02.07.2026
Keir Starmers Rücktritt und die Folgen

Burnham nimmt den Zug

Die neue Hoffnung der britischen Labour Party heißt Andrew Burnham. Er inszeniert sich als Anwalt des ­deindustrialisierten Nordens. Ein linker Kurs ist von ihm jedoch nicht unbedingt zu erwarten.

Großbritannien hat in den vergangenen Jahren so viele Rücktritte von Premierministern erlebt, dass die britische Presse, nie um ein bissiges Wort verlegen, schon begonnen hat, die Rednerpulte zu analysieren, die für die jeweiligen Rücktrittsreden vor dem Amtssitz in der Downing Street No. 10 aufgebaut werden. So erinnerte das Rednerpult der Tory-Kurzzeitpremierministerin Liz Truss, die nach nur 45 Tagen im Amt ausschied, an einen instabilen Jenga-Turm, was die britische Presse gleich als Analogie für ihre turbulente Amtszeit wertete. Ihr Nachfolger Rishi Sunak (ebenfalls ein Tory), der nach 20 Monaten abgewählt wurde, nutzte für seine Rücktrittsrede dann ein schlichteres, stabiler aussehendes Rednerpult. Vor demselben stand am Montag vergangener Woche Keir Starmer (Labour) – vielleicht wollte er damit ja Sparsamkeit demonstrieren. Aufsehen in der Presse erregte deswegen diesmal nicht das Rednerpult, sondern der Rednerpultaufsteller, ein durchtrainierter Tontechniker in einem engen schwarzen T-Shirt. Der »heiße Podium-Typ«, namentlich Tobias Gough, war sogar der New York Times einen Bericht wert, denn er hat die Rednerpulte schon für mittlerweile fünf Premierminister, beginnend mit Theresa Mays Abschiedsrede 2019, bereitgestellt.

Das Hauptereignis blieb freilich die Ankündigung Keir Starmers, als Labour-Vorsitzender und als Premierminister zurückzutreten. Er sagte in seiner Rede, dass er zwar stolz auf die Leistungen seiner Regierung, sich jedoch nicht mehr der Unterstützung seiner Partei sicher sei.

In der Nachwahl am 18. Juni übertraf Andrew Burnham alle Prognosen und gewann mit knapp 55 Prozent der Stimmen den nordenglischen Wahlkreis Makerfield.

Seine knapp zweijährige Amtszeit war von Wahlniederlagen und schlechten Umfrageergebnissen geprägt. Wollte man Erfolge aufzählen, könnte man darauf verweisen, dass die britische Wirtschaftsleistung im vergangenen Quartal schneller wuchs als die aller anderen G7-Staaten. Zudem hat sich Starmer insbesondere der Außenpolitik gewidmet. Zu Beginn seiner Amtszeit konnte er sogar eine gute Beziehung zu US-Präsident Donald Trump vorweisen, bevor sich diese wegen Trumps Iran-Abenteuer in diesem Jahr wieder abkühlte. Wegen seines innerparteilichen Vorgehens gegen Antisemitismus und weil er den Parteiausschluss Jeremy Corbyns unterstützt hatte, galt Starmer vielen britischen Linken als konservativer Wolf im sozialdemokratischen Schafspelz. Dabei setzte er einige linke Forderungen durch, zum Beispiel indem seine Regierung die schrittweise Wiederverstaatlichung der Eisenbahnen einleitete.

Hohe Inflation und Ausländerfeindlichkeit

Doch leidet Großbritannien weiterhin unter ausgesprochen hohen Lebenshaltungskosten. Lange Zeit lag die Inflationsrate höher als in der Euro-Zone, auch im Mai 2026 betrug sie 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahres­monat.

Bei britischen Rechten war Starmer aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen im Land unten durch. Nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU, dem sogenannten Brexit, ist die Zahl der Asylanträge nicht gesunken, gleichzeitig gab es zeitweise deutlich mehr legale Einwanderung. Im vergangenen Jahr fanden vielerorts Demonstrationen gegen Flüchtlinge statt, Reform UK ist inzwischen in Umfragen deutlich stärkste Partei, und sogar die extrem rechte Partei Restore Britain liegt bei fünf Prozent.

Starmer warb zuletzt offensiv damit, dass seine Regierung nicht nur eine re­striktive Flüchtlingspolitik verfolge, sondern in jüngster Zeit die legale Einwanderung wieder deutlich verringert habe. Das dürfte jedoch ehemalige Labour-Wähler kaum überzeugt haben, die jetzt lieber für die rechtspopulistische Partei Reform UK des »Brexit«-Propagandisten Nigel Farage stimmen.

Gleichzeitig geriet Labour durch den Aufstieg der Green Party unter Druck. Das schwache Abschneiden bei Wahlen in den vergangenen anderthalb Jahren, insbesondere die Nachwahl im Wahlkreis Gorton and Denton, den Labour an die Grünen verlor, sorgte dafür, dass Starmer sich nicht mehr halten konnte.

Designierter Nachfolger Andy Burnham als Hoffnung für Labour

Spätestens wenn das Parlament im September nach einer Sommerpause wieder zusammentritt, soll feststehen, wer Starmers Nachfolge antritt. Da in Großbritannien traditionell der oder die Vorsitzende der stärksten Partei im Unterhaus Premierminister wird, geht es nun darum, wer sich den Labour-Vorsitz sichern kann.

