09.07.2026
Kasachstan mehrgleisige außenpolitische Strategie

Engster Partner und größter Feind

Eine Tausende Kilometer lange gemeinsame Grenze, intensiver Handel und Abhängigkeit von der russischen Energieinfrastruktur: Kaum ein postsowjetischer Staat ist mit Russland so eng verbunden wie Kasachstan. Doch der Ukraine-Krieg hat Russlands Position in dem zentralasiatischen Land geschwächt.

Kasachische Düsenjäger eskortierten die Präsidentenmaschine bis zur Landung, die Ehrengarde marschierte auf, Hubschrauber ließen riesige Staatsflaggen am Himmel wehen: Als der russische Präsident Wladimir Putin Ende Mai in der kasachischen Hauptstadt Astana eintraf, wurde er mit viel Pomp empfangen. Putins zweiter Staatsbesuch in Kasachstan innerhalb von zwei Jahren sei Ausdruck des »außergewöhnlich hohen Niveaus« der Beziehungen zwischen beiden Ländern, teilte sein außenpolitischer Berater Jurij Uschakow mit. Auch der Gastgeber Qassym-Schomart Toqajew fand lobende Worte. »Wir sind Freunde und Brüder«, versicherte Kasachstans Präsident. Beide Länder seien an Zusammenarbeit interessiert; es gebe keine strittigen Fragen.

Tatsächlich sind Russland und der zweitgrößte Staat des postsowjetischen Raums eng verbunden: Sie teilen eine mehr als 7.600 Kilometer lange Grenze sowie eine gemeinsame Vergangenheit in der Sowjetunion und im Russischen Kaiserreich. Entsprechend lange sind sie politisch und wirtschaftlich miteinander verflochten. Kasachstan ist Mitglied in russisch dominierten Organisationen wie der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAEU) und der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS), einem Militärbündnis mehrerer Nachfolgestaaten ehemaliger Sowjetrepubliken. Doch steht es wirklich so gut um die Beziehungen, wie die kasachische und die russische Führung regelmäßig betonen?

Russland gilt als größtes außen­politisches Risiko für Kasachstan. Im Januar drohte der berüchtigte russische Fernsehmoderator Solowjow mit einer »militärischen Spezialoperation« in Zentralasien.

Zweifel an dieser Darstellung weckt Kasachstans Reaktion auf die russische Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022. Die Regierung vermied jede Solidarisierung mit dem Kreml und wies Bitten um militärischen Beistand zurück. In der Folge zeigte Toqajew mehrmals die Grenzen der Freundschaft zu Russland auf. So verweigerte er etwa im Juni 2022 die Anerkennung der ostukrainischen Separatistenrepubliken Donezk und Luhansk, die Russland im September schließlich annektierte. Wiederholt betonte er öffentlich das Recht aller Staaten auf territoriale Unversehrtheit. Im November 2023 düpierte er eine russische Delegation um Putin, indem er diese in einer Ansprache auf Kasachisch statt Russisch adressierte. Die Nadelstiche Toqajews waren insofern bemerkenswert, als Russland ihm Anfang 2022 im Rahmen der OVKS Truppen geschickt hatte, um landesweite Proteste in Folge von Gaspreiserhöhungen gegen seine autoritäre Herrschaft niederzuschlagen. Doch aller zur Schau gestellten Ablehnung zum Trotz: Eine öffentliche Verurteilung des russischen Angriffskriegs vermied Toqajew.

Zusammenarbeit mit China, Türkei und den USA, Abhängigkeit von Russland

Stattdessen intensivierte Kasachstan seine traditionelle sogenannte Multivektorpolitik. Diese Strategie soll seit der Unabhängigkeit 1991 Kasachstans Abhängigkeit von Russland verringern. Dafür bemüht sich Kasachstan um mehr Zusammenarbeit mit anderen Ländern. So baute Toqajew nach Beginn des Ukraine-Kriegs beispielsweise die ohnehin schon enge Zusammen­arbeit mit der Türkei zu einer erweiterten strategischen Partnerschaft mit vertiefter militärischer Zusammenarbeit aus. Zudem intensivierte Kasachstan die Zusammenarbeit mit dem ökonomisch dominanten Nachbarn China weiter. Für dessen Projekt der Belt and Road Initiative (BRI), auch bekannt als »Neuen Seidenstraße«, spielt Kasachstan eine zentrale Rolle; spätestens seit 2022 hat China Russland als wichtigsten Handelspartner abgelöst. Darüber ­hinaus bemüht sich Toqajew um gute Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump, der sich für Kasachstans Seltene Erden interessiert. Seit Januar ist Kasachstan in Trumps internationalem »Friedensrat« vertreten, dem Gremium, das den Wiederaufbauplan der US-Regierung für den Gaza-Streifen überwachen soll.

