Der Ball ist rund, die Sprache hohl
Außer bloßer Schadenfreude kann man dem Frühausscheiden des deutschen Fußballnationalteams der Männer, das dritte in Folge bei Weltmeisterschaften, noch einiges mehr abgewinnen.
Zum Beispiel den tiefen Einblick ins Gehirngetriebe des Bundeskanzlers, den dieser direkt nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen Paraguay im Sechzehntelfinale gewährte, als er an die DFB-Auswahl schrieb: »Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert.« Dieser Unfug passt perfekt zu dem, was Friedrich Merz sich unter Reformen vorstellt: Rackern um des Rackerns willen, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass mit Verbrennermotoren und Dependancen in China kein Staat beziehungsweise keine positive Handelsbilanz zu machen ist. Merz hat es also bestimmt tatsächlich gefallen, wie die deutschen Auswahlkicker die gegnerische Defensive ideenlos, aber fleißig (darauf kommt es an) mit dem untauglichen Mittel der Halbfeldflanke bearbeiteten. Deren über 50 waren es am Ende, ein Törchen kam raus – das erwies sich als genauso effektiv, wie mit dem Kujonieren von Armen und Kranken die Versäumnisse der deutschen Konzerne ausbügeln zu wollen.
Merz hat es bestimmt tatsächlich gefallen, wie die deutschen Auswahlkicker die gegnerische Defensive ideenlos, aber fleißig (darauf kommt es an) mit dem untauglichen Mittel der Halbfeldflanke bearbeiteten.
Noch wichtiger ist aber, dass mit den deutschen Misserfolgen in Serie auch die Unsitte im Verschwinden begriffen ist, mit ausgelutschten Fußballmetaphern fade Kommentare und Anmoderationen aufpimpen zu wollen: Immer weniger Politiker stehen »im Abseits«, kaum eine Partei wird mehr in »die Flügelzange« genommen, Redner geben sich immer weniger »Steilvorlagen«, und dass nach dem Spiel nicht immer vor dem Spiel ist, hat das DFB-Aufgebot ja gerade wieder bekräftigt.
Eine mahnende Jahrhundertpeinlichkeit bleibt in dieser Hinsicht Angela Merkels Rede auf dem CDU-Parteitag 2006: »Ein Jahr nach der Bundestagswahl befinden wir uns in der 23. Minute eines Fußballspiels. Ja, wir haben schon einige tolle Tore geschossen, aber gewonnen ist noch gar nichts. Als Teamchefin habe ich die Aufgabe, dass wir möglichst viele Chancen für Deutschland und für die Menschen in diesem Land nutzen.« Dank Paraguay (2026), Japan (2022) und Südkorea (2018) dürfte es einen solch grausamen Sermon nicht so bald wieder zu hören geben.