16.07.2026
KI und Literatur

Der Veteran gegen die Maschine

Wer Romane von Sprachmodellen schreiben lässt, verrät den eigenen Beruf. Künstliche Intelligenz ist kein Werkzeug wie andere, sondern gefährdet das kreative Schreiben grundlegend.

Ist Künstliche Intelligenz dabei, die Literatur zu zerstören? Oder kann sie als Hilfsmittel dienen? Oder den menschlichen Autor sogar ersetzen? Enno Stahl sieht zwar keinen Markt mehr für menschengemachte Literatur, verschwinden wird sie aber keinesfalls (Jungle World 28/2026). Eine Diskussion über den Stellenwert und die Bedeutung menschlicher Kreativität.

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Ein Veteran zu werden, ist ein bisschen peinlich, aber leider auch unvermeidlich. Je intensiver man sich mit einer Sache über lange Zeit beschäftigt, desto wahrscheinlicher wird das Veteranentum – ein geistiger Zustand, in dem man glaubt, die Welt gesehen zu haben und ein X von einem U unterscheiden zu können. Durch 25 veröffentlichte Bücher seit 1995 bin ich ein Veteran geworden, da gibt es wenig dran zu deuteln. Eine der unangenehmsten Aspekte am Veteranentum: Opa erzählt zu gern vom Krieg. Was gab es aber nicht auch für spannende Sachen in meiner Zeit! Politische Auseinandersetzungen, die Aufarbeitung der DDR-Pleite, Angriffe auf Presse- und Meinungsfreiheit, das Internet, die E-Books, die Popliteratur und ihr planmäßiges Abrauchen, all das.

Und so viel Selbsterlebtes: Verlagskonkurse und Verlagswechsel, die Betrügereien von Verlegern und Redaktionen, vorenthaltene Honorare und verpeilte Lektoren, unabgesprochen veränderte Texte, unmögliche Deadlines, denkwürdige Auftritte vor einer Person oder vor 300, die eigene Stimme im Radio, die Freude und die Enttäuschung, ein neues Buch von sich in Händen zu halten, lustige Steuer- und Rentenbescheide – das ganze Programm. Und mal nicht das wirklich Positive vergessen: Freiheit. Vor allem die Freiheit, das zu tun, was man will und was man kann.

Erzählerinnen und Erzähler haben nun einmal die Pflicht, Lösungen für narrative Probleme zu finden, die sie sich selbst gestellt haben.

Ab meinem vierzehnten Lebensjahr wollte ich Schriftsteller werden, ohne zu wissen, was das bedeuten würde. Hin und wieder gibt diese Berufsentscheidung immer noch Anlass zur Freude. Aber dann kam die konkrete Gewissheit, dass die Sache mit der KI etwas anderes sein würde als das schon bekannte Gemisch aus Kürzungen im Kulturbereich, gesellschaftlicher Gleichgültigkeit, persönlichen Erfolgen, Kränkungen und Existenzfragen.

Sommer 2025, ein Schriftstellertreffen irgendwo in Deutschland. Die Lesung ist ganz gut gelaufen, und abends geht es in den Biergarten mit neuen Bekanntschaften. Eine Berufskollegin erzählt plötzlich von ihren KI-Abenteuern. Sie ist ganz begeistert, denn es funktioniert, sagt sie, es erleichtert die Arbeit doch enorm. So sei sie zum Beispiel neulich bei einem ihrer Romane nicht weitergekommen. Eine bestimmte Szene habe nicht so recht gelingen wollen. Schließlich habe sie zu dem Thema einen Prompt für ein bestimmtes Large Language Model (LLM) verfasst, und das habe ihr in Windeseile einen Text in drei verschiedenen Varianten geliefert, von denen sie eine nahezu ohne Korrekturen in ihren Roman habe einbauen können.

Wer LLMs benutzt, plagiiert

Ich sitze da und lächele, obwohl ich innerlich erstarre – übrigens auch eine der berufsqualifizierenden Fähigkeiten für Schriftsteller und vielleicht mehr noch für Schriftstellerinnen. Die anderen anwesenden Autoren und Autorinnen beginnen nun, ihrerseits von ihren KI-Abenteuern zu berichten. Es kommt zu regelrechten Performance-Vergleichen verschiedener LLMs, was die Textgenerierung angeht. Man muss sich das vorstellen wie ein freundliches Gespräch zwischen den Anhängern verschiedener Fußballvereine. Ich lächele weiterhin.

Weil alles, was LLMs heutzutage an Text hervorbringen, Rekombinate aus den Texten der Autorinnen und Autoren sind, mit denen sie »trainiert« wurden, wurde die Kollegin zur Plagiatorin. Aber nicht nur das: Sie verwischte diese Tatsache auch noch, indem sie die Verantwortung für das Plagiat auf das LLM, seine Hersteller und deren Raubzüge durch den Textbestand der Welt schob. Sie bediente sich nicht nur an den Texten von anderen, sie tat es auch noch mit reinem Gewissen. »Eure Unschuld kotzt mich an«, schoss es mir durch den Kopf.

Es geht aber außerdem darum, dass die Kollegin an einem fundamentalen Erfordernis ihres Berufs scheiterte. Erzählerinnen und Erzähler haben nun einmal die Pflicht, Lösungen für narrative Probleme zu finden, die sie sich selbst gestellt haben. Das ist die eigentliche Grundlage dafür, dass sie sich ein Publikum überhaupt wünschen können. Warum sollte man sich für die Einlassungen einer Schachmeisterin interessieren, wenn nicht sicher ist, dass sie selbst die Lösungen für die Probleme gefunden hat, die sie sich gestellt hat? Darüber hinaus hat sich die besagte Autorin die Möglichkeit zu einem kreativen Sprung genommen, der ihr narratives Problem transzendiert.

