02.07.2026
Die Tagebücher Carl Schmitts aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Der akademische Antisemit

Luftkrieg, Amerikanismus, Antichrist: Die digitalisierten Kriegstagebücher Carl Schmitts zeigen den Juristen im Endzeitwahn. Die Vorstellung des göttlichen Gerichts gründet auf Antisemitismus und ­Antimodernismus.

Die bisher unveröffentlichten Tagebücher Carl Schmitt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in einer umfassenden digitalen Edition der ­Forschung zugänglich zu machen, ist das Ziel eines umfangreichen Projekts der Deutschen Forschungsgesellschaft. Auf der Website carlschmitt.bio sind bereits die Einträge von März 1943 bis Januar 1944 nachzulesen. Die Herausgeber:innen Philip Manow, Florian Meinel und Angela Reinthal weisen im Vorwort auf das in der Forschung umstrittene Verhältnis Schmitts zum Nationalsozialismus in der Zeit nach 1936 hin, das die Tagebücher erhellen sollen.

Nach Ermittlungen des Sicherheitsdiensts des Reichsführers SS war Schmitt im Dezember 1936 als Opportunist mit Verbindungen zu Juden aus allen Parteiämtern entfernt worden. Die Zeit seines öffentlichen ­Engagements für den Nationalsozialismus war damit beendet – freilich nicht auf eigenen Wunsch. Immerhin konnte Schmitt seine Professur in Berlin behalten, unternahm mehrere Forschungsreisen nach Spanien – auch im Rahmen des Deutschen Akademischen Austauschdiensts – und unterhielt weiterhin Beziehungen zur Führungsschicht, insbesondere anderen Juristen. Zu Ernst Jünger, der seit 1939 Wehrmachtsoffizier war, und Johannes Popitz, seit 1933 preußischer Finanzminister, pflegte er auch nach seiner Kaltstellung freundschaftliche Beziehungen.

Institutionelle Brüche und private Verbindungen lassen Schmitts Verhältnis zum Nationalsozialismus uneindeutig erscheinen. Ein Blick auf die ideologische Grundierung der Tagebücher fördert jedoch das Bild eines notorischen Antisemiten zu Tage.

Institutionellen Brüche und private Verbindungen lassen Schmitts Verhältnis zum Nationalsozialismus uneindeutig erscheinen. Ein Blick auf die ideologische Grundierung der Tagebücher fördert jedoch das Bild eines notorischen Antisemiten zu Tage. Am 24. Juli 1943 hält Schmitt fest: »Las die jüdischen Psychotiker und Marxisten (Borkenau, Wiesengrund) der Frankfurter ›Zeitschrift für Sozialforschung‹. Erschrak, und sah, daß die letzten 10 Jahre wohl verdient sind.« Gemeint waren der Kulturhistoriker Franz Borkenau und Theodor W. Adorno, der vor seinem US-amerikanischen Exil noch seinen ursprünglichen Nachnamen Wiesengrund verwendet hatte. Hass, Abwertung und der Wunsch nach Vernichtung finden sich in zahlreichen weiteren Einträgen.

Dabei spielt »das Jüdische« eine wichtige Rolle in Schmitts Denken. Juden sind fester Bestandteil seines manichäischen Weltbilds, das auf der Ablehnung des Abstrakten und der Suche nach dem Unmittelbaren beruht. In einer Notiz vom 5. Oktober 1943 wünscht Schmitt sich zurück »in die Problemlosigkeit des Mutterleibs«, in welcher allein Erholung und »wahrer Schlaf« möglich seien; ein Ursprünglichkeitsideal, das sich im Licht von Schmitts Liberalismus- und Technikkritik deuten lässt. ­Außerdem seien es Juden, die selbst nicht zum Schlaf in der Lage seien und deshalb »auch andere am Schlafen hindern und in ihrem Schlaf stören«. Juden sind demnach mit einer abstrakten Macht ausgestattet, mit der sie der Menschheit – von der sie selbst ausgeschlossen sind – ihre ureigensten Sehnsüchte streitig machen.

Jüdisches Bewusstsein als "Fälschung der Vernunft"

In einer Eintragung im September 1943 – wieder nach einer Lektüre Adornos – meint Schmitt, im »jüdischen Bewusstsein« eine Fälschung der Vernunft zu erkennen: »Die Diatonik ist das musikalische Urmaterial des Bürgertums (sagt der psychoanalysierende Marxist Wiesengrund); stimmt, aber indem es der Jude sagt, wird es sofort falsch (…) Indem der Jude ein Wort gebraucht, fälscht er etwas, notwendigerweise, in dem Licht des jüdischen Bewußtseins verändert sich die belichtete Sache.« So weit, so wahnhaft. Doch dann die Wendung: »Indem nun der Anti-Jude polemisch darauf reagiert, wird aus der Fälschung ebenso scheußliche Verunstaltung; trauriges Dilemma.« Wie hier zeigt sich Schmitt in den Tagebüchern stellenweise auch desillusioniert vom Nationalsozialismus. Dazu mögen nicht zuletzt der Luftkrieg, über dessen Zerstörungen er sich immer wieder erschüttert zeigte, sowie die politische Demontage seiner Person beigetragen haben.

