09.07.2026
Uwe Bolls Action-Drama ist ein Flirt mit dem rechten Kulturkampf

Er will nur spielen

Uwe Bolls Action-Drama »Citizen Vigilante« bekommt unverdiente Aufmerksamkeit.

Ein Rächer geht um. Sanders, ein ehemaliger Offizier der US-Armee, verfügt über klare Meinungen, ein reiches Waffenarsenal und den Willen zum Töten. Letzteren lebt er mit sichtbarer Genugtuung aus. Sein in Videobotschaften erklärtes Ziel ist es, die zur Strecke zu bringen, die vom Rechtssystem westlicher Demokratien mit Samthandschuhen angefasst würden: jugendliche bullies, Schutzgeld­erpresser und – vor allem – eingewanderte Mörder und Vergewaltiger. Er sieht sich als Vorbild und Avantgarde; an seinem Tun soll sich »das Volk« ein Beispiel nehmen und erwachen.

Worum es in Uwe Bolls »Citizen Vigilante« gehen soll, wird bereits in der ersten Filmsequenz deutlich: Eine Schrifteinblendung über der Totalen einer namenlosen Großstadt lautet »Europa«, eine junge blonde Frau wird beim Einkaufen von einem Schwarzen unvermittelt attackiert; sie stirbt vor den Augen ihres Sohns. Die Botschaft ist klar: Es kann jeden jederzeit und überall treffen.

Das von Musik unterlegte Gemetzel wird in realitätsnaher Drastik mit Detailaufnahmen von Schuss- und Schnittwunden sowie Verbrennungen nach dem Auslösen einer Sprengfalle gezeigt.

Mehr braucht Boll nicht, um seinen Protagonisten auf Migranten, Polizisten und andere Vertreter des Systems zu hetzen. Das von Musik unterlegte Gemetzel wird in realitätsnaher Drastik mit Detailaufnahmen von Schuss- und Schnittwunden sowie Verbrennungen nach dem Auslösen einer Sprengfalle gezeigt. Der Gesichtsausdruck des Hauptdarstellers Armie Hammer bleibt dagegen durchweg stoisch; sein Charakter kommt keineswegs gebrochen daher. Dabei ist das eigentlich ein Hauptmerkmal ambivalenter Antihelden im Revenge- und Selbstjustizgenre – von Charles Bronsons Paul Kersey aus »Ein Mann sieht rot« (1974) über Robert De Niros Travis Bickle aus »Taxi Driver« (1976) und Michael Douglas’ Bill Foster in »Fall­ing Down – ein ganz normaler Tag« (1993) bis zum von Joaquin Phoenix verkörperten »Joker« von 2019. Bolls Figur hat mit ihren Vorbildern gemein, dass sie mit der Welt, wie sie ist, nicht einverstanden ist. Eine Auseinandersetzung mit den Übeln aber findet in »Citizen Vigilante« gar nicht statt.

Pose des Rächers 

Modelliert wird die Figur durch Anspielungen auf Batman (Sanders ist Milliardär, ein Einzelgänger und arbeitet im Verborgenen) und Elon Musk (er ist ein libertärer Ketten­sägen-Ideologe und trägt gerne Basecap). Eiskalt lässt er säumige Mieter räumen und verwehrt dem Staat, dar­in Unterkünfte für Geflüchtete ­einzurichten; er tasert Jugendliche im Park, lockt SWAT-Einheiten in den Tod und erschießt eine Gruppe jugendlicher Migranten, die zuvor ein Mädchen vergewaltigt haben. Boll gibt an, inspiriert zu seinem Drehbuch habe ihn der Hamburger Fall einer Gruppenvergewaltigung, bei dem die Täter mit milden Strafen nach dem Jugendstrafrecht davon­gekommen seien – in acht von neun Fällen zur Bewährung. Um die Massaker des Rächers zu rechtfertigen, setzt Boll auch dieses Verbrechen exploitativ ins Bild. Die Eltern eines migrantischen Täters werden kurzerhand mit liquidiert.

All das assoziiert Boll eher, als dass er es durch eine Handlung verbindet. Wichtiger war ihm, dem Projekt eine rebellische Note zu verleihen. So verpflichtete er mit Hammer einen Darsteller, der nach Rollen in Filmen wie Luca Guadagninos »Call Me by Your Name« (2017) zu den kommenden Stars in Hollywood ­gerechnet wurde, bis er sich nach Gewalt- und Missbrauchsvorwürfen aus dem Geschäft zurückzog; beziehungsweise, wie Boll es sieht, vom links-woken Establishment gecancelt wurde. Weitere Publicity hat dem Film die ursprüngliche Titelwahl gebracht: Boll wollte ihn »The Dark Knight« nennen, Warner drohte mit Klage, der Titel wurde aufmerk­samkeitsheischend fallengelassen.