Einen Konflikt mit Russland will Kasachstan trotz dieser Initiativen aber nicht riskieren; zu groß ist nach wie vor die wirtschaftliche Abhängigkeit. Anlässlich seines Staatsbesuchs erinnerte Putin in einem Gastbeitrag der regierungsamtlichen Tageszeitung Kasachs­tanskaja Prawda daran, dass russische Investitionen in Kasachstan sich einem Umfang von 30 Milliarden US-Dollar annäherten; 40 Prozent aller ausländischen Firmen in Kasachstan seien ihm zufolge Unternehmen mit russischer Beteiligung.

Zudem ist das rohstoffreiche Kasachstan stark vom russischen Öl- und Gastransportnetz abhängig: 80 Prozent der kasachischen Ölexporte durchqueren russisches Territorium. Russland nutzt diesen Umstand regelmäßig, um Kasachstan politisch unter Druck zu setzen. Seit 2022 habe Russland etliche Male die Durchleitung kasachischen Öls unterbrochen, meldete die Nachrichtenagentur Bloomberg Anfang 2025. Die Lieferstopps gefährden auch Deutschlands Versorgung. Zuletzt stellte Russland im Mai die Durchleitung kasachischen Öls an die PCK-Raffinerie im brandenburgischen Schwedt ein.

Der ehemalige russische Präsident Dmitrij Medwedjew bezeichnete Kasachstan im August 2022 in einem mittlerweile ­gelöschten Telegram-Post als »künstliches Gebilde« und »ehemaliges russisches Territorium«.

Auch beim geplanten Bau des ersten kasachischen AKW am Balchaschsee ist Kasachstan von Russland abhängig: Bei Putins Staatsbesuch unterzeichneten beide Staaten ein diesbezügliches Abkommen, das AKW soll der staatliche russische Atomkonzern Rosatom federführend errichten.

Ethnische Russische Minderheit als Bedrohung für territoriale Integrität

Aber nicht nur ökonomisch kann Russland Kasachstan gefährlich werden. Russland gilt auch als größte außenpolitische Bedrohung für die territo­riale Integrität des zentralasiatischen Staats. Grund dafür sind die etwa drei Millionen ethnischen Russen im Norden des Landes, in dem insgesamt 20 Millionen Menschen leben. Der Kreml instrumentalisiert die Minderheit seit Jahren. Die Landsleute müssten beschützt werden, eigentlich gehöre das Gebiet zu Russland, heißt es immer wieder von russischen Propagandisten und Politikern. Im Januar drohte der berüchtigte Fernsehmoderator Wladimir Solowjow gar mit einer »militärischen Spezialoperation« in Zentralasien.

Der ehemalige russische Präsident Dmitrij Medwedjew, mittlerweile stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrats, bezeichnete Kasachstan im August 2022 in einem mittlerweile ­gelöschten Telegram-Post als »künstliches Gebilde« und »ehemaliges russisches Territorium«. Kasachstan habe im 21. Jahrhundert einen »Völkermord an Russen« verübt. Toqajew reagiert auf solche Drohungen nur in Ausnahmefällen öffentlich. 2023 bestätigte das kasachische Außenministerium eine Liste mit Einreiseverboten für Personen, welche die kasachische Staatlichkeit in Frage stellen.

Vor diesem Hintergrund beobachten unabhängige kasachische Analysten mittlerweile wieder eine Annäherung an Russland. Toqajew betont bei jeder Gelegenheit Kasachstans gute und enge Beziehungen zum Kreml und die gemeinsamen Interessen beider Länder. Russland sei ein von Gott gegebener Nachbar, verlautbarte Toqajew mehrmals. Bei der traditionellen Siegesparade am 9. Mai war er einer der wenigen ausländischen Gäste in Moskau. Um Putin nicht zu verärgern, bemüht sich Toqajew in seiner Haltung zum Ukraine-Krieg stärker um Neutra­lität. Der Konflikt müsse diplomatisch auf Grundlage der UN-Charta gelöst werden, so die kasachische Sprach­regelung.

Auch in anderen Bereichen kommt Kasachstan seinem nördlichen Nachbarland entgegen. So waren die Lieferungen von elektronischen Geräten und Smartphones aus Kasachstan nach Russland bereits Ende 2022 sprunghaft angestiegen. Vier Jahre später zählt Kasachstan zu einem der wichtigsten Transitländer zur Umgehung westlicher Sanktionen gegen Russland. Über Kasachstan finden Mikroelektronik, Bauteile für Drohnen und anderweitig militärisch nutzbare Güter ihren Weg nach Russland – und tragen damit dazu bei, die russische Kriegswirtschaft am Laufen zu halten.

Außerdem geht Toqajew verstärkt gegen russische Kriegsgegner, Menschenrechtler und Journalisten vor, die nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs nach Kasachstan geflohen waren. Seit Beginn des Jahres liefert Kasachstan verstärkt Menschen an Russland aus, denen dort politische Verfolgung oder ein Einsatz an der Front droht. Nach ­Februar 2022 waren kasachischen Angaben zufolge mehr als 400 000 Russen nach Kasachstan geflüchtet, 380 000 davon hatten das Land Ende des Jahres allerdings schon wieder verlassen.