09.07.2026
Monchhichis

Merz und Monchhichi

Kinder interessieren sich für Tiere, Erwachsene für Fußball und Politik -- und einen Haufen kindischen Kram. Coco ähnelt in ihren Interessen eher den Kindern, dabei ist sie längst erwachen.

Fast alle Kinder interessieren sich für Tiere. Das ist schön. Es ist ein Interesse am Leben, auch am eigenen. Viele Kinder kommen beim Beobachten von Tiere das erste Mal bewusst mit Themen wie Sex, Verdauung oder Tod in Berührung. Sie nehmen den Augenblick, da sie erstmals zu Mördern werden – beim Zertreten einer Schnecke oder dem Zerdrücken eines Käfers –, als existentiellen Moment wahr. Die Verwundbarkeit und Endlichkeit des Lebens zu begreifen, macht einen wesentlichen Teil dieses Verständnisses aus. Auch die wundersame Entstehung des Lebens durch Fortpflanzung sehen Kinder in der Regel erstmals bei Tieren.

Die Kinder sind, wie gesagt, noch ganz vernünftig und inter­essieren sich für Igel, Hund und Co.

Die Kinder-Internet-Suchmaschine »Frag Finn« hat die beliebtesten Suchbegriffe des bisherigen Jahres veröffentlicht, es sind, in dieser Reihenfolge: Katze, Hund, 67, Fuchs, Eichhörnchen, Igel, Wolf, Löwe, Witze und Sex. Von zehn Suchbegriffen sind sieben Tiere. »67« musste ich auch erst mal googeln – und habe es immer noch nicht verstanden. Jedenfalls ist das bei Erwachsenen völlig anders. Bei Google trendeten in Deutschland im ersten Halbjahr: Bundestagswahl, Handball-WM, Fußball-EM der Frauen, Labubu, Iran, Haftbefehl, Friedrich Merz, Heidi Reichinnek, Dennis Schröder und die Champions League.

Kein Tier dabei, wenn man mal vom Labubu absieht, eine Art debil grinsendes Monchhichi aus China; ein monströses kleines Stoffspielzeug also. Ach so, Monchhichi sagt Ihnen auch nichts mehr? Diese einst global sehr verbreitete affenähnliche Art mit Saugdaumen galt als ausgestorben; inzwischen sollen sich die Viecher aber vor allem in Thailand und Südkorea wieder explosionsartig vermehren. Dazu dann jetzt auch noch die chinesischen Labubus! Es droht ein Kulturkampf asiatischer Kultpüppchen – dank der Gen Z übrigens, nicht wegen der Kinder. Die Kinder sind, wie gesagt, noch ganz vernünftig und inter­essieren sich für Igel, Hund und Co.

Womit wir bei meinem Hund Coco wären. Denn Igel, Fuchs und Katze – das wären exakt auch ihre Suchbegriffe. Gerne würde ich sie als leuchtendes Beispiel dafür anführen, dass gesellschaftliche und persönliche Regression nicht alternativlos sind und man durchaus auch heute noch in Würde altern und reifen kann. Allerdings würde sie mit Sicherheit das nächstbeste Mon­chhichi oder gar ein Labubu ebenso adoptieren wie eines ihrer fünf anderen heißgeliebten Kuscheltiere. Dabei ist Coco ja kein Welpe mehr, sondern längst eine echte Signora; sie ist jetzt acht. Das entspricht einem Menschenalter von …  Oha, tja, Ende des Jahres holt mich Coco tatsächlich ein und wird mich dann überholen. Dann bin ich der Kleine, auf den sie weise herabblickt. Dann sollte eigentlich sie diese Kolumne übernehmen.