»Wir machen keine Schlagzeilen mehr«
Die russische Vollinvasion der Ukraine dauert bereits mehr als vier Jahre. Wie ist die Stimmung in der ukrainischen Gesellschaft?
Die Menschen in der Ukraine sind einfach nur noch ausgebrannt und müde. Alle haben den Krieg als Realität akzeptiert und es gibt keinen Optimismus, dass er bald enden wird. Denn eines ist klar: Solange sich in Russland nicht etwas Fundamentales ändert, wird es keinen Frieden geben. Niemals.
Im Zusammenhang mit dem ukrainischen Widerstand gegen Russland fällt immer das Wort »Resilienz«. Was halten Sie von dem Begriff?
Das Wort lässt die Ukrainer immer wie Supermenschen klingen, als ob das eine besondere Eigenschaft wäre, die Menschen in anderen Ländern nicht haben. Wie eine magische Kraft, die uns ermöglicht, all dem Schrecken standzuhalten. Die Wahrheit ist: Egal wie widerstandsfähig man ist, der Krieg zehrt an einem.
»Die Menschen in der Ukraine sind ausgebrannt und müde. Es gibt keinen Optimismus, dass der Krieg bald enden wird.«
Auch an Ihnen persönlich?
2023 ist eine gute Freundin von mir bei einem russischen Raketenangriff auf Kramatorsk getötet worden. Und an dem Tag, als sie hier in Lwiw beerdigt werden sollte, ist hier eine Rakete in einem Wohnhaus eingeschlagen. Ich erinnere mich noch, wie ich mich, als der Alarm ertönte, im Badezimmer versteckte. Aber kaum war der Angriff vorbei, sprach ich gleich mit der BBC und anderen Sendern darüber. Das war schon einfach zur Routine geworden. Trotz der Trauer.
Der Krieg ist alltäglich geworden?
Der Krieg hätte niemals zur Normalität werden dürfen. Aber das ist nicht unsere Entscheidung. Ich denke, wir müssen die Berichterstattung über die Ukraine entmystifizieren und deutlich machen, dass wir genauso sind wie die Menschen in Westeuropa, in Amerika oder in Südostasien. Abgesehen davon, dass wir den Krieg durchmachen, haben wir dieselben Probleme: Wir werden krank, unsere Eltern sterben, wir lassen uns scheiden. Wir ziehen Kinder groß. Aber obendrein sitzen wir dann jede Nacht im Schutzraum.
Haben Sie den Eindruck, dass die Aufmerksamkeit im Ausland noch ähnlich hoch ist wie zu Beginn des Kriegs?
Wir haben definitiv das Gefühl, dass wir keine Schlagzeilen mehr machen. Der Westen hat eben zugelassen, dass der Krieg so lange dauert. Zudem leistet die ukrainische Armee hervorragende Arbeit. Hätte sie all das nicht durchgestanden, wäre der Krieg inzwischen für unsere westlichen Nachbarn ein viel größeres Problem. Ich höre von vielen Freunden aus der Armee: Am Anfang der Vollinvasion haben wir viel von unseren Partnern im Ausland gelernt, und jetzt lernen diese Partner bei uns.
Wie schätzen Sie den deutschen Blick auf Ihr Land ein?
Aufgrund ihrer Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg waren die Deutschen zu Anfang der Vollinvasion nicht bereit, Panzer zu liefern. Dabei war die Ukraine das Gebiet, durch das vor 85 Jahren die deutschen Panzer Richtung Moskau und Stalingrad rollten. Doch für viele Deutsche war die Ukraine nicht auf der mentalen Landkarte. Das hat sich erst nach 2022 geändert.
Wie geht es der ukrainischen Demokratie im fünften Jahr der Vollinvasion?
Ich würde nicht sagen, dass der Krieg die Demokratie stärkt, es gibt weiterhin viele Probleme. Erst kürzlich habe ich mit einigen Kollegen hier in Lwiw gegen das neue Zivilgesetz protestiert, das stark in das Privatleben vieler Menschen eingreifen sollte. An der Demonstration nahmen Hunderte teil und viele haben auch eine Petition gegen das Gesetz unterschrieben. Das demokratische Leben im Land geht weiter, auch wenn Kriegsrecht herrscht und wir viele andere Probleme zu bewältigen haben.
Dazu gehört auch der Kampf gegen Korruption. Etwa als die Regierung im vergangenen Juli die Befugnisse der Antikorruptionsbehörden erheblich einschränken wollte.
