Kinderfreie Zone
Ein bisschen ist es mit dem Kinder- und Jugendschutz wie mit dem Tierschutz: Alle sind zumindest theoretisch dafür, aber auch nur, solange dafür nicht eigene Gewohnheiten, Vorlieben oder gar Privilegien aufgegeben werden müssen. Wie das dann konkret aussieht, war in den schier endlosen Wochen, in denen der mittlerweile verstorbene Buckelwal von einer Untiefe in der Ostsee zur nächsten schwamm, um ein ums andere Mal zu stranden, eindrucksvoll vorgeführt worden. Dessen Fans fanden mehrheitlich nichts dabei, lautstark gegen das ihrer Meinung nach unter anderem von Netzen der Fischindustrie und damit von »der Politik« ausgelöste Leiden von Timmy oder Hope (je nachdem) zu protestieren und dabei fröhlich Fischbrötchen zu essen. Gewöhnliche Heringe, Makrelen und Shrimps lassen sich halt nicht so schön vermenschlichen und mit esoterischer Bedeutung aufladen wie »der sanfte Riese«, der dazu auch noch als Singen interpretierbare Geräusche macht.
Mit Kindern und Jugendlichen ist es ähnlich: Websites und Foren, in denen es um angebliche Willkür von Jugendämtern und Politik geht, haben Hochkonjunktur. Eine – mittlerweile eingestellte – Seite versuchte sogar, auf Türkisch und Arabisch Eltern Angst zu machen, dass deutsche Ämter ihnen praktisch anlasslos jederzeit die Kinder wegnehmen könnten. Versehen mit allerlei Verschwörungslügen, natürlich. Begünstigt wird solcherart Panikmache dadurch, dass Eltern, denen die Kinder entzogen werden, mit ihrer Darstellung der Ereignisse sozusagen über die alleinige Definitionsmacht verfügen. Denn Ämter dürfen in aller Regel aus Personenschutzgründen ihre Sicht der Dinge nicht schildern. Blogs und Websites hingegen werden nur hin und wieder gesperrt, wenn – was gar nicht so selten ist – persönliche Daten von Mitarbeitern und Richtern verbreitet werden.
Auch Erwachsene möchten keinesfalls für hässlich, langweilig, uninformiert gehalten werden. Volljährige kann man allerdings kaum daran hindern, auf Blödsinn hereinzufallen.
Umgekehrt führen die Fälle, in denen Jugendämter untätig blieben und Kinder dadurch starben, zuverlässig ebenfalls zu Hass und Gewaltaufrufen. Kinder- und Jugendschutz hat also, zusammenfassend, gleichzeitig unnachgiebig autoritär und zurückhaltend zu sein, durchzugreifen und niemanden zu stören, Rechte von Eltern als Priorität und als vernachlässigbar zu behandeln.
Die derzeitige Debatte über ein Social-Media-Verbot für alle unter 16 Jahren passt zur unübersichtlichen Lage. Auf den ersten Blick wirkt es so, als seien sich alle darüber einig, dass Kinder und Jugendliche vor dem Einfluss algorithmisch sortierter Bildchen und Videos geschützt werden sollten. Und damit nicht nur vor Pornoschnipseln, Gewaltphantasien, Fake News, Volksverhetzung, sondern auch vor unrealistischen Schönheitsidealen und Werbelügen.
Dass solche oft in atemberaubendem Tempo an den jungen Konsumenten und Konsumentinnen vorbeiflirrenden Botschaften ausgerechnet bei Jugendlichen auf großen Zuspruch stoßen, ist nicht verwunderlich, schließlich gehören Unsicherheit und Angst vor Ablehnung zwingend zur Pubertät dazu. Gut, auch Erwachsene möchten keinesfalls für hässlich, langweilig, uninformiert gehalten werden, wie der ungebrochene Trend zur Selbstoptimierung zeigt. Volljährige kann man allerdings kaum daran hindern, auf Blödsinn hereinzufallen.
Und so scheinen Social-Media-Verbote die Lösung für praktisch alles zu sein. Jugendlichen können schließlich problemlos Sachen verboten werden, was zusätzlich den Vorteil hat, dass Politiker und Gesellschaft sich nicht den lästigen Zorn Erwachsener zuziehen, sondern von ihnen beklatscht werden. Prima, Problem gelöst.
Wirklich? In Australien, wo besagtes Verbot für Jugendliche bereits gilt, müssen Internetplattformen dafür sorgen, dass sich niemand unter 16 einen Account anlegen kann oder einen existierenden behalten darf. Das ist an sich keine schlechte Idee, denn diejenigen, die an Minderjährigen verdienen und mit ihren Algorithmen darüber entscheiden, wer was zu sehen bekommt, sollten wenigstens in diesem Punkt Verantwortung übernehmen. Zumal die Bereitschaft, Plattformen verstärkt zu regulieren und die Verbreitung von Hass, Hetze und Lügen zu unterbinden, nach wie vor nicht vorhanden zu sein scheint. Natürlich wegen der Meinungsfreiheit – aber das ist ein ganz anderes Thema.
