Auf gute Nachbarschaft
Anfang Juni erschütterten rassistische Ausschreitungen Nordirland. In den Berichten darüber fehlte häufig eine spezifische Dimension: das religiöse Sektierertum der Protestanten, aber auch der Katholiken tendiert zur Ablehnung von allem, was als fremd wahrgenommen wird.
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Anfang Juni wurde Nordirland von schweren rassistischen Ausschreitungen heimgesucht. Auslöser war die Verbreitung von Videoaufnahmen in den sozialen Medien, die einen brutalen Messerangriff zeigen, für den ein sudanesischer Migrant verantwortlich gemacht wird. Auch der englische Rechtsextreme Stephen Yaxley-Lennon alias Tommy Robinson, ein Schmuddelkind allererster Güte mit einem beeindruckenden Strafregister – Körperverletzung, Betrug, Bankbetrug, Einwanderungsbetrug, Landfriedensbruch, Drogenbesitz –, teilte das Video und schrieb auf X: »Weiße Menschen werden angegriffen.« Der Rechtsextremist teilte außerdem einen Aufruf zu »Protesten« gegen den »Angriff eines Eindringlings« in 70 Städten in Großbritannien.
Zu Robinsons Fans zählt Elon Musk, der die Plattform Twitter 2022 übernommen und im Folgejahr in X umbenannt hat. Er teilt mit Vorliebe Beiträge von rechtsextremen britischen Aktivisten wie Robinson. Die Organisation Center for Countering Digital Hate ermittelte, Musk habe durch das Teilen von Beiträgen britischer Rechtsextremisten wie Robinson 64 Millionen Aufrufe generiert. Dies sei entscheidend gewesen, um die Proteste in Belfast und anderen nordirischen Städten anzufachen.
In Belfast hatten die Ausschreitungen pogromartigen Charakter. Gezielt wurden Geschäfte und Wohnungen nichtweißer Migranten angegriffen. Familien mit Kindern mussten aus ihren Häusern fliehen oder von der Polizei evakuiert werden.
In Unkenntnis der sektiererischen geographischen Aufteilung Nordirlands, insbesondere der Metropole Belfast, gelang es den hiesigen Medien aber in der Regel nicht, den besonderen Charakter der Ausschreitungen zu erfassen. Schauplätze der Ausschreitungen waren der Osten Belfasts entlang der Newtownards Road, ein Gebiet an der Crumlin Road im Norden sowie die Donegall Road im Süden der Stadt, außerhalb Belfasts waren unter anderem Glengormley und Newtownabbey betroffen – samt und sonders Hochburgen des protestantischen Loyalismus, in denen zwei loyalistische paramilitärische Gruppen, die von der EU als Terrororganisation gelistete Ulster Defence Association (UDA) und die Ulster Volunteer Force (UVF), seit den Sechzigern respektive den Siebzigern aktiv sind.
1964 erklärte ein Politiker der Labour Party in Nordirland, dass »Farbige aus allen Teilen der Welt in diesem kleinen Land willkommener sind als anderswo«.
Insbesondere in den unteren Schichten der nordirischen Gesellschaft ist die Segregation nahezu total. Katholiken leben in Straßen, die fast ausschließlich von Katholiken, Protestanten in Straßen, die fast ebenso ausschließlich von Protestanten bewohnt werden. Segregation bedeutet auch: weitgehende Beschränkung des eigenen Lebens auf das eigene Viertel, in dem Menschen mit einem anderen kulturellen, religiösen oder ethnischen Hintergrund unerwünscht sind. Dies gilt insbesondere für protestantische Viertel.
»An einigen Orten, die, um es milde auszudrücken, einen stolzen Sinn für sozialen und kulturellen Zusammenhalt haben, herrscht grundlegender Rassismus«, schreibt der irische Journalist Malachi O’Doherty. Gemeinschaften, die es gewohnt sind, in derselben Siedlung zu leben, gehen auf die Barrikaden, »wenn Außenstehende Häuser beziehen, die sonst vielleicht an Freunde oder Verwandte gegangen wären. Ob es sich nun um Katholiken oder Roma handelt – es wird als eine Verwässerung dieser Gemeinschaft betrachtet.«
In einem Staat, der einst als Protestant state for Protestant people ins Leben gerufen wurde, sehen Nordirlands Loyalisten sich nicht nur dadurch bedroht, dass der katholisch-nationalistische Bevölkerungsanteil mittlerweile größer ist als der protestantische, sondern auch durch Migration.
Bis 1998 keine nennenswerte Zuwanderung nach Nordirland
Bis zum Karfreitagsabkommen von 1998, das die die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Republikanern und Loyalisten sowie den bewaffneten Kräften des britischen Staats beendete, gab es keine nennenswerte Zuwanderung nach Nordirland. Das hat sich geändert, wenn auch in einem im Vergleich zum Rest des Vereinigten Königreichs äußerst moderaten Ausmaß. Bei der Volkszählung von 2001 gehörten nur 14.300 Menschen, also 0,8 Prozent der Gesamtbevölkerung, einer ethnischen Minderheit an. Im Jahr 2021 waren es 65.600 Menschen oder 3,4 Prozent. Im Vergleich zu England (18 Prozent) oder Schottland (elf Prozent) ist Nordirland nach wie vor sehr weiß und wenig divers.
Geändert hat sich das Muster der Migration. Nach der Erweiterung der Europäischen Union im Jahr 2004 wanderten vor allem Menschen aus Polen, Rumänien und Litauen nach ein. Die internationale Zuwanderung nach Nordirland war eurozentrisch. Nur wenige Migranten kamen von außerhalb der EU.
