Eine unelegante Angelegenheit
Ornithologie ist bekanntlich das Forschungsfeld, das sich mit Vögeln beschäftigt. Und ja, dazu gehört auch deren Sexualleben – dass es da einiges zu beobachten gibt, wissen auch Lai:innen nicht zuletzt dank des schamlosen Verhaltens von Stadttauben.
Die meisten Piepmätze verfügen nicht über die bei Säugetieren übliche Genitalkonfiguration, sondern über eine Kloake, eine Körperöffnung für Ausscheidung und Fortpflanzung. Sie besitzt vergleichsweise wenig Nervenenden, daher wurde die Frage, was Vögel beim Sex empfinden, bislang etwas vernachlässigt.
Das könnte sich mit der Studie »The Evolution of Masturbation in Birds« ändern, die britische Biolog:innen kürzlich veröffentlicht haben. Wie der Titel nahelegt, sind die letzten lebenden Dinosaurier der Selbstbefriedigung nicht abgeneigt – »eine ziemlich unelegante Angelegenheit, bei der ein Vogel seine Kloake an einem Objekt wie etwa einem Ast, Zweig oder Spielzeug reibt«, schreiben die Studienautor:innen auf der Online-Plattform The Conversation, die sich wissenschaftlicher Aufklärung widmet.
Bislang galt diese Selbstbefriedigung in erster Linie als unnatürliches Verhalten in Gefangenschaft, doch die Forschenden fanden heraus, dass es in freier Wildbahn sogar häufiger vorkommt
Bislang galt diese Selbstbefriedigung in erster Linie als unnatürliches Verhalten in Gefangenschaft, doch die Forschenden fanden heraus, dass es in freier Wildbahn sogar häufiger vorkommt, und zwar unabhängig von Alter oder Geschlecht, wenn auch bei Männchen etwas öfter. Eine größere Rolle spielt das Beziehungsleben: Monogame Spezies erfreuen sich seltener an sich selbst als solche mit promiskuitivem Lebenswandel.
Was die Studie nicht klärt, ist die Frage, ob das im Tierreich weitverbreitete Tun einen Zweck erfüllt. Möglicherweise verbessere es aus diversen biologischen Gründen den Fortpflanzungserfolg, spekulieren die Autor:innen – oder es sei schlicht ein funktionsloses Nebenprodukt der Evolution, das der Sexualtrieb mit sich bringe.
Dass der manchmal seltsame Blüten treibt, zeigt wiederum ein Vorkommnis aus der Vogelwelt, dem der jährliche »Dead Duck Day« am 5. Juni gewidmet ist. An diesem Tag im Jahr 1995 beobachtete der Biologe Kees Moeliker, Kurator am Naturhistorischen Museum Rotterdam, die tödliche Kollision einer männlichen Stockente mit einer Glasscheibe und die darauffolgende, 75minütige Begattung des Kadavers des unglücklichen Vogels durch einen Artgenossen. Moelikers Fachaufsatz »Der erste Fall von homosexueller Nekrophilie bei Stockenten« brachte ihm 2003 den Ig-Nobelpreis für Biologie ein.
Der Verleihung dieses satirischen Wissenschaftspreises findet dieses Jahr übrigens aus nicht so amüsanten Gründen nicht mehr in den USA, sondern in Europa statt, genauer, am 3. September in Zürich. Die Veranstaltung ist zwar ausverkauft, es besteht aber eine Chance auf Restkarten.