09.07.2026
Die Rentenreform verkennt die Realität vieler Beschäftigter

Rücksichtslose Rentenpläne

Die Bundesregierung folgt bei ihren Überlegungen zur Rente einer einfachen Rechnung: länger leben, länger arbeiten. Dabei wirken sich die schlechten Arbeitsbedingungen psychisch und physisch immer stärker aus.

Die Diskussion über ein höheres Renteneintrittsalter ist zurück. Die Rentenkommission der Bundesregierung hat sich jüngst auf 33 Empfehlungen geeinigt. Diese, kündigte die Bundesregierung nun am 2. Juli an, sollen bis Ende 2026 samt und sonders in Gesetze übertragen werden. Dazu gehören die Abschaffung der Rente mit 63 und die Einführung einer anteiligen Altersvorsorge am Kapitalmarkt. Zudem soll ab 2032 das Renteneintrittsalter von derzeit 67 Jahren weiter steigen – alle zehn Jahre um ein halbes Jahr und gekoppelt an die durchschnittliche Lebenserwartung. Mit dieser müsse, so das Argument dahinter, auch das Renteneintrittsalter steigen. Das Vorbild hierfür ist Dänemark, wo bereits geregelt ist, dass ab 2040 bis ins Alter von 70 Jahren gearbeitet werden muss.

Die einfache Rechnung lautet: länger leben, länger arbeiten. Das verkennt jedoch, dass viele Beschäftigte schlicht nicht in der Lage sein werden, so lange zu arbeiten: etwa auf dem Bau, in der Pflege, in der Logistik oder im Einzelhandel. Aufgrund von Zeitdruck, Personalmangel oder Schichtsystemen gehen diese meist prekären und oft gesundheitsgefährdenden Berufe mit hohen psychischen und physischen Belastungen einher. Dabei zeigt sich soziale Ungleichheit deutlich: Gerade dort, wo die Belastung durch die Arbeit hoch ist, mangelt es häufig an zeitlicher Flexibilität und finanzieller Absicherung. Wer im Büro arbeitet, kann oft Stunden reduzieren, Aufgaben anpassen oder im Zweifel ins Homeoffice wechseln. Wer körperlich arbeitet, hat diese Möglichkeiten selten.

Nach Angaben der AOK hat sich die Zahl der Fehltage ihrer Versicherten, die auf Burn-out-Erkrankungen zurückzuführen sind, zwischen 2004 und 2023 mehr als verzwanzigfacht.

Entsprechend kritisch äußerten sich die Gewerkschaften zu den Vorschlägen der Rentenkommission. »Viele schaffen es schon heute nicht, gesund bis zum Renteneintritt zu arbeiten«, teilte die DGB-Vorsitzende Jasmin Fahimi Ende Juni in einer Pressemitteilung mit. Das einheitliche Renteneintrittsalter betreffe Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensverhältnissen: stabile Beschäftigung hier, prekäre Arbeit dort; körperliche Belastung hier, flexible Tätigkeiten dort. Insbesondere die pauschale Kopplung des Renteneintritts an die Lebenserwartung kritisierte Fahimi daher: »Das geht an der Realität viel zu vieler Menschen vorbei.« Ähnlich äußerte sich der Co-Parteivorsitzende der Linkspartei, Luigi Pantisano, Ende Juni in einer Pressemitteilung. »Es sind gerade die hart arbeitenden Menschen mit zu geringer Entlohnung, die es nicht bis zur Rente schaffen.«

