Das faktische Futur
Ist Künstliche Intelligenz dabei, die Literatur zu zerstören? Oder kann sie als Hilfsmittel dienen? Oder den menschlichen Autor sogar ersetzen? Enno Stahl sieht zwar keinen Markt mehr für menschengemachte Literatur, verschwinden wird sie aber keinesfalls (»Jungle World« 28/2026). Marcus Hammerschmitt warnte, KI sei kein Werkzeug wie andere, sondern gefährde das kreative Schreiben grundlegend (29/2026). Eine Diskussion über den Stellenwert und die Bedeutung menschlicher Kreativität.
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Kennen Sie sich aus mit dem Futur I? Ich dachte, ich wüsste, wie das geht, werde aber seit einiger Zeit eines Besseren belehrt. Das einfache Futur verkörpert beispielsweise viel mehr Faktizität, als es das Präsens kann. So wird es werden, dozierte auf dem Kölner Kongress des Deutschlandfunks im März ein Filmexperte über die Zukunft des Films: 20 Prozent menschliche Kuration, 80 Prozent KI. Das wird es nicht mehr geben: Schauspieler, Produzentinnen, Cutterinnen, Drehbuchautoren und so weiter und so fort. Das wird es nicht mehr geben: Journalisten und Autorinnen, so setzte sich das Futur I fort, bis alle erschöpft und aufgeregt gleichermaßen Stühle zurechtrückten.
Dabei weist der Literaturwissenschaftler Adrian Daub in seinem im März erschienenen Buch »Was das Valley herrschen nennt« darauf hin, dass weniger die Kreativberufe von Automatisierung betroffen seien als vielmehr die Jobs von Menschen, die programmieren. Es sei vielmehr eine kulturkämpferische Haltung, die ständig darauf poche, dass die Menschen überflüssig werden in ihrer Essenz, in Erfindungskraft und Vorstellungsvermögen. Das Valley habe mit der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump begonnen zu herrschen, nun gehe es darum, diesen Status zu verteidigen. Dies zeichnet Daub anhand der Werbetafeln am Highway 101 entlang der US-Pazifikküste nach, die plötzlich für KI-Produkte werben, die von gewöhnlichen Autofahrenden als Privatkunden gar nicht gekauft werden könnten, sondern für Unternehmen konzipiert sind.
Jahre des Hypes sowie der Dämonisierung der KI sind ins Land gegangen. Die technologische Enteignung muss sich nun nicht mehr verkaufen, sondern nur noch ihre Macht absichern.
Es gibt kein Zielpublikum mehr. All die Versprechungen, das Neue, das vermeintlich Utopische, der ganze Hype werden nun überflüssig. Jahre des Hypes sowie der Dämonisierung der KI sind ins Land gegangen, die dem gleichen Ziel zuarbeiteten. Diese technologische Enteignung muss sich nun nicht mehr verkaufen, sondern nur noch ihre Macht absichern.
Spätestens hier fragt man sich, was sich Neues berichten lässt? Ein diskursiver Gegenstand, der derart überkommuniziert und gleichzeitig unterkommuniziert ist wie KI, verleiht das Gefühl, nichts mehr sagen zu können, und vor allem, nichts mehr tun zu können. Alles, was sich sagen lässt, endet in Ohnmacht. Maschinenstürmerische Phantasien verblassen neben dem absoluten Höhenflug einer Branche, die in der Hand weniger riesiger Konzerne ist, die sich anschicken, nun endlich richtig Geld mit der KI zu verdienen. Nun muss nur noch adaptiert werden und in die Anwendung gebracht. Deutschland, so erfährt man aus den Reformplänen der Regierung, solle ein KI-Land werden. Und an Universitäten, Kunsthochschulen, in Produktionsfirmen, Zeitungsredaktionen, Justiziariaten, Versicherungsunternehmen, medizinischen Praxen wird fleißig implementiert und weitergebildet.
