»Antizionismus gehört häufig zum Gesamtpaket«
Sehen Sie in queeren Szenen Berlins ein Antisemitismusproblem?
Generell hängen gut 20 Prozent der Menschen in Deutschland, das zeigen Studien, antisemitischen Meinungen an. Die queere Szene ist da keine Ausnahme. Genau wie es Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft gibt, gibt es ihn auch bei queeren Menschen. Es ist keine krasse Besonderheit, sondern einfach Teil des antisemitischen Grundrauschens.
Welche Rolle spielt dabei Israelfeindschaft?
In Berlin gab es lange Zeit den alternativen »transgenialen« CSD. Dort haben sich Antizionisten immer wieder bemerkbar gemacht – mit kleinen Aktionen, Redebeiträgen bis hin zu Übergriffen. Jetzt gibt es die Internationalist Queer Pride. Da hat sich Antizionismus institutionalisiert, die kleinen Ausnahmen sind Normalität geworden. Nochmal verstärkt hat sich das seit dem 7. Oktober 2023. Seitdem ist dieses Thema dort in den Vordergrund gerückt. Die Leute entwickeln bezüglich Israel ein ganz klares Freund-Feind-Schema. Antizionismus ist ein zentraler Teil der Mobilisierung.
Gehen Sie davon aus, dass es ein fundiertes Wissen über den historischen Zionismus gibt?
Wenn man Teil einer Szene sein möchte, nimmt man oft ein Gesamtpaket an Positionen an. Es ist in der queere Szene klar, dass man antirassistisch und feministisch ist, dass man sich gegen sogenannte Männerrechtler positioniert und man für Gleichwertigkeit ist. In dieses Gesamtpaket gehört mittlerweile auch häufig Antizionismus. Er ist eine Selbstverständlichkeit geworden. Man braucht gar nicht viel Wissen, weil das eigentlich auch nicht diskutiert wird. Das ist oft einfach gesetzt. In Slogans wird das deutlich, etwa wenn Leute sagen: »It’s not complicated.« Die Botschaft ist: Man muss sich bei diesem Konflikt, der seit mehr als 100 Jahren schwelt, nicht so viele Gedanken machen. Es ist klar, wer die Guten und wer die Bösen sind.
Vor welchen Herausforderungen stehen queere Jüdinnen und Juden angesichts dieser Entwicklung?
Wenn man sich mit queeren Juden und Jüdinnen unterhält, dann hört man oft, dass sich viele aus queeren Räumen zurückziehen. Die sind nicht mehr sicher für sie. Ein Übergriff in einer Bar in Kreuzberg hat das verdeutlicht.
2024 wurden bei einem Organisationsabend für den lesbischen Dyke-Marsch fünf Frauen herausgeschmissen und beschimpft, weil sie einen Tisch zum »Safer Space für Jüdinnen und Israelis« erklärt hatten …
Einige jüdische Queers sagen, dass sie die Stadt verlassen, dass sie das Land verlassen, dass sie diese Szenen verlassen, dass sie sich dort nicht mehr zu Hause fühlen. Das wird auch offen diskutiert, es ist kein Geheimnis. Darauf gibt es aber oft keine Reaktion außer Schulterzucken.
Was könnte man dagegen tun?
Klar, es gibt Bildungsarbeit, die über Antisemitismus aufklärt. Die erreicht queere Szenen oder Clubszenen aber nicht immer. Ein Grund dafür ist die Sprachbarriere: Große Teile der Szene besteht aus Expats, die kaum Deutsch sprechen. Gruppen wie »Palästina spricht« werden als Pioniere gesehen, weil sie auch viele Veranstaltungen auf Englisch anbieten. Ähnliches würde ich mir von Initiativen gegen Antisemitismus wünschen. Politische Bildungsarbeit könnte auch von Awareness-Strukturen betrieben werden, so dass man Leute anders anspricht als durch klassische Bildungsarbeit.