Elegante Funkiness
Der Hype um die kanadische Band Angine de Poitrine nimmt immer absurdere Züge an: Kürzlich entstand auf Basis eines knappen Videoclips in den sozialen Medien das von der internationalen Musikpresse dankbar aufgegriffene Gerücht, in Russland gebe sich eine Imposter-Truppe als das Duo mit der markanten Polka-Dot-Ästhetik aus und toure sogar durchs Land. Anstatt sich an diesen Spekulationen zu beteiligen, kontaktierte das Online-Musikmedium Stereogum den Moskauer Konzertort des entsprechenden Clips und schnell hat sich herausgestellt, dass es sich lediglich um eine einmalige – angesichts der Kostüme zugegebenermaßen aufwendige – Aktion einiger Moskauer Musiker der Gruppen Dyw und Hadn Dadn handelte; der Anlass war der Geburtstags einer Szenebar. Die Cover-Band Urin de Potrin habe keinerlei weitere Zukunftspläne.
Im Spätsommer und Herbst kommen dagegen die wirklichen Angine de Poitrine für 22 Konzerte nach Europa, von denen allerdings nur noch für die Auftritte auf größeren Festivals Karten erhältlich sind. Die vier Shows in Deutschland waren sogar nach der Verlegung in größere Hallen sofort wieder ausverkauft. Als sich die hiesige Berichterstattung über die frankokanadische Gruppe aus Saguenay in der Region Quebec in den vergangenen Monaten immer mehr häufte, war die Chance, einem Konzert beizuwohnen, also bereits gering. Ein Teil der Faszination, die das Duo auslöst, rührt indes von ihrer performativen Ästhetik her, den gepunkteten Kostümen und ebenfalls gepunkteten Kulissen. Ihre Musik, von der Presse oftmals als Math-Rock oder Progressive Rock bezeichnet, klingt abseitig und verspielt, wirkt eingebettet in das Gesamtkonzept aber noch spektakulärer.
Der Genre-Begriff Math-Rock selbst war vor Angine de Poitrine letztlich nur – überwiegend männlichen – Nerds bekannt.
Es galt und gilt in etwas geringerem Maß auch für frühere prägende Bands der Stilrichtung Math-Rock, dass deren Konzerte (noch) beeindruckender erscheinen als das heimische Anhören der teils vertrackten, sperrigen Musik. Doch keine von ihnen konnte vergleichbare Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Selbst der an die schulische Bruchrechnung erinnernde Genre-Begriff war vor Angine de Poitrine letztlich nur – überwiegend männlichen – Nerds bekannt. Dieses Geschlechterverhältnis spiegelte sich lange Zeit auch im Publikum bei den Gigs der ebenfalls allesamt männlichen Vorreiter des Math-Rock.
Erben von Noise-Rock und Emo
Es lassen sich grob drei Entwicklungslinien verwandter musikalischer Indie-Szenen nachzeichnen, die im Math-Rock aufeinandertreffen: Zum einen begannen einige Noise-Rock-Bands um 1990, vermehrt ungerade Rhythmen jenseits des üblichen 4/4-Takts einzusetzen und außerdem mit abrupten Pausen oder Brüchen zu arbeiten – etwa Shellac, Don Caballero oder U.S. Maple. Zum anderen entwickelte sich das Genre Post-Rock mit offeneren Songformen und Einflüssen aus Jazz, Minimal Music sowie Electronica. Bei einigen prägenden Acts stand die damit einhergehende (poly)rhythmische Komplexität stärker im Vordergrund als bei anderen und zugleich blieb der Sound rockiger, so dass auch sie dem Math-Rock-Genre zugeordnet wurden – zum Beispiel Pinback, June of 44 oder Karate. Die Grenzen sind ohnehin fließend.
Außerdem entstanden aus dem Post-Hardcore und Emo, vor allem dem Midwest Emo um das Plattenlabel Polyvinyl, einige Spielarten des Math-Rock, die auch weit über die angestammte Szene hinausreichten, etwa bei American Football und Pele, oder beim wichtigen D.C.-Hardcore-Label Dischord mit den Bands Faraquet und Q and not U. Als musikalisches Gründungsmanifest all dieser Varianten kann indes das Album »Spiderland« der Gruppe Slint gelten, das bereits 1991 beim stilbildenden Label Touch & Go erschien.
Angine de Poitrine unterscheidet von allen diesen Formationen ihr Sinn für elegante Funkiness.