Die meisten Kommentatoren sind überzeugt, dass das bereits feststeht: Andy Burnham, der am 18. Juni für den nordenglischen Wahlkreis Makerfield ins Unterhaus gewählt wurde und bis dahin Bürgermeister der Metropolregion Greater Manchester gewesen war. Die BBC übertrug live per Hubschrauber, wie Burnhams Zug am Tag von Starmers Rücktritt, leicht verspätet, in den Londoner Bahnhof Euston einfuhr.

Burnham gilt vielen als letzte Hoffnung für Labour. Bei der Nachwahl in Makerfield hat er knapp 55 Prozent gewonnen und damit alle vorherigen Umfragen übertroffen. Seine Wahl hatte keineswegs als sicher gegolten, denn Reform UK hatte viele Ressourcen in den Wahlkampf gesteckt. Burnhams Sieg über Reform UK wurde häufig als Beweis interpretiert, dass er die frustrierte Labour-Stammwählerschaft im deindustrialisierten Norden für die Partei zurückgewinnen ­könnte.

Schon in seiner Zeit als Bürgermeister der Region Manchester inszenierte sich Burnham gerne als authentische Stimme aus dem abgehängten Norden im Kontrast zum politischen Establishment in London.

Unbestritten ist, dass Burnham unter heutigen Bedingungen ein populärerer Politiker ist als der eher dröge Starmer. In den sozialen Medien gibt sich Burnham schlagfertig und humorvoll. Für den Wahlkampf in Makerfield konnte er die Unterstützung der Britpop-Band Oasis und der nordenglischen Rockband Elbow gewinnen. Burnham gehört in Umfragen regelmäßig zu den beliebtesten Politikern in Großbritannien.

Wofür Burnham politisch steht, ist weniger klar. Gegen Ende der nuller Jahre war er erst Kultur- und dann Gesundheitsminister unter Gordon Brown und somit Teil der letzten Jahre von »New Labour«. Damals galt er als fiskalkonservativ. Als der Linkspopulist Jeremy Corbyn Parteivorsitzender wurde, war Burnham jedoch auch in seinem Schattenkabinett als Innenminister vertreten.

Einen Namen hat er sich vor allem seit 2017 als Bürgermeister der Metropolregion Greater Manchester gemacht. Seinen Regierungskurs dort bezeichnet er selbst als »Manchesterismus«, was keineswegs an den »Manchester-Kapitalismus« erinnern soll, eine Bezeichnung aus dem 19. Jahrhundert für den brutalen Frühkapitalismus. Vielmehr stehe sein Konzept für das »Ende des Neoliberalismus«, so Burnham. Als Beleg könnte man darauf verweisen, dass er in seiner Amtszeit das Netz des öffentlichen Nahverkehrs wieder in die öffentliche Hand brachte und die Busfahrpreise halbierte.

Schon in jener Zeit inszenierte sich Burnham gerne als authentische Stimme aus dem abgehängten Norden im Kontrast zum politischen Establishment in London. Solche Töne schlug er auch am Montag an, als er in Manchester eine erste programmatische Rede hielt. Er versprach einen »radikalen Wandel«, denn das Land befinde sich »in einer Sackgasse«. Vor allem wolle er sich für politische Dezentralisierung einsetzen, um den Regionen und Städten mehr Kompetenzen zu geben. Außerdem kündigte er »das größte Programm zum Bau von Sozialwohnungen seit der Nachkriegszeit« an.

Dass Labour unter Burnham nach links schwenken könnte, ist jedoch alles andere als ausgemacht. Es wird weithin angenommen, dass Burnham an der Innenministerin Shabana Mahmood festhalten wird, die zum rechten Rand der Partei gehört und eine restriktive Asylpolitik nach dänischem Vorbild anstrebt. Viel über Burnhams künftige Politik wird die Wahl seines Schatzkanzlers aussagen, dem wohl zweitwichtigsten Amt in der britischen Regierung. Sollte Burnham den linksliberalen Energieminister Ed Miliband auswählen, ließe sich dies als Bekenntnis zu den britischen Klimazielen deuten. Sollte Burnham hingegen den eher kapitalfreundlichen Wes Streeting auswählen, wären auch neue Öl­bohrungen in der Nordsee nicht undenkbar.

Noch ist nicht ausgeschlossen, dass sich jemand anderes auf das Amt des Labour-Vorsitzenden bewirbt. Das könnte zu einem innerparteilichen Wahlkampf führen, der über den Sommer hinausreichen könnte.

So oder so wird der neue Labour-Premierminister viele Probleme am Hals haben. Schon die Tatsache, dass es sich um den siebten Amtsinhaber innerhalb von nur zehn Jahren handeln wird, zeugt von der Krise des britischen Politikbetriebs. Setzt sich die derzeitige Entwicklung fort, könnten die beiden Traditionsparteien Labour und Tories durch Reform UK und die Green Party geradezu ersetzt werden.

Zweifellos hat der EU-Austritt zur jahrelangen wirtschaftlichen Stagnation beigetragen und viele Probleme im Königreich noch komplizierter gemacht. Doch andere Ursachen für die britische Misere dürften tiefer liegen. Vor allem die alten Industriezentren haben über die Jahrzehnte viele sichere und gutbezahlte Arbeitsplätze verloren. Nach der Finanzkrise 2008 wurde eine strenge Austeritätspolitik implementiert. Der Finanzplatz London boomte bald wieder, doch andere Regionen fielen wirtschaftlich noch weiter zurück und verarmten geradezu. Dieses Missverhältnis kann Burnham für seine politische Rhetorik nutzen; ob er es auch beheben kann, ist eine andere Frage.