Die Proteste im vergangenen Jahr waren ein riesiger Sieg der ukrainischen Zivilgesellschaft. Die Tausenden Menschen in Kiew, Lwiw und anderen Städten haben die Regierung tatsächlich zum Einlenken gebracht.
Das Parlament hat kurz darauf die Befugnisse der Antikorruptionsbehörden wiederhergestellt.
Diese ganzen Korruptionsskandale, wie etwa um Selenskyjs ehemaligen Berater Andrij Jermak (der wegen Korruptionsvorwürfen zurücktrat und inzwischen in Untersuchungshaft sitzt; Anm. d. Red.) sind mir peinlich, aber wenn mich Leute darauf ansprechen, frage ich immer: »Was ist denn mit eurem Land? Seid ihr sicher, dass da alles in Ordnung ist?« In autokratischen und totalitären Staaten, wie zum Beispiel Russland, gibt es jede Menge Korruption. Doch anders als in der Ukraine trauen sich die Menschen dort nicht, zu protestieren.
Kriege verändern häufig auch die Rolle von Frauen in der Gesellschaft. Wie ist das in der Ukraine?
Ich denke, dass Frauen in der Ukraine derzeit an zwei Fronten kämpfen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Eine Freundin von mir kämpft derzeit in der Armee. Eigentlich würde sie als Mutter von vier Kindern unter keinen Umständen eingezogen werden, doch sie hat sich freiwillig gemeldet. Zum einen um ihr Land zu verteidigen, aber auch um dazu beizutragen, die Rolle von Frauen in der Armee neu zu gestalten.
Auch Sie haben sich ja bewusst entschieden, sich für Ihr Land einzusetzen, und sind kurz vor Beginn der Vollinvasion aus Großbritannien in die Ukraine zurückgekehrt.
Für mich war das ein einfacher Schritt, denn ich wollte hier sein, wenn es tatsächlich passiert. Der Gedanke, dass der Krieg eskaliert und ich dann nichts dagegen ausrichten kann, hätte mich in den Wahnsinn getrieben. Also bin ich schon einige Wochen vor der Vollinvasion in die Ukraine zurückgekehrt und war am 24. Februar 2022 nicht mehr besonders überrascht. Ich habe dann begonnen, internationalen Journalisten zu helfen, die in die Ukraine kamen. Denn viele waren sehr hilflos: Sie beherrschten die Sprache nicht und hatten keinen Kontext und kein Verständnis dafür, was im Land vor sich ging. Und sie waren wirklich auf lokale Verbindungsleute angewiesen, die ihnen halfen, sich zurechtzufinden.
Hat sich das Verständnis westlicher Journalisten für die Ukraine in den vergangenen Jahren verbessert?
Auf jeden Fall. Es gibt Leute, die hier seit Monaten sind und nicht für drei Tage. Viele Redaktionen und Sender haben inzwischen auch Büros in Kiew. Die Situation hat sich verbessert, aber ich weiß auch von Freunden, die als Verbindungsleute arbeiten: Wenn es einen neuen Konflikt in der Welt gibt, rennen alle Journalisten plötzlich dorthin.
Sie haben mit Gleichgesinnten die Organisation Index gegründet. Was ist deren Ziel?
Wir wollen mit Index Menschen von außen ein differenziertes Verständnis vermitteln, was im Land vor sich geht. Index ist dabei nicht nur für ausländische Gäste da, sondern auch für Ukrainer, zum Beispiel Veteranen. Wir bringen sie mit den internationalen Gastwissenschaftlern, Stipendiaten und anderen zusammen. Dadurch erhalten die Veteranen eine internationale Perspektive und die ausländischen Wissenschaftler und Journalisten Wissen darüber, wie es ist, hier in der Ukraine mitten im Krieg zu sein, ein Wissen, das über die Schlagzeilen und Bilder von zerstörten Häusern hinausgeht.
Was denken Sie, wie Historiker in 50 Jahren auf diesen Krieg blicken werden?
Wir werden den Krieg vor allem durch die kulturellen Artefakte sehen, die wir heute produzieren. Die Filme, die jetzt gedreht werden, und die Literatur, die jetzt geschrieben wird – das wird das Gedächtnis der Welt prägen. Und deshalb ist es sehr wichtig, dass wird daran arbeiten, ukrainische Publizisten und Künstler im Ausland bekannter zu machen. Wir bilden hier eine Generation von Übersetzern aus, die dafür verantwortlich sein wird. Denn die Geschichte der Ukraine kann nicht von Außenstehenden erzählt werden. Sie muss aus dem Inneren des Landes erzählt werden.