Als die Regierung von Boris Johnson 2021 ein punktebasiertes Einwanderungssystem nach Qualifikationen der potentiellen Einwanderer einführte, veränderte sich das. Um die britische Wirtschaft von einer vermeintlichen Abhängigkeit von geringqualifizierten Arbeitskräften aus der EU zu befreien, wurde geringqualifizierten oder befristet angestellten Arbeitskräften der Zugang erschwert, während die Einwanderung jenen Bewerbern erleichtert wurde, die nicht aus EU-Staaten stammten.
Ein Artikel der BBC fasst die Entwicklung so zusammen: Im Jahr 2014 beantragten in Nordirland nur 260 Inder eine Sozialversicherungsnummer, 2024 waren es bereits 1.200. Unter Nigerianern stieg die Zahl von 50 auf 330, bei Pakistanern von 60 auf 370. Im gleichen Zeitraum sanken die polnischen Registrierungen von 2.700 auf 110, bei Litauern von 1.050 auf 100. Vor einem Jahrzehnt waren gerade einmal 85 indische Studierende an den nordirischen Universitäten eingeschrieben, 2022 waren es dann mehr als 2.000.
Pogromartige Vertreibungen mit Tradition im reaktionären probritischen Loyalismus
Pogromartige Vertreibungen haben im reaktionären probritischen Loyalismus Tradition. Schon die Gründung des nordirischen Staats Anfang des 20. Jahrhunderts wurde von Pogromen begleitet. Damals wurden allein in Belfast 11.000 katholische Arbeiter von ihren Arbeitsplätzen vertrieben. 23.000 Katholiken, die in mehrheitlich protestantischen Gebieten oder am Rande dieser lebten, mussten ihre Häuser verlassen.
Bei Ausbruch der sogenannten Troubles 1969 wurden in Belfast 1.820 Familien aus ihren Häusern vertrieben, 1.505 waren katholischen Glaubens. Zwischen 1969 und 1972 sahen sich zwischen 8.000 und 15.000 Familien genötigt, Haus und Viertel zu verlassen. 1974 torpedierte eine militante loyalistische Massenbewegung das Projekt der britischen Regierung, die Verhältnisse in diesem Landesteil durch die Bildung einer Regierung aus Unionisten und gemäßigten Nationalisten sowie die Einrichtung eines gesamtirischen Rats zu befrieden. Die UDA, die damals noch 30.000 bis 40.000 Mitglieder zählte, drohte mit der kompletten Vertreibung von Katholiken aus Nordirland. 1986, im Zuge des anglo-irischen Abkommens, und rund um den 12. Juli 1996 kam es zu weiteren Vertreibungen, von denen erneut vornehmlich Katholiken betroffen waren.
Rassismus war in Nordirland lange Zeit kein Thema. 1964 erklärte ein Politiker der Labour Party in Nordirland, dass »Farbige aus allen Teilen der Welt in diesem kleinen Land willkommener sind als anderswo«. Als die britische Regierung in den Sechzigern und Siebzigern Gesetze zur Ächtung von Rassendiskriminierung verabschiedete, wurde die Provinz von diesen ausgenommen, da dort Rassismus kein Problem darstelle.
»Wenigstens dieses Problem plagt uns nicht«
Während der Troubles hörte man häufig: »Wenigstens dieses Problem plagt uns nicht.« Was aber nicht bedeutete, dass Rassismus nicht existierte. Asiatische Migrant:innen waren auch damals nicht wohlgelitten, nur wurde dies allgemein nicht wahrgenommen. Migration war kaum im Alltag sichtbar, hatte keine nennenswerten Auswirkungen auf die ansonsten von den Loyalisten argwöhnisch beäugte demographische Entwicklung in Nordirland.
Jack Crangle, Sozialhistoriker an der Belfaster Queen’s University, schildert in seinem 2023 erschienenen Buch »Migrants, Immigrants and Diversity in Twentieth-century Northern Ireland: British, Irish or ›Other‹?« ein Ereignis aus den Achtzigern: Ein junger Chinese der zweiten Generation besucht eine katholische Schule und trägt eine entsprechende Schuluniform. Als er sich in ein loyalistisches Viertel von Belfast verirrt, wird er von einer Gruppe Jugendlicher zusammengeschlagen. Diese überschütten ihr Opfer sowohl mit sektiererischen wie auch mit rassistischen Beleidigungen. Der Schüler wird gleich zweier Vergehen für schuldig befunden: Nicht nur, dass er eine katholische Schule besucht, also möglicherweise Katholik ist; er ist auch noch Asiat.
Zwar ist militanter Rassismus noch immer eine ganz überwiegend protestantisch-loyalistische Angelegenheit, aber völlig immun sind die katholischen und politisch von der republikanischen Sinn Féin vertretenen Gebiete nicht.
Trotzdem war bis zum Karfreitagsabkommen der Widerspruch zwischen Katholiken und Nationalisten sowie Protestanten und Unionisten bestimmend. Das antikatholische Sektierertum richtete sich allerdings nicht nur gegen eine »fremde Religion« und »fremde Kultur«, sondern auch »fremde Menschen«, genauer: gegen Iren, und war somit häufig auch rassistisch.
Zwar ist militanter Rassismus noch immer eine ganz überwiegend protestantisch-loyalistische Angelegenheit, aber völlig immun sind die katholischen und politisch von der republikanischen Sinn Féin vertretenen Gebiete nicht. Auch in Poleglass und Twinbrook, zwei republikanischen Viertel am äußersten Rand von West Belfast, wurden bereits rassistische Graffiti registriert: »White Irish Only!«
Auch ein inklusiv daherkommender Nationalismus wie der irische, dessen Wurzeln die Erfahrung von kolonialistischer Unterdrückung und Diskriminierung sind, hat seine Kipppunkte.