Altersnachweise klingen jedenfalls nach einem unschlagbar einfachen Konzept, die unter 16jährigen auszusortieren. Theoretisch, denn praktisch ist die Sache dann doch nicht so einfach: Reicht ein von Usern und Userinnen anzuklickendes Häkchen, um die individuell absolvierte Anzahl der Lebensjahre zu belegen? Natürlich nicht. Also muss eine Altersverifikation her, und das bedeutet im Zweifel Ausweisdaten, Gesichtserkennung, Biometrie und weitere Werkzeuge zur Altersschätzung und damit externe Anbieter, die diese Daten verarbeiten, in ihren Datenbanken speichern sowie neue Schnittstellen – und damit potentielle neue Sicherheitsrisiken. Schließlich sind derartige Sammlungen privater Details viel Geld wert; sich darauf zu verlassen, dass sie nicht unbefugt verwendet, weiterverkauft oder gehackt werden, wäre furchtbar naiv.
Wer nie gelernt hat, Propaganda und Desinformation zu erkennen, wird schließlich durch das Erreichen einer Altersgrenze nicht automatisch dazu in der Lage sein.
Aber ist es überhaupt eine gute Idee, pauschal die gesamte U16 von Social Media fernzuhalten? Zumal wenn bis heute noch nicht einmal verbindlich geklärt wurde, welche Angebote genau unter den Begriff »soziale Medien« fallen? Auf Instagram, Tiktok, Snapchat, Facebook sowie X würde man sich womöglich noch relativ problemlos einigen können. Aber was ist mit Youtube, Twitch und den anderen Videoplattformen, auf denen schwer zurechtgefilterte Influencer und Influencerinnen zumindest Fragwürdiges aller Art verbreiten und Algorithmen dem Publikum als Vorschläge und Reels antisemitische, rassistische, misogyne Inhalte unterbreiten? Was ist mit nachlässig moderierten Kommentarspalten, Foren, Imageboards, Gaming-Plattformen mit dazugehörigen Chatfunktionen? Und den Klassenchats, in denen es eben nicht immer nur um Hausaufgaben geht, sondern durchaus auch Mobbing organisiert wird?
Alles nicht so einfach. Dazu kommt, dass Medienkompetenz eine allgemein wünschenswerte Fähigkeit ist. Denn was passierte, als man vor nicht allzu langer Zeit ganze Generationen ohne irgendwelche Grundkenntnisse auf das Internet losließ, kann noch heute überall bestaunt werden. Die Auswirkungen dessen sind schließlich das, was nun die abscheulichen Seiten des Internets ausmacht.
Menschen ab Vollendung des 16. Lebensjahrs unvorbereitet die Online-Welt erkunden zu lassen, dürfte die existierenden Probleme nur weiter verschärfen. Wer nie gelernt hat, Propaganda und Desinformation zu erkennen oder sich nicht nur die Frage zu stellen, ob empörende Behauptungen wirklich wahr sind, sondern auch die, wer sie warum verbreitet, wird schließlich durch das Erreichen einer Altersgrenze nicht automatisch dazu in der Lage sein.
Hinzu kommt, dass Jugendliche gewieft darin sind, Verbote zu umgehen. Und dabei dann auch noch unschuldig zu gucken. Angefangen bei Wählscheibenschlössern am Telefon, die genauso einfach ausgetrickst werden konnten wie wenig später Jugendschutzfilter, hat noch kein die Eltern schwer beeindruckender technischer Trick wirklich entschlossene junge Menschen davon abgehalten, zu tun, was sie wollen. Zumal sich Tipps zur Umgehung von generellen Verboten schon in Prä-Internet-Zeiten schneller verbreiteten, als Mama oder Papa »Taschengeldsperre« oder »Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst« sagen konnten.
An dieser Stelle kommt es immer gut, Phrasen wie »mehr Bildung« zu sagen und »dass das Selbstbewusstsein junger Menschen gestärkt werden muss«, weil dann gesamtgesellschaftlich zustimmend genickt wird. Nur reicht das nicht. Womit man bei dem Punkt wäre, dass Jugendliche sich völlig zu Recht verarscht fühlen würden, wenn ständig an ihren Handys klebende und atemlos jeden Unfug teilende Erwachsene ihnen pauschal die Teilhabe an Social Media verbieten wollen. Denn diese Erwachsenen haben es schließlich akzeptiert und bewirkt, dass die Zustände dort so sind, wie sie sind, und machen keine Anstalten, das zu ändern. Aber klar, Verbote für eine ganze Altersgruppe zu erlassen, ist viel bequemer, als dafür zu sorgen, dass Inhalte, die de facto nicht nur für junge Menschen gefährlich sind, nicht länger verbreitet werden. Hauptsache, alle über 16 können weitermachen wie bisher, alles andere wäre eine Zumutung.