Frühe Rente nur noch mit Abschlägen

Empirische Daten stützen diese kritischen Einschätzungen. Nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung arbeiteten 2024 nur 40 Prozent der Beschäftigten bis zur regulären Altersgrenze, die in diesem Jahr bei 66 Jahren lag (sie wird für die kommenden Jahrgänge stufenweise bis auf 67 erhöht). Die übrigen 60 Prozent schieden bereits früher aus dem Erwerbsleben aus und nahmen dabei teils erhebliche Rentenkürzungen in Kauf – bei einem Renteneintritt drei Jahre vor der Regelaltersgrenze beispielsweise beträgt der Abschlag knapp elf Prozent. Andere konnten ohne finanzielle Einbußen früher in Rente gehen, was jedoch in der Regel eine mindestens 45jährige Erwerbstätigkeit voraussetzte. Diese Möglichkeit soll nun abgeschafft werden. Auf der anderen Seite waren jedoch rund 21 Prozent der 65- bis 69jährigen weiterhin erwerbstätig. Für diese Menschen bedeutete die Arbeit in erster Linie eine finanzielle Aufstockung, weil die Altersrente alleine nicht zum Leben reichte.

Vor Erreichen des gesetzlichen Eintrittsalters in Rente zu gehen, hat für viele Beschäftigte gravierende finanzielle Folgen. Die Jungle World sprach darüber mit Susanne Drescher, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Duisburger Institut Arbeit und Qualifikation. Sie forscht zu den Themen Erwerbstätigkeit von Älteren und Rentenübergang. Wer das Erwerbsleben frühzeitig verlassen müsse, berichtete sie, erlebe je nach individueller Situation unterschiedliche Übergänge, die nahezu alle mit Einkommenseinbußen einhergingen. »Abhängig davon, wie früh ältere Beschäftigte aus dem Erwerbsleben ausscheiden, besteht die Gefahr, von der Arbeitslosigkeit in die Grundsicherung zu gehen, aber auch die Möglichkeit, vorzeitig in Rente oder – bei dauerhaften gesundheitlichen Einschränkungen – in Erwerbsminderungsrente zu gehen.« In allen Fällen reduziere sich nicht nur das gegenwärtige, sondern ebenfalls das zukünftige Einkommen, so Drescher, »wenn Abschläge durch einen vorzeitigen Rentenzugang in Kauf genommen werden oder wenn keine rentensteigernden Beiträge – etwa im Grundsicherungsbezug – geleistet werden können«.

Mehrheit fühlt sich erschöpft

Zusätzlich haben die Belastungen für viele Beschäftigte in den vergangenen Jahren zugenommen. Eine Untersuchung der Beratungsagentur Auctority von 2024 zeigte, dass sich rund 56 Prozent der Deutschen erschöpft fühlen. Als Ursache nannten Erwerbstätige vor allem als sinnlos empfundene Arbeit (46 Prozent), dicht gefolgt von gesundheitlichen Belastungen durch die Arbeit (38 Prozent). Besonders deutlich fällt der Zusammenhang im höheren Erwerbsalter aus. Ab einem Alter von 50 Jahren werden der Untersuchung zufolge gesundheitliche Beschwerden zum wichtigsten Grund für Erschöpfung, ab 65 Jahren nehmen sie nochmals zu, während andere Belastungsfaktoren in den Hintergrund treten. Gerade Beschäftigte in anstrengenden Tätigkeiten fühlen sich durch ihren schlechten Gesundheitszustand im Alltag beeinträchtigt.

Hinzu kommen sich verschlechternde Arbeitsbedingungen. Nach Daten der Gesetzlichen Unfallversicherung aus dem Jahr 2025 berichten vier von fünf Beschäftigten von negativen Veränderungen ihres Arbeitsalltags: 51 Prozent beklagen höheren Zeitdruck, 43 Prozent ein gereizteres Betriebsklima und 29 Prozent eine schlechtere Fehlerkultur. 22 Prozent haben zudem den Eindruck, dass Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz häufiger vernachlässigt würden. Die Zahl psychischer Erkrankungen steigt. Nach Angaben der AOK hat sich die Zahl der Fehltage ihrer Versicherten, die auf Burn-out-Erkrankungen zurückzuführen sind, zwischen 2004 und 2023 mehr als verzwanzigfacht. Und die Bundesregierung plant Einsparungen bei Therapieplätzen.

»Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass sich hohe körperliche und psychische Arbeitsbelastungen negativ darauf auswirken, länger im Erwerbsleben zu bleiben oder bis zur Rente in bestimmten Berufen arbeiten zu können«, sagte die Arbeitsforscherin Drescher. Besonders betroffen sind Beschäftigte in körperlich anspruchsvollen Berufen wie der Pflege oder der Paketzustellung, die häufig wegen chronischer Überlastung vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden und zudem schlecht bezahlt werden. »Zu vermuten ist weiterhin, dass Beschäftigte in Berufen mit hohen Arbeitsbelastungen, in denen sie auch noch vergleichsweise wenig verdienen, kaum Gestaltungsoptionen wie eine Reduzierung der Arbeitszeit haben«, so Drescher.

»Die Antwort auf demographische Veränderungen kann nicht darin bestehen, die Erwartungen an immer längere Erwerbsverläufe kontinuierlich zu erhöhen.« Jutta Schmitz-Kießler, Professorin für Politikwissenschaft 

Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur Regelaltersgrenze arbeiten kann, kann derzeit eine Erwerbsminderungsrente beantragen. Sie zu erhalten, ist jedoch sehr schwierig. Entscheidend ist nicht, ob jemand den erlernten Beruf noch ausüben kann, sondern ob es grundsätzlich noch möglich erscheint, eine Erwerbstätigkeit auszuüben. Selbst wenn die Erwerbsminderungsrente bewilligt wird, müssen Betroffene zudem dauerhafte Rentenabschläge hinnehmen. Vor diesem Hintergrund plädiert Drescher dafür, die Beschäftigten zu unterstützen und zu entlasten: »Nur wenn auch entsprechende flankierende Unterstützungsangebote ausgebaut und die individuellen Ressourcen gestärkt werden, wird eine dauerhafte Beschäftigung bis in das späte Erwerbsleben möglich.«

Wie ein anderer politischer Umgang mit gesundheitlich belasteten Arbeitsverhältnissen aussehen könnte, da­r­über wird diskutiert. Die Grünen haben einen Antrag in den Bundestag eingebracht, der eine sogenannte Überlastungsschutzrente vorsieht. Demnach sollen Beschäftigte zwei Jahre vor Erreichen der gesetzlichen Altersgrenze in Rente gehen können, wenn sie »im bisherigen Beruf oder dem bisherigen Beruf ähnlichen Betätigungsfeldern wegen Krankheit oder Behinderung« nicht mehr arbeiten können. Auch der DGB stellte sich gegen die Vorschläge der Rentenkommission der Bundesregierung und berief eine eigene Kommission ein. Diese schlug nun vor, die Finanzierung der gesetzlichen Rente breiter aufzustellen. Hohe Einkommen, große Vermögen und Kapitalerträge sollten stärker zur Finanzierung gesellschaftlicher Aufgaben herangezogen werden. Kürzungen bei Sozialleistungen und höhere Verbrauchssteuern lehnt die DGB-Kommission dagegen ausdrücklich ab.

Nach Ansicht von Jutta Schmitz-Kießler, Professorin für Politikwissenschaft an der Hochschule Bielefeld und Mitglied der DGB-Kommission, greift die Debatte über immer höhere Altersgrenzen ohnehin zu kurz. »Die Antwort auf demographische Veränderungen kann nicht darin bestehen, die Erwartungen an immer längere Erwerbsverläufe kontinuierlich zu erhöhen.« Die eigentliche Frage laute, wie Arbeit »so gestaltet werden kann, dass alle Menschen bis zum Renteneintritt gesund arbeiten können«. Wer die Debatte auf die Frage immer höherer Altersgrenzen verenge, verkenne nicht nur die eigentlichen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft, sondern verschiebe die Verantwortung für den Renteneintritt einseitig auf die Beschäftigten, so die Politologin.