Antisemitisches Fanal
Am 4. Juli 1946 wurde die Fotografin Julia Pirotte in Warschau in ihre Redaktion gerufen. Sie sollte über ein Pogrom berichten, das sich 170 Kilometer südlich in der zentralpolnischen Kreishauptstadt Kielce ereignete. »Du musst dich verstellen«, sagte der Redakteur zu der 1908 in Końskowola bei Lublin als Gina Diamant geborenen jüdischen Kommunistin und Kämpferin der Marseiller Résistance. »Sie ermorden weiter Juden in den Zügen, lauern ihnen an den Bahnhöfen auf.«
Pirotte traf am nächsten Tag unversehrt in Kielce ein. Sie notierte: »›Was ist hier los?‹, fragte ich einen der Passanten. ›Ich weiß nichts. Ich habe nichts gesehen.‹ Diese Antwort hörte ich immer und immer wieder. Niemand wusste etwas; niemand hatte etwas gesehen.« Sie fotografierte, auch die nackten Toten im Innenhof des Krankenhauses – Männer, Frauen und Kinder, »massakriert und geschändet«. Sie machte Bilder der verletzten Überlebenden, die ihr berichteten.
Die anschwellende Gruppe verbreitete in den Straßen das Gerücht, die Juden hielten polnische Kinder gefangen, um ihr Blut auszupressen.
Um acht Uhr morgens am 4. Juli passierten der achtjährige Henryk (Henio) Błaszczyk und sein Vater das Haus Planty-Straße 7, Sitz des örtlichen Jüdischen Komitees und des Kibbuz Ichud. Sie waren auf dem Weg zur Station der Bürgermiliz, um Anzeige zu erstatten. Henio war am Vorabend nach Hause zurückgekehrt, er war drei Tage verschwunden gewesen. Nun identifizierte er vor dem Haus Nr. 7 – angestachelt von einem Nachbarn – einen orthodoxen Juden mit grünem Hut, Kalman Singer, als seinen angeblichen Entführer. Mit einer vom Stationschef Zagórski entgegen allem Flehen des Jüdischen Komitee-Vorsitzenden Dr. Seweryn Kahane geschickten Milizpatrouille kehrten sie zurück. Die anschwellende Gruppe verbreitete in den Straßen das Gerücht, die Juden hielten polnische Kinder gefangen, um ihr Blut auszupressen.
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