Keine Intelligenz, sondern Stochastik
»Wenn jemand von KI spricht«, sagte eine Kollegin, »weiß ich, er hat keine Ahnung.« Und ja, das sei gleich verraten, ich habe auch keine Ahnung, relativ gesehen. Ich weiß nur, ich habe manchmal keine Entscheidungsmacht mehr, ob ich sie anwende oder nicht, wo sie aufhört und wo nicht. Spricht man von KI in Bezug auf Large Language Models, dann befindet man sich im Bereich der Stochastik, man hat es weniger mit einer künstlichen Intelligenz zu tun als mit einer Wahrscheinlichkeitsmaschine, die jede Verantwortung für ihr Sprechen ablegen kann – und damit ist Verantwortung in einem umfassenden Sinn gemeint. Der Verblödungs-Bypass, die Halluzinationen und die generische Idiotie mal beiseitegenommen, die unglaublichen Klimakosten mal beiseitegenommen, von der ausbeuterischen Struktur, der prekären Lohnarbeit, die zugrunde liegt, von dem ganzen Gratishintergrund mal abgesehen, verkauft sich diese Technologie stets als ein Werkzeug, das es gar nicht ist, als Tageshilfe, als Unterstützung, als produktionssteigernde Möglichkeit.
Der Philosoph Günther Anders mit seinem Gedanken der prometheischen Scham – die Scham des Menschen aufgrund der eigenen Unterlegenheit gegenüber seinen technischen Schöpfungen – kommt einem in den Sinn. Er hat den Begriff im ersten Atomzeitalter entwickelt und beschrieb als Folge einer Art Resakralisierung. Die Technik ist immer größer als man selbst – und was kann man angesichts dieser digitalen Maschinerie noch sein? Und woran beteiligt man sich, wenn man sie anwendet? Es ist zumindest eine duale Nutzung miteingeschrieben, die militärische und die zivile Nutzung sind nicht zu trennen, ganz zu schweigen von dem gewaltigen Überwachungspotential, das mit ihr vorliegt.
Und ja, in der Medizin könnte es Fortschritte geben, und ja, es wäre schön, wenn es weniger bullshit jobs gäbe, wenn dafür neue, bessere geschaffen würden. Und ja, die Gegenwart lässt sich ohne Übersetzungsprogramme kaum vorstellen. Sie erleichtern internationale Kommunikation gerade bei seltenen Sprachen enorm, obwohl gerade bei seltenen Sprachen die Fehlerquote immens ist. Aber nein, und stopp, diese Anwendungen sind nochmal ganz anders in die neuen technofeudalistischen Herrschaftsverhältnisse eingeschrieben.
Das Beschwören des Untergangs der Menschheit durch die rasante Entwicklung dieser Technologie macht allerdings nur eines, es erzeugt Angst – Angst, die sich als ökonomischer Druck fortsetzt,
Hinter diesem vermeintlichen Werkzeug verbirgt sich so einiges. Watch the money und fragt nach der Kontrolle, den Daten, die ihr freiwillig durchblasen lasst. Urheberrechte? Was für ein veraltetes Konzept. Fragt nach – vielleicht mehr als die EU das macht, die den NGOs Corporate Europe Observatory und Lobby Control zufolge bei ihrer KI-Verordnung (AI Act) die Wünsche der US-Regierung berücksichtigte. Ab August müssen Anbieter, Betreiber und Nutzer von KI-Systemen im EU-Binnenmarkt neue Vorschriften befolgen. So weit, so gut, es geht nicht mehr darum, ob überhaupt, sondern mit wem und unter welchen Bedingungen und mit welcher Programmierung und mit welchem Risiko.
Das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic warnt seit längerem vor der weiteren Entwicklung von KI. Das Beschwören des Untergangs der Menschheit durch die rasante Entwicklung dieser Technologie macht allerdings nur eines, es erzeugt Angst – Angst, die sich als ökonomischer Druck fortsetzt, nicht zuletzt in den Verlagen und im Buchhandel, auch ihre Arbeit wird entwertet. Wer kauft noch Menschenliteratur? Nun könnten Überlegungen zur Literatur folgen, interessanterweise sehe ich mich aber nur mit spezifischen Fragen konfrontiert: Urheberrecht und Prompting.