Angine de Poitrine unterscheidet von allen diesen Formationen ihr Sinn für elegante Funkiness. Vielleicht ist dies sogar ein typisch französisches Element der Frankokanadier, denn auch in anderen Musikstilen zeichnen sich speziell französische Künstler dadurch aus – siehe Daft Punk, Justice, Air, Phoenix und M83. Zudem wirken die mikrotonalen Melodiebögen und Loops, die der Gitarrist und (!) Bassist – er spielt ein maßgefertigtes Doppelhals-Hybridinstrument – mit dem Pseudonym Khn de Poitrine einspielt, zwar irritierend, aber deutlich weniger dissonant als die Riffs und Akkorde manch anderer Math-Rock-Acts, deren Songs sich entweder durch eine gewisse Düsterheit und Schwere oder aber durch polyphone Melodieschichten auszeichnen. Ihr zweites Album »Vol. II« verhält sich dahingehend auch vielseitiger und ausgereifter als das Debüt »Vol. I« von 2024. Mit »Utzp« findet sich darauf sogar ein gutgelaunter, an Polka erinnernder Schunkel-Track, der sich trotzdem nahtlos zwischen den anderen fünf Stücken einfügt. Auf »Vol. I« klang die Band dagegen an manchen Stellen noch ein wenig gleichförmig und formelhaft jammend, so als übten sie ihren Trademark-Stil erst ein, der nun auf »Vol. II« voll ausgeschöpft wird.
Vergleichbar: die Math-Rock-Band Battles
Die einzige Math-Rock-Band, die bisher ähnlich groovy-tanzbare Songs produziert hat, sind Battles, vor allem mit ihren Hits »Atlas« vom Debütalbum »Mirrored« (2007) sowie »Ice Cream« von 2011, das die Gruppe gemeinsam mit dem experimentellen Techno-Produzenten und Sänger Matias Aguayo eingespielt hat. Ian Williams gründete die Battles 2002 und fungiert seitdem als ihr Mastermind, noch dazu prägte er das ganze Genre von Anfang an mit, als Gitarrist bei Don Caballero und ebenso mit seiner stärker vom Free Jazz inspirierten zweiten Band Storm & Stress, deren atemberaubende Konzerte zum Besten gehörten, was man um die Jahrtausendwende an experimenteller Rockmusik erleben konnte.
Begleitet wird er bei Battles von John Stanier, der in den Neunzigern schon als Schlagzeuger der Alternative-Metal-Pioniere Helmet bekannt wurde. Seit der Multiinstrumentalist Dave Konopka 2018 ausstieg, handelt es sich bei Battles wie bei Angine de Poitrine um ein Duo. Mit ihren grenzüberschreitenden Klängen und Formen haben auch sie ihren Wirkungskreis weit über eine bestimmte Szene hinaus ausgedehnt; sie treten auf einschlägigen Jazz-, Elektro- oder Avantgarde-Festivals auf, etwa in Moers, beim Sónar in Spanien oder beim Donaufestival in Niederösterreich.
Math-Rock bei den Grammys
Ein gänzlich überraschendes Auftauchen des Math-Rock in den großen, kommerziell erfolgreichen Musikgefilden stellte im vergangenen Jahr die Grammy-Nominierung der tollen, aber wirklich eher obskuren 90 Day Men dar, ursprünglich aus St. Louis, Missouri, dann aber wie so viele avantgardistische Rockmusiker:innen in Chicago beheimatet. Es handelte sich zwar lediglich um die Kategorie »Bestes Box-Set/Beste limitierte Sonderedition«, aber nichtsdestoweniger wurde die Gruppe mit der LP-Box »We Blame Chicago« neben zum Beispiel Kate Bush, Nirvana und John Lennon für den Preis aufgestellt – letztlich gewann eine Neuauflage von Lennons »Mind Games«.
Das Box-Set der 90 Day Men umfasst ihr Gesamtwerk zwischen 1996 und 2004, bestehend aus drei Longplayern, mehreren EPs und Singles sowie einer bisher unveröffentlichten Peel Session von 2001. Einen Eindruck der außerordentlichen Songwriting-Qualitäten vermittelt der grandiose Song »Last Night, a DJ Saved My Life« vom zweiten Album »To Everybody«: Das Lied ist durchgängig im ungewöhnlichen 5/4-Takt gestaltet und erinnert zum einen atmosphärisch und aufgrund der fast flüsternden Gesangsstimme von Brian Case an Radiohead und zum anderen in seiner ästhetisch umgesetzten Selbstzermürbung an das schottische Duo Arab Strap. Jedenfalls unterstreicht die aufwendige Gestaltung, für die »We Blame Chicago« maßgeblich nominiert wurde, wie stark die Genre-Protagonisten des Math-Rock auch über die Musik hinaus an einer ausgefeilten Form orientiert waren und sind.
Angine de Poitrine haben diesbezüglich mit ihren Masken und Kostümen allerdings neue Maßstäbe gesetzt, wobei der deutlich auf den Look abhebende Hype um die Band bisweilen fast ein wenig von ihrer mitreißenden Musik ablenkt. So oder so könnte das Phänomen Angine de Poitrine jedoch zu einem größeren Interesse an experimenteller (Rock-)Musik führen – und dies wäre in jedem Fall erfreulich.
Angine de Poitrine: Vol. II (Spectacles Bonzaï)