25.06.2026
Pakistan weitet seine Luftangriffe in Afghanistan aus

Drohnenkrieg an der Durand-Linie

Während Pakistan im Iran-Krieg vermittelt, eskaliert die pakistanische Regierung die militärische Lage im Grenzgebiet zu Afghanistan. Den dort herrschenden Taliban wirft sie vor, den pakistanischen Taliban Rückzugsräume zu gewähren.

Jeder Krieg ist auch ein Krieg um die Deutungshoheit. Am Mittwoch der vorvergangenen Woche bestätigte Pakistan, dass es am selben Tag Drohnenangriffe auf Ziele in Ostafghanistan lanciert hatte. Pakistans Regierung äußerte, es seien Verstecke und Infrastruktur bewaffneter Gruppen getroffen und 26 Kämpfer getötet worden. Ein Sprecher der in Afghanistan herrschenden Taliban vermeldete jedoch 13 getötete Zivilist:innen, darunter elf Kinder, ­sowie mindestens 14 verletzte Frauen und Kinder.

Pakistan stellte die Angriffe vom 10. Juni als Reaktion auf drei jüngere Attacken Taliban-naher Akteure dar: Am 9. Juni hatten acht Angehörige der Tehreek-i-Taliban (TTP), auch bekannt als pakistanische Taliban, sechs paramilitärische Grenzschützer im pakistanischen Musa Darra getötet. Am 2. Juni war ein fahrzeuggestützter Selbstmordanschlag der TTP auf einen Militärposten im grenznahen Miranshah knapp verhindert worden, nachdem TTP-Angreifer mit einem ähnlichen Anschlag einen Monat zuvor 15 pakistanische Polizisten getötet hatten.

Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Muhammad Asif spricht seit der Ausweitung pakistanischer Luft­angriffe in Afghanistan ab Ende Februar vom »offenen Krieg«. Die Regierung in Islamabad wirft den afghanischen Taliban vor, der TTP Rückzugsräume zu gewähren; Afghanistan hingegen bezeichnet das Wirken der pakistanischen Taliban als innenpolitisches Versagen Pakistans – diese Darstellung wiederum empfindet die pakistanische Regierung als Provokation.

Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Muhammad Asif spricht seit der Ausweitung pakistanischer Luft­angriffe in Afghanistan ab Ende Februar vom »offenen Krieg«. 

Seit Anfang dieses Jahres unternehmen bewaffnete Gruppen in Afghanistan immer häufiger Drohnenangriffe aufs pakistanische Grenzgebiet, auch wenn die pakistanische Armee viele davon abfangen kann. Kleine, kommerziell verfügbare oder improvisierte Drohnen werden mit Sprengstoff oder Handgranaten bestückt und gegen ­Militär- und Polizeiposten, Lagerhallen und auch zivile Gebäude eingesetzt. Die Urheber der Attacken können oft nicht genau identifiziert werden – TTP, Taliban-Sympathisanten oder unabhängige lokale Zellen kommen gleichermaßen in Frage. Die leichte Verfügbarkeit billiger Drohnen senkt die Hemmschwelle für Anschläge und macht die Vereitelung solcher Angriffe umso schwieriger. Ein Bericht der regierungsnahen Nachrichtenagentur Associated Press of Pakistan meldet für die grenznahe Region Khyber Pakh­tunkhwa im laufenden Jahr 246 vereitelte Drohnenangriffe, davon 215 im Raum Bannu, dem Schwerpunkt der Angriffe.

Die UN-Unterstützungsmission in Afghanistan berichtete im Mai, von ­Januar bis Ende März habe es auf afghanischer Seite mindestens 372 zivile Tote gegeben und etwa ebenso viele zivile Verletzte. Die meisten davon seien Opfer pakistanischer Luftangriffe seit Ende Februar geworden; außerdem seien etwa 100.000 Menschen vertrieben worden. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, warnte, Zivilisten auf beiden Seiten müssten vor Luftangriffen, Artillerie, Mörserbeschuss und Gewehrfeuer fliehen.

Verschlimmert wird der Streit durch eine Vorgabe, die seit weit mehr als einem Jahrhundert besteht: Die sogenannte Durand-Linie, jene rund 2.600 Kilometer lange Grenze, die ein britischer Diplomat 1893 auf einer Karte zog, wird von Afghanistan bis heute nicht anerkannt – ein kolonialer Erbschaden, der eine Lösung des Grenzkonflikts stark erschwert.

Energie- und Wirtschaftskrise wegen der Blockade der Straße von Hormuz

Pakistan taufte seine am 26. Februar begonnene Militäroperation »Ghazab lil-Haq«: Wut im Namen der Gerechtigkeit. Zwei Tage später eröffneten die Vereinigten Staaten mit der »Operation Epic Fury« ihren Luftkrieg gegen Pakistans Nachbarstaat Iran. Von Beginn an hatte dieser Krieg auf Pakistan starke wirtschaftliche und sicherheitspolitische Auswirkungen. Aus der großen schiitischen Minderheit des Landes heraus – etwa 20 Prozent der pakistanischen Bevölkerung – kam es zu Massenprotesten gegen die Tötung des iranischen theokratischen Diktators Ali Khamenei. Zugleich stürzte Pakistan durch die Blockade der Straße von Hormuz in eine nie dagewesene Energie- und Wirtschaftskrise.

Zudem hat es das Land gleich mit drei grenznahen Unruheherden zu tun. Zu dem in der westlichen Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa gesellen sich zwei weitere: An der Ostgrenze zu ­Indien kommt es im pakistanisch kontrollierten Teil Kaschmirs seit einigen Jahren zu Streiks und Protesten gegen staatliche Repression und die Reservierung vieler Parlamentssitze für die große Gruppe derer, die vor Jahrzehnten aus dem indisch kontrollierten Teil Kaschmirs geflohen waren – allein am 7. Juni gab es bei Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei mindestens 15 Tote und 70 Verletzte. An der Grenze zum Iran im Südwesten Pakistans kämpfen belutschische Aufständische gegen Truppen der Zentralregierung. So traf am 24. Mai ein schwerer Anschlag einen Zug in Quetta, der nach Behördenangaben Soldaten transportierte; dabei gab es über 30 Tote und 100 Verletzte.

Allen drei Konflikten ist gemein, dass die Regierung lokale Belange und Behörden nur unzureichend in ihre Strategie der Aufstandsbekämpfung einbezieht. Es ist ein ­politisches Strukturproblem, das sich durch militärische Eskalation allein nicht lösen lässt. Der Dreifrontenkrieg überfordert die Ressourcen Pakistan ­zusehends. Solange Extremisten das religiös motivierte Morden als segensreich und verdienstvoll lobpreisen, dürfte es keine realistische Chance auf Frieden geben, höchstens eine phasenweise Reduzierung der gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die fromme Tötungslust lauert schlicht auf ihre nächste Gelegenheit. Danach folgen die Rechtfertigungen.