Der Filmemacher gilt vielen Kritikern als schlechtester Regisseur der Welt. 

Die derzeitige Aufmerksamkeit, die der Film erfährt, verdankt er aber der Bewertung der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) und der Skandalisierung dieses Vorgangs: Nach Vorgaben des Jugendschutzgesetzes kennzeichnet das Gremium Filme mit Altersfreigaben oder verweigert die Kennzeichnung, wenn ihr ein offensichtlich jugendgefährdendes Werk zur Prüfung vorgelegt wird. So ist es im Fall von »Citizen Vigilante« in zwei Prüf­läufen geschehen. Boll, dem dadurch die Vermarktung in Deutschland tatsächlich deutlich erschwert wird, hat sich in einem offenen Brief an die Deutsche Filmakademie und die Öffentlichkeit gewandt. Darin inszeniert er sich als Zensuropfer, das er de facto nicht ist, und Kämpfer für die Kunstfreiheit. Weil es hierzulande unerwünscht sei, sich mit von Mi­granten verübten Verbrechen auseinanderzusetzen, werde nun der ­einzige Film, der, wie er schreibt, »die Realität auf den Straßen, Hinter­höfen und Gebüschen in Europa so abbilden will, wie es wirklich zugeht«, dem Publikum vorenthalten. Eine dritte Prüfung, bei der er selbst mit dem Prüfgremium diskutieren will, hat er beantragt. An dessen Delegitimierung arbeitet er derweil, wo immer sich eine Plattform bietet. (In einer Mitteilung hat die FSK inzwischen darüber informiert, dass „Citizen Vigilante“ nun doch eine Altersfreigabe ab 18 Jahren hat – allerdings nur für die Kinoauswertung; Anmerkung d. Red.)

Der Filmemacher gilt vielen Kritikern als schlechtester Regisseur der Welt. Andere sehen in ihm den Einzelkämpfer, der es vorbei an Gremien und Gepflogenheiten der Filmwirtschaft geschafft habe, seit mehr als 30 Jahren beständig Filme zu drehen; die meisten davon realisierte er in Kanada, häufig mit Millionenbudgets aus von ihm aufgelegten Medienfonds und mit Beteiligung namhafter Hollywood-Stars. Seine Filmographie beläuft sich auf über 50 Einträge.

Ein Vorläufer von »Citizen Vigilante« ist der Film »Hanau« (2022). Boll bezeichnet ihn als ersten Teil einer »Winter in Deutschland«-Trilogie zu nationalen Problemen, die der aktuelle Film abschließe. In »Hanau« wird das rechtsextreme Attentat vom 19. Februar 2020 aus Tätersicht dargestellt – ohne dass Boll die Einwilligung der Familien der Opfer eingeholt hätte. Eine Kritik bei Deutschlandfunk Kultur bescheinigt dem Film zwar, dass er die Opfer nicht verhöhne, wie zuvor befürchtet worden war. Andererseits sei er aber in handwerklicher Hinsicht so schlecht, dass er »weder anrühren noch manipulieren« könne. Zudem gehe keine Gefahr von ihm aus, weil er kaum über Reichweite verfüge.

Unterstützung von Elon Musk

Das ist im Fall des neuen Gemischs aus populistischen Tiraden und manifester Gewalt völlig anders. Denn indem Boll sich mit dem Hilferuf, er werde zensiert, direkt an Elon Musk wandte, hat er nicht nur ideologisch, sondern auch in Sachen Reichweite den für seine Zwecke idealen Partner gefunden: Musk teilte den Film für 48 Stunden auf seinem persönlichen X-Account, woraufhin er 20 Millionen Mal angeklickt wurde. Das bescherte Boll den Erfolg seines Lebens. Seit Ende Juni ist der Film auch auf Youtube zu sehen.

Unterdessen gibt Boll der »woken Linken« die Schuld daran, dass man in der heutigen gesellschaftlichen Situation nicht mehr miteinander reden könne. Sein Protagonist hingegen weiß, dass es nichts mehr zu reden gibt; stattdessen soll der von ihm erkannte Volkswille den Regierenden allein mittels Exekutionen übermittelt werden. Besonders authentisch sind im Film vor allem die Szenen geraten, in denen das Wüten des Rächers von eigenen Gnaden bei seinen Anhängern auf Social Media gefeiert wird: Verstörend ­bebildern sie den Kulturkampf von rechts.