Ein Musterbeispiel für solch einen kreativen Sprung ist die Erfindung des Cyberspace-Konzepts durch den Science-Fiction-Autor William Gibson. Er erzählt in dem Dokumentarfilm »No Maps for These Territories« aus dem Jahr 2000, dass er sehr schlecht darin war, die Bewegungen seiner Figuren in ihrem physischen Umfeld zu beschreiben. Also erfand er einen medialen Raum, in dem man nur den »Kanal wechseln« musste, um mit Hilfe von geordneten, auf Wechselmedien gespeicherten Erinnerungen augenblicklich von einem Ort zum anderen zu gelangen. Eine Vorform des Cyberspace war geboren.

Die Gegenargumente der KI-Nutzer sind immer die gleichen, und sie sind alle schlecht. So zum Beispiel der schnelle, faule Spruch, dass doch die Leute immer plagiiert haben. Wann ist je ein ethisch fragwürdiges Verhalten dadurch verbessert worden, dass es in industriellem Maßstab automatisiert wurde? Und selbst ein rechtschaffenes Plagiat, bei dem ein Mensch von einem anderen abschreibt, wäre noch besser als das feige Abwälzen der Verantwortung auf ein statistisches Konstrukt, das die eigentlichen Quellen seiner Weisheiten algorithmisch geschreddert hat, bis sie namenlos und substanzlos geworden sind.

Und natürlich fand das Erlebnis mit den KI-begeisterten Kollegen nicht ohne Kontext statt. Da gab es zum Beispiel einen journalistischen Artikel von mir, der von einer Redaktion mittels KI bis zum Schwachsinn glattgelutscht wurde. Es gab merkbefreite Aufrufe von berufsständischen Organisationen, die empfahlen, doch auch einmal das Positive an der durch KI ermöglichten Selbstabschaffung zu sehen. Oder nehmen wir den Ankauf, das Abscannen und die anschließende Vernichtung von antiquarischen Büchern zum Zweck des KI-Trainings. Auch deutsche Antiquare meldeten jüngst auffällige Großbestellungen älterer, aber noch urheberrechtlich geschützter Bestände durch kanadische und US-amerikanische Firmen. Es gab Leute zu bestaunen und zu verachten, die online geschichtsverzerrende, durch KI gefälschte Holocaust-Fotos verbreiteten, vor denen Gedenkstätten dann im Januar warnten.

Die KI, so wie sie heute benutzt wird, ist kein einfaches Produktivitätstool wie die Schreibmaschine oder der Computer. Sie ist ein frontaler Angriff auf die menschliche, subjektiv verantwortete Fähigkeit, intellektuell und gestalterisch auf die Welt zu reagieren. 

Außerhalb von künstlerischer und journalistischer Textproduktion hatte ich selbst mit einer KI-erstellten (und falschen) medizinischen Diagnose zu tun, mit KI-«Servicemitarbeitern« einer Elektronikfirma, die explizit behaupteten, sie seien echte Menschen (obwohl sie es offensichtlich nicht waren), und so weiter und so fort. Die tausend Nadelstiche der Dummheit.

Die KI, so wie sie heute benutzt wird, ist kein einfaches Produktivitätstool wie die Schreibmaschine oder der Computer. Sie ist etwas völlig anderes: ein frontaler Angriff auf die menschliche, subjektiv verantwortete Fähigkeit, intellektuell und gestalterisch auf die Welt zu reagieren. Sie zersetzt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit (siehe KI-gefälschte Holocaust-Bilder) und über die Neuformatierung, Verarmung und Verblödung der Vorstellungskraft auch die Zukunft. Mit anderen Worten, sie ist eine von uns selbst auf maschinellem Weg erzeugte mentale Pest.

Es gibt Hoffnung

Wie immer gibt es natürlich ein bisschen Hoffnung. Mittlerweile ruft der Tsunami an Unsinn, der mit der Wunderwaffe KI erzeugt wird, schon fast automatisch Aversion hervor. Die Kikeriki-KI-Apologeten wirken neuerdings wie Gebrauchtwagenhändler, die Angst haben, ihren aufgehübschten Schrott nicht mehr loszuwerden. Der KI-Boom wird mehr und mehr von seiner katas­trophalen ökonomischen und ökologischen Bilanz in Frage gestellt. Das ändert leider nichts daran, dass der Schaden schon angerichtet ist. Man hat ja bewiesen, dass der Dreck, mit dem die Zone geflutet wurde, um es in den Worten Steve Bannons zu sagen, in vielen Fällen für viele Leute gut genug ist. Deswegen wird der industrialisierte Betrug auch nicht verschwinden, er wird nur seine Methoden verfeinern.

Und leider muss daher der Rat von einem Veteranen, der die goldenen Zeiten noch erlebt hat, auch lauten: Nachwuchskräfte – lasst das sein mit dem Schreiben als Beruf. Ihr macht euch unglücklicher, als ihr es in den goldenen Zeiten ohnehin schon gewesen wärt.

 

Marcus Hammerschmitt ist Schriftsteller, Journalist und Fotograf. Zuletzt erschienen von ihm 2026 »Semaphor« im Verlag Schiler & Mücke und »Rückverwandlung« bei Edition Monhardt.