Im Kontext dieser Neubewertung parallelisiert Schmitt den Nationalsozialismus und »das Jüdische« immer wieder und setzt beide stellenweise auch gleich. Zu Jakob Wassermanns »Mein Weg als Deutscher und Jude« notiert er zunächst seinen Ekel vor der »Unfähigkeit des Juden, seinen Mund zu halten und bei sich selbst zu bleiben«, um dann fortzufahren: »Ich kann es nicht leugnen, die Menschheit hat 2 Geißeln; was er über ›Zentralhexen-Küche‹ sagte, die unbegreifliche Art von Haß (der deutsche Haß), in grauenhaftem Sadismus, das alles ist ja wahr.« Wassermann bezeichnete den Kreis um Richard Wagner in Bayreuth als »Zentralhexenküche«, um den dort fabrizierten Antisemitismus zu ­kritisieren. Dieser Analyse stimmt Schmitt also zu, wobei er im selben Atemzug, wenn auch unausgesprochen, das »Jüdische« zur Geißel erklärt, die genauso verwerflich sei wie der Antisemitismus.

Grundlagen für "Der Nomos der Erde"

Die Tagebücher lassen auch größere theoretische Suchbewegungen erkennen, die Schmitt 1950 in seinem Werk »Der Nomos der Erde« zusammenführen wird. Überlegungen zur Raumordnung und zu Begriffen wie »Katechon«, »Nomos« oder »Conquista«, die aus dem Werk bekannt sind, finden sich in den Tagebüchern immer wieder. Insbesondere die Frage, wo nun der Katechon – die biblische Figur des Aufhalters von Antichrist und Endzeit – zu finden sei, treibt Schmitt offensichtlich um.

In einer Notiz von Ostern 1943 scheint das nationalsozialistische Deutschland als Aufhalter von Technisierung und Demokratie für Schmitt weiterhin in Frage zu kommen: »Die großen Parallelen: wie man vor 100 Jahren seit Tocqueville die Demokratie als das Schicksal empfand, so heute die ›Technisierung‹ der Erde und ihre Folge: ­Amerikanismus oder Bolschewismus. Das bedeutet das amerikanische Jahrhundert! (Die damalige Demokratisierung war schon die Techni­sierung!) Was setzen wir dem entgegen? Eine romantische Idylle, ­unwahr und verlogen? Oder eine Überbietung der Technisierung? Oder den katéchon (im Original in Altgriechisch; Anm. d. Red.)?« Technisierung und Demokratie als ab­strak­te Seiten der Moderne gelten Schmitt als identisch mit der Endzeit und dem Antichristen, was nicht nur auf Verschwörungserzählungen des christlichen Antijudaismus zurückgreift, sondern antidemokratische und rückwärtsgewandte Bewegungen im Lichte der Erlösung erscheinen lässt.

Für Schmitt sind es Liberalismus, Technisierung und Massenkultur, die die Menschheit verderben und das Eintreten der Endzeit herausfordern. Der »Anblick des zerstörten Berlin« hält ihm die Erkenntnis der »Kern-Situation des christlichen Äon« bereit, nämlich das Schicksal »der termitisierten massa perditionis unserer Großstädte, die keiner Erschütterung, keiner Erweckung, keiner Wiedergeburt mehr fähig sind«. Die »Masse der Verderbtheit« (ein auf den Kirchenlehrer Augustinus zurückgehender Begriff), die er an anderer Stelle auch mit einem Ameisenhaufen gleichsetzt, sei nicht mehr zum Glauben fähig, sondern auf das Diesseits »dressiert«. Dass Schmitt sich das göttliche Gericht durch Luftkrieg und Massenkultur plausibel macht, erklärt auch die Dringlichkeit seiner Suche nach dem Katechon. Entsprechend wahllos sind dann auch seine Funde: Mal soll es die Wehrmacht sein, mal Spanien, mal der Vatikan.

Dass ihm unterdessen die Situa­tion der europäischen Juden nicht verborgen blieb, zeigen einige Einträge. Obwohl er sich stellenweise auch besorgt oder erschüttert dar­über zeigt, zieht er immer wieder ­zynische Vergleiche mit der Situation der Deutschen. So verharmlost er am 5. Oktober 1943 das Schicksal tausender dänischer Juden und Jüdinnen, die über die Ostsee flohen: »Trotzdem geht es ihnen besser als mir.« Während die Flüchtenden zwar auf stürmischer See unterwegs seien, befänden »wir« uns bereits »im Katarakt«, also in einem Wasserfall oder in einer Stromschnelle. Denn kriegsbedingt sei er bereits »seit 5 Tagen ohne Post«.