16.07.2026
Rechtsextreme in Australien

Die Geister der Vergangenheit

Nach ihrem Höhenflug Ende der neunziger Jahre galt die rechtsextreme Partei One Nation unter Pauline Hanson in Australien lange als politisches Auslaufmodell. Nun liegt sie in einer Umfrage knapp hinter der regierenden Labor Party.

Australien müsse »monokulturell« sein, polterte die rechtsextreme Politikerin Pauline Hanson Mitte Juni vor der versammelten Hauptstadtpresse in Canberra. Für die Gründerin und Vorsitzende der Partei One Nation war es ein Auftritt maximaler Genugtuung. Nach fast drei Jahrzehnten im politischen Betrieb Australiens sprach Hanson erstmals im »National Press Club«, in dem sich führenden Politiker des Landes der Öffentlichkeit erklären dürfen. Beflügelt durch einen Wahlerfolg im Bundesstaat South Australia und ein anhaltendes Umfragehoch rückt One Nation plötzlich den etablierten Parteien bedrohlich nahe. Eine kürzlich gestartete Spendenkampagne unter dem Motto »Fire the Liar« richtete sich gegen den als Dauerlügner bezeichneten Premierminister Anthony Albanese und brachte vier Millionen Australische Dollar ein.

Hansons politische Karriere begann im Jahr 1994 als unabhängige Stadträtin in Ipswich im Bundesstaat Queensland. Die emsige Besitzerin einer Fish-and-chips-Bude trat im folgenden Jahr in die Liberal Party ein, doch kurz vor der Parlamentswahl 1996 entzog ihr die Partei die Unterstützung. Grund hierfür war ein Leserbrief Hansons, in dem sie die staatliche Unterstützung für Aboriginal People als ungerechtfertigte »Überschüttung mit Vorteilen« bezeichnete. Trotzdem gewann sie als parteilose Kandidatin einen Sitz im Parlament und behauptete in ihrer Antrittsrede, Australien laufe Gefahr, »von Asiaten überschwemmt zu werden«.

One Nation bedient jene kulturkämpferische Grundeinstellung, in der Fragen der Migration, der Bildung, der Geschlechtszugehörigkeit und der Abtreibung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu einem nationalen Bedrohungsszenario verschmelzen. 

Mit weiteren Abtrünnigen aus der Liberal Party gründete Hanson schließlich 1997 One Nation. Nach dem Erfolg bei der Wahl im Bundesstaat Queensland 1998, bei der die Partei fast ein Viertel der Stimmen gewann, begann der rasche Niedergang. Innerparteiliche Zerwürfnisse, Wahlpleiten und ein Verfahren wegen Wahlbetrugs drängten die Partei wieder an den Rand des politischen Geschehens. 30 Jahre später kann Hanson ihren Auftritt als späte Revanche an einem politischen Betrieb inszenieren, in dem sie lange als schrilles Relikt der Vergangenheit galt.

Im Gespräch mit der Jungle World führt die Historikerin Suzanne Rutland die Gründe für den neuerlichen Erfolg auf eine »tiefere Verschiebung der australischen politischen Kultur« zurück. Es gebe eine gesellschaftliche Bewegung gegen eine als »woke« wahrgenommene Haltung. Getrieben werde diese Bewegung von »wachsenden Sorgen wegen muslimischer Migration«. Diese wuchsen durch den antisemitischen Terroranschlag auf eine Chanukka-Feier am Bondi Beach im Dezember 2025 sowie durch die australischen Rekrutinnen des »Islamischen Staats«, die Labor-Innenminister Tony Burke wieder aufnahm. Wichtig sei aber auch die ökonomische Frustration im Land, zu der eine weitverbreitete Unzufriedenheit mit dem Bildungssystem kommt. Zu den Reizthemen zählen die antiisraelischen Massenproteste in urbanen Zentren wie Melbourne und Sydney ebenso wie die Debatten über All-gender-Toiletten. Der Erfolg von One Nation wird durch die Schwäche der konservativen Liberal Party verstärkt, die »nicht mehr als eine überzeugende Alternative zu Labor« erscheine, so Rutland.

