Recycelte Ideologie
Was einstmals als Dritte Welt oder Trikont bezeichnet wurde, heißt heutzutage Globaler Süden. Der ist deutlich schwerer zu lokalisieren, ist er doch weder ökonomisch noch geographisch zu definieren, verlockt aber damit, dass er mit der Pigmentierung seiner Bewohner assoziiert wird. Wer im Namen des Globalen Südens spricht, spricht für eine mythische Entität der Nichtweißen, Nichtblonden und Nichteuropäer – allerdings so, wie Rassentheoretiker einst den Vorrang der Weißen, Blonden und Europäer gepredigt hatten.
Die das noch tun, gelten zu Recht als Faschisten, ihr global-südlicher Widerpart hingegen zu Unrecht als links. Die Wesensverwandtschaft beider Denkformen aufzuzeigen und historisch herzuleiten, ist Benjamin Zachariah so beeindruckend wie bedrückend gelungen. Der Historiker zeichnet am indischen Beispiel nach, was die Konzepte des deutschen romantisch-völkischen Nationalismus für antikoloniale Vordenker so interessant machte, auf welche Art sie rezipiert wurden und wie sie in derart exotisierter Form als Postkolonialismus an die Akademien gelangten.
»Der Länderwechsel entnazifiziert Nazi-Ideen und entfaschisiert faschistische Phantasien.« Benjamin Zachariah
Im Zuge der Adaption von Völkern als Subjekten habe sich so das sich links dünkende Denken zu einer Art Recyclinganlage deutscher Ideologie entwickelt, so Zachariah: vom Bolschewismus über die Neue Linke zur heutigen post-left. Ein Prozess, den der Autor treffend charakterisiert: »Der Länderwechsel entnazifiziert Nazi-Ideen und entfaschisiert faschistische Phantasien.«
Blut-und-Boden-Vorstellungen dominieren den »Kulturkampf«: Die Neue Rechte wie die After-Linke sind besessen von Kollektiven, in denen Individuen nur als Inkorporationen von Identität erscheinen, in denen sich Opferstatus und »artgerechte« Kultur sowie Religion von einer Generation auf die andere vererben. Der mysteriöse Unterdrücker trägt beiderseits denselben Namen: Jude.
Benjamin Zachariah: The Postcolonial Volk. Polity Press, Cambridge 2026, 177 Seiten