15.07.2026
Urban Sketching in Straßburg

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Vor dem Straßburger Münster

Auf dem Weg nach Toulouse zum Welttreffen der Urban Sketcher verbringen Julia und ich ein paar Tage in Straßburg. Als wir in unserem zentral gelegenen Hotel eingecheckt haben, gehen wir sofort wieder raus, um zu zeichnen. In einem libanesischen Imbiss essen wir Falafel und halten auch gleich den umliegenden Platz fest. Am nächsten Tag spazieren wir in die Altstadt und zeichnen die Fachwerkhäuser in »Petite France«. Am dritten Tag sind wir schon ganz gut trainiert und wagen uns an das Straßburger Münster, laut Wikipedia das höchste im Mittelalter fertiggestellte Gebäude. Wir stellen unsere mitgebrachten Campingstühle in den Schatten eines Klamottenladens, von dem aus wir einen direkten Blick auf die Menschenmassen haben, die durch die Rue Mercière auf das Portal der Kathedrale zuströmen. Ich habe gerade erst den großen Mast mit den Überwachungskameras skizziert, da zieht plötzlich eine riesige Gruppe von Touristen an uns vorbei und sammelt sich auf der Place Gutenberg. Sofort haben einige uns entdeckt und werfen uns neugierige Blicke zu.

Die meisten Leute sind sehr freundlich und loben uns. Julia wird oft zuerst angesprochen, vermutlich, weil sie zugänglicher aussieht.

Zuerst kommen wir mit einem Paar ins Gespräch, das gerade eine Schifffahrt auf dem Rhein macht. Sie sind begeistert von der Reise, die in Basel endet. Dem Akzent nach zu urteilen, kommen sie aus Bremen. Danach spricht uns eine Französin an. Auch sie macht mit ihrem Mann eine Rheinfahrt, ihre endet in Heidelberg. Als Nächstes spricht uns eine Frau aus Ägypten an. Sie zeichne auch, sagt sie. Zum Beweis malt sie meinen Namen als Hieroglyphen in mein Skizzenbuch. Die meisten Leute sind sehr freundlich und loben uns. Julia wird oft zuerst angesprochen, vermutlich weil sie zugänglicher aussieht. Ich werde mehr gelobt, auch weil meine Bilder konventioneller sind. Julias Style ist krasser. Sie wird oft unterschätzt und weniger beachtet. Viele Leute verstehen ihren Stil nicht. Manche verstehen ihn nicht, sind aber begeistert. Eine Frau ruft laut: »Incredible! Incredible!«, als sie Julias Bilder sieht. Und erklärt dann sich selbst und Julia ungefragt völlig falsch den Sachverhalt: »You just started and he’s been doing it for a while.«