Jungle+ Artikel 21.07.2026
Der langsame Tod des Berliner Nachtlebens

Alles glattpoliert

Die Zukunft vieler Berliner Clubs ist ungewiss, etliche mussten schließen. Die Stadt wirbt mit ihrem aufregenden Nachtleben, tut jedoch nichts für dessen Erhalt. Stattdessen schauen die politischen Verantwortlichen zu, wie Immobilienfirmen unabhängige Kulturstätten zerstören, um Bürogebäude und Eigentumswohnungen zu bauen.

Das RAW-Gelände ist eine Kultur- und Veranstaltungsfläche im Berliner Ortsteil Friedrichshain. Seinen Namen trägt das frühere Industrieareal, weil die Deutsche Reichsbahn dort das »Reichsbahnausbesserungswerk« (RAW) betrieb und das Grundstück bis zum Ende der DDR zur Instandhaltung von Zügen und Lokomotiven nutzte.

Vor zwanzig Jahren war das »Cassiopeia« einer der ersten Clubs, die sich auf diesem Terrain ansiedelten. Mitte Juni wäre er beinahe der erste gewesen, der von dort weichen musste: Die Kurth-Gruppe, ein Berliner Immobilienunternehmen und seit 2015 Eigentümerin des Areals, erklärte das seit 2019 laufende Bebauungsplanverfahren kurzerhand für gescheitert; an diesem Verfahren (bürokratisches Kürzel: »2-25a«) waren neben dem Eigentümer der Senat und der Bezirk beteiligt, mit dem Ziel, einen baurechtlichen Kompromiss zwischen Eigentümerinteressen und dem Fortbestand der »soziokulturellen« Nutzung des Geländes zu erzielen. Im Zuge dieser Gesprächsaufkündigung forderte das Immobilienunternehmen die Betreiber des »Cassiopeia« zur Räumung auf, was für das Lokal, das zahlreiche Konzerte veranstaltet, die sofortige Insolvenz bedeutet hätte. Das »Cassiopeia« trägt sich aus eigenen Mitteln und quersubventioniert einen ganzen Gebäudetrakt des Geländes: Ateliers, eine Skaterhalle, eine Zirkusschule. Müsste der Club schließen, geriete das ganze soziokulturelle Gefüge auf dem Areal ins Wanken. Die Kurth-Gruppe will auf dem Grundstück ein 100 Meter hohes Bürogebäude und Wohnungen errichten.

Die Clubs im Berlin der 1990er Jahre waren berühmt und zahlreich; ein Reichtum, der sich einer besonderen historischen Konstellation verdankte. Eigentumsverhältnisse waren monatelang ungeklärt, riesige Flächen lagen brach, und niemand, weder Behörden noch Investoren, wusste so genau, wem was gehörte oder wer wofür zuständig war.

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