluieren, wir priorisieren. Schöne Worte, die sich unglaublich wichtig anhören. Aber ein Schulleben findet kaum noch statt. Die Kinder halten kein einziges Musikinstrument mehr in Händen. An die großen Schulfeste erinnern alte Fotos und Plakate. Und mein Elan ist dahin.
(protokolliert von Guido Sprügel)
* Name von der Redaktion geändert