16.07.2026
Demagogisches Dauerfeuer

Mit der Lüge für Ausbeuterei

Das neue Kampagnentool der AfD nutzt Künstliche Intelligenz – und wie.

Geht es um das digitale Wohl unserer Kinder, ist das allerbeste Argument immer, dass Verbote nutzlos seien, vielmehr »die Eltern« (Deutscher Ethikrat) ihrem Erziehungsauftrag bitte in freier Selbstbestimmung … »Den Bock zum Gärtner machen« lautet die hierzu passende Redewendung, denn die Kinder kopieren das, was die Alten ihnen vormachen; und die drücken ihren Grundschulkindern dann ein Smartphone in die Hand, mit dem zweitbesten Argument: Na, wenn das doch alle machen!

Das Argument kommt auch dem Faschismus sehr zupass (»Na, wenn doch alle Hitler wählen!«), und passend hat die Alternative für Großdeutschland zuerst und am besten begriffen, dass Gehirnwäsche heutzutage am besten mittels Internet und asozialer Medien funktioniert. Das Medienunternehmen Correctiv hat sich Zugang zum neusten »KI-Kampagnentool« der AfD verschafft, das bald zum Einsatz kommen soll, die Nichtregierungsorganisation »Zentrum für Digitalrechte und Demokratie« veröffentlichte daraufhin eine Analyse. Die Software der parteieigenen GmbH »Alternita« funktioniert im Wesentlichen so, dass sie den Input von rechten Krawallportalen wie Nius noch einmal filtert, verschärft und kampagnentauglich zuspitzt, also aus Kot die Essenz von Kot macht: »Übrig bleiben oftmals Meldungen über Straftaten von Menschen mit Migrationshintergrund. Die KI generiert dann Meldungen zu ›kriminellen Ausländern‹, zu Abschiebung und Grenzkontrollen. Das bekannte Playbook der Rechtsaußen-Empörung, nur nicht mehr von Hand kuratiert« und also auf demagogisches Dauerfeuer angelegt: flooding the zone with immer noch mehr shit. Das »Zentrum« hat sich den Spaß erlaubt, eine andere KI zu bitten, das Programm nachzubauen; sie hat sich geweigert, aus gewissermaßen ethischen Gründen: Es sei »computational propaganda/koordiniertes inauthentisches Verhalten«, also Lüge.

Die Software der parteieigenen GmbH »Alternita« funktioniert im Wesentlichen so, dass sie den Input von rechten Krawallportalen wie »Nius« noch einmal filtert, verschärft und kampagnentauglich zuspitzt, also aus Kot die Essenz von Kot macht

Der Zufall wollte es, dass das Kollegengespräch über revolutionären Optimismus erst einen Tag her war, wobei in den Zeugenstand mal wieder Dietmar Dath geriet, der sich den Schneid nicht abkaufen lässt und jeden Tag für einen neuen hält. Einschlägiger Pessimismus speist sich dagegen aus der Wahrnehmung, dass der neue Tag der alte in noch schlechter ist, auch wenn eine gewisse Hoffnung darin besteht, dass auch die allerneusten Maschinen nur so böse sind wie die, die sie nutzen. Es ist auch schon eine EU-Verordnung auf dem Weg, damit »Hochrisiko-KI« den Souverän nicht verhetze; derweil tut sie es, weil es in der Natur der Sache liegt, dass die Technik dem Recht, das sie einhegen soll, immer voraus ist.

Die landläufige Vorstellung vom historischen Nationalsozialismus ist ja eine, in der ein Landmann entschlossenen Blicks die Scholle bricht. Doch die NSDAP war auch die Partei, die die propagandistische Potenz des jungen Rundfunks nicht übersah, und der Futurismus ­Filippo Tommaso Marinettis gehörte zu den Wegbereitern Mussolinis. Nach wie vor sind Faschismus und seine extreme Variante das Neben- und Ineinander von technologischer Moderne und ideologischer ­Regression, von KI und Kleinbürgerglück, und umgekehrt dient Technik, zumal in den Händen von Monopolen, bereitwillig der Manipulation, der Kontrolle und der Macht. Bewusstseinsindustrie als solche, die Kritische Theorie wusste es, ist in der Tendenz ­faschistisch, und der digitale Neofaschismus bedient sich bewusst­seins­industrieller Mittel auf eine Weise, die schon beinahe Karikatur ist, wenn sie die Zeiten, als deutsche Kanzler mit Springer und ­Glotze regierten, zu guten alten werden lässt: Was vom AfD-Tool, fährt das »Zentrum« fort, bearbeitet wird, »hat eine KI offenbar nach einem einzigen Kriterium ausgewählt: möglichst viel Wut erzeugen und polarisieren. Die politische Vorauswahl ist getroffen, bevor es sich ein Mensch überhaupt anschaut. Aber auch dieser letzte Prüfschritt lässt sich automatisieren.« Und wenn Hermann L. Gremliza, der die schöne neue Smartphone-Welt für »elektronische Konterrevolution« hielt, Max Horkheimer so übersetzte, dass Faschismus bloß Kapitalismus mit terroristischen Mitteln sei, ist der Terror jetzt einer, den junge Menschen, von Eltern unbehindert, die sich nach Dienstschluss mit Insta zuballern, stets zur Hand haben, damit sie »im Viertelstundentakt« (»Zentrum«) erfahren, ­warum Ausländer kriminell sind und zum Teufel geschickt gehören. Früher hätten sie dafür Bild lesen müssen. Wie uncool war das denn.