One Nation bedient jene kulturkämpferische Grundeinstellung, in der Fragen der Migration, der Bildung, der Geschlechtszugehörigkeit und der Abtreibung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu einem nationalen Bedrohungsszenario verschmelzen. Insofern ist die Programmatik dieser Partei mit jener der US-Republikaner oder rechter und rechtsextremer Parteien in Europa vergleichbar.

Australische history wars

Die Spezifik von Hansons Parteiideologie lässt sich jedoch vor dem Hintergrund der sogenannten history wars in Australien verstehen. In der Dekade vor der australischen Zweihundertjahrfeier im Jahr 1988 spitzte sich der Konflikt darüber zu, ob die Geschichte Australiens als Erfolgsgeschichte einer jungen Nation oder als Gewaltgeschichte der Kolonisierung dargestellt werden solle. Bei diesen Streitigkeiten wurde stets mitverhandelt, welchen Platz Australien künftig in der Welt einnehmen solle. Denn mit dem Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1973 war das Ende der postkolonialen besonderen Wirtschaftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich besiegelt. Die endgültige Abschaffung der sogenannten White Australia policy – von Einwanderungsgesetzen, die dafür sorgen sollten, dass Australiens Bevölkerung vor allem weiß und europäischstämmig bleibt – im Jahr 1975 schwächte die Auffassung von einer erfolgreichen Siedlernation und zwang zur Neuorientierung.

Politisch drückte Einwanderungsminister Al Grassby bereits 1973 diesen Wandel aus, als er Australien in einer Rede erstmals als multikulturelle Gesellschaft bezeichnete. Australien als weiße Siedlernation sollte der Geschichte angehören. Für die politische Sphäre wurde der Multikulturalismus nun zur politisch dienlichen Integrationsformel. Sie ermöglichte es, zugleich auf die indigenen Forderungen nach Gleichberechtigung sowie auf die ökonomisch notwendige Öffnung für ­Arbeitsmigration im Zuge einer Neuorientierung im Pazifik-Raum zu ­reagieren.

Der rechtsextreme Senator Malcolm Roberts (One Nation) aus Queensland spekulierte, ob das antisemitische Massaker am Bondi Beach eine inszenierte Täuschung gewesen sei.

Die politische Rechte reagierte mit der Anpassung ihrer Rhetorik; doch die Ressentiments blieben. Fragen zu Einwanderung oder den Rechten von Aboriginal People wurden nun in einer weniger offen rassistischen Sprache thematisiert. Mit der Aussage, Australien sei zwar ein »multiethnisches Land«, müsse aber »monokulturell« sein, versucht Hanson wiederum, jenen nationalen Mythos zeitgemäß zu popularisieren, der seit der Staatsgründung von 1901 die »weiße« Kultur als Dominanzkultur verrechtlichte.

Der australisch-jüdische Journalist Michael Gawenda schrieb kürzlich in der Tageszeitung The Australian, dass solcher Populismus für Jüdinnen und Juden »nie gut ausgehe«, da er zwangsläufig mit antisemitischen Verschwörungserzählungen verbunden sei. So hatte etwa der rechtsextreme Senator Malcolm Roberts (One Nation) aus Queensland spekuliert, ob das Massaker am Bondi Beach ein hoax (etwa: inszenierte Täuschung) gewesen sei. Im Jahr 2024 hatte er die USA als »größte Terrororganisation der Welt« und »globalen Parasiten« bezeichnet. Auch Hansons demonstrative Solidarität mit Israel kann darüber nicht hinwegtäuschen. In dieser rechten Projektion erscheint Israel nicht als Konsequenz der Judenverfolgung, sondern als Staatsmodell zur Rechtfertigung des eigenen rabiaten Nationalismus. Das zionistische Schutzversprechen wird so zu einem Abziehbild für die Phantasie einer australischen Nation pervertiert, die wieder in »weißer« Hand sein soll.