KI in der Uni-Praxis
Als Lehrende komme ich nur mit KI in Kontakt, wenn Studierende etwas zu vermeiden trachten: Vor allem zu viel Arbeit, Schreibblockaden. Dinge, die sie nicht tun wollen. Dinge, die eigentlich arbeitsteilig sind, für die man aber kein Team findet, weil alle so viel produzieren müssen, um auf den Markt zu gelangen – was die Absurdität und Prekarisierung künstlerischer Arbeit offenbart. An einer Kunsthochschule betrifft das weniger den Bereich Literatur, in dem alle aus gutem Grund selbst schreiben wollen, als den Bereich Film. Und vor allem die Wissenschaft.
Im Moment sprechen in der Literatur die einen von Textintegrität und Rechercheunterstützung, die anderen von Inspirationsquelle – was eher an kreative Armut grenzt.
Und natürlich gibt es, wenn man sich den Gesamtdiskurs an einer Kunsthochschule ansieht, sehr widerstreitende und unterschiedliche Sichtweisen. Das Anwendungsfeld ist sehr groß und vielfältig. Seminare für das Programmieren, aber auch Vibe-Coding-Seminare werden gegeben, in denen die KI das Programmieren übernimmt und die schaffende Person nur die Ideen formuliert. Was daraus erwächst, wird sich zeigen. Im Moment sprechen in der Literatur die einen von Textintegrität und Rechercheunterstützung, die anderen von Inspirationsquelle – was eher an kreative Armut grenzt.
Andere Studiengänge zum Literarischen Schreiben wie an der Universität Hildesheim haben sich konzentrierter den Möglichkeiten der KI-gestützten Schreibprozesse zugewandt, und Lehrende berichten, dass die nur durch Prompts entstandenen Texte nicht über Seite 12 hinauskommen, danach werde jeder erzählerische Text instabil. Und wenn schon, wenn es 150 oder 500 Seiten wären – wer soll das alles lesen? In der Lektüre schließlich ist es langweilig. Vorhersehbar, ideenlos, es tritt der Effekt des Generischen ein.
Und der Vorstellung, man könnte innerhalb eines Tags Dutzende Bücher schreiben oder Filmdrehbücher verfassen und sich selbst die Unterhaltung liefern, die man angeblich vermisst, steht die große Frage gegenüber, wer das Zeug lesen soll, und wer man noch ist, so maschinell ausgelesen auf die eigenen Bedürfnisse hin. Ein werdender Mensch oder einer, gefangen im faktischen Futur I? Und was hat das mit dem Sozialen der Literatur zu tun, das sich tief in den Produktionsprozess einschreibt? Literatur wird ja nicht von einer Person geschrieben wie vielfach angenommen, sondern von vielen, Gesprächspartnern, Lektorinnen, Befragten und Angehörten, es ist wider das Klischee des einsamen Kämmerleins ein tief sozialer Prozess.
Und ja, technische Prozesse gehören seit langem dazu, es geht es hier nicht um Technikverdammung, sondern um den Gedanken, was passiert, wenn die Menschen sich von einer vermeintlich kostenlosen Fake-Sprache wesentliche Teile einer sich verständigenden Sprache wegnehmen lassen. Wir leben ohnehin mehr und mehr in einer algorithmisch programmierten Öffentlichkeit, die Blasenkultur und Vereinsamung erzeugt. Schockierend waren die Ergebnisse der Studie, die im März im Fachmagazin Perspectives on Psychological Science zu lesen waren: Pro Tag 338 Wörter weniger sprechen die Menschen heutzutage miteinander als noch im Jahr 2005.
Die merkwürdigen Rechenprozesse, die in meinem Kopf losgingen, um herauszufinden, wie viele Wörter das insgesamt ergibt, könnten sicherlich mit einer KI schneller gelöst werden, aber in manchen Dingen ist die Ungewissheit eben besser als eine vorschnell erzeugte Gewissheit, die nur dazu dient, den Gedanken aufzuhalten.
Die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla schreibt Prosa, Hörspiele und Theatertexte. Sie ist Rundfunkrätin des RBB, Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und wurde im April zur Rektorin der Hochschule für Medien in Köln gewählt. Zuletzt erschien 2023 ihr Roman »Laufendes Verfahren« und 2025 der Essay »Nichts sagen. Nichts hören. Nichts sehen.« beim Verlag S. Fischer.