Das nächste Praliné bitte!
Sommerzeit ist Ruhezeit. Die Patienten sind im Urlaub, die Kollegen ebenfalls. Träge Routine bestimmt den Alltag: Insektenstiche, Hitzeprobleme und Allergien verdrängen die Infekte der Wintersaison. Der Hausarzt hat Zeit, sich Sorgen zu machen. Aber worüber? Hat er nicht schon an alle gedacht? Etwa an die Privatpatienten oder die Raucher?
Eine Gruppe hat er übersehen. Glaubt er den alarmierenden Überschriften von Fachpublikationen und Laienpresse, werden wir alle immer dicker und dadurch schwer krank. Bereits nach kurzer Lektüre erfasst nackte Panik den vor wenigen Momenten noch sommerlich schlaffen Hausarzt: Eine Fettwelle rollt über Deutschland! Insbesondere die Kinder werden dick und dicker. Die Kleinen sitzen nur noch, bewegen sich nicht und essen den ganzen Tag. Unsere Jugend, ja unsere Zukunft verschwindet in einem Fettberg.
Bei den Erwachsenen ist es nicht besser. Sie grillen, chillen und fahren mit dem Elektrofahrrad, liegen faul am Strand und fangen sich auf Kosten der Solidargemeinschaft auch noch Hautkrebs ein! Sogar Hunde und Katzen werden immer runder.
Der Hausarzt fühlt Druck. Was unternimmt er dagegen? Sitzt er nicht selbst zu viel? Wie kann er seinen Patienten ein Vorbild sein? Vielleicht sollte er aufpassen, nicht beim Eisessen gesehen zu werden? Gemüse ins Wartezimmer? Fitnessangebote von Krankenkassen verbreiten oder gar Rezepte für Abnehmspritzen ausstellen?
Ein Problem ist gewiss aber die (Selbst-)Abwertung von übergewichtigen Menschen, da die sich sehr negativ auf deren psychische Gesundheit auswirkt und schwere Depression verursachen kann.
Stopp! Der Hausarzt beruhigt sich. Schließlich ist der Zusammenhang von Übergewicht und vorzeitiger Sterblichkeit nicht ganz so eindeutig. Ein Problem ist gewiss aber die (Selbst-)Abwertung von übergewichtigen Menschen, da die sich sehr negativ auf deren psychische Gesundheit auswirkt und schwere Depression verursachen kann.
Die von dem Hausarzt sehr geschätzte Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser schrieb in einer Analyse bereits 2009: »Insgesamt wird das Körpergewicht als Risikofaktor für die Lebenserwartung der Menschen erheblich überbewertet.« Stattdessen versuchte, sie die großen Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen den sozialen Klassen stärker zu betonen. Es wäre lohnend, schrieb sie, »sich für die gesundheitlichen Risikofaktoren Bildung, Einkommen und Lebensbedingungen mit ähnlichem Interesse und Nachdruck zu engagieren wie bisher für das Körpergewicht«.
Dem hat der Hausarzt nichts hinzuzufügen, außer dass niedriges Einkommen und schlechte Bildung mit hohem Gewicht assoziiert sind. Die Pharmaindustrie arbeitet derweil daran, dass die Grenzen für die Anwendung ihrer Abnehmprodukte ausgeweitet werden.
Außerdem eignet sich Übergewicht hervorragend dazu, allen ein schlechtes Gewissen zu machen. Bluthochdruck, Herzinfarkt? Selbst dran schuld! Um Handlungsfähigkeit zu simulieren, fordern Gesundheitspolitiker derzeit eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke.
So sollen die Dicken zusammen mit den Rauchern die Infrastruktur erneuern, die Defizite des Gesundheitsökonomie ausgleichen und die Gewinne der Pharmaindustrie sicherstellen. Dabei sind die Effekte einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke gering, die Gesamtmenge konsumierten Zuckers sinkt nicht. Wenn das so weitergeht, gibt es bald eine Sitzsteuer, eine Steuer auf Liegestühle und Sofas, auf Rolltreppen und Fahrstühle. Und sollten nicht Navigations-Apps immer den anstrengendsten und längsten Weg anzeigen, um die Nutzer zu mehr Bewegung anzuhalten? Der Hausarzt jedenfalls hat sich früher viel öfter verlaufen und seine Gewichtszunahme korreliert eindeutig mit dem Aufkommen der Karten-Apps.
Ganz bewusst bleibt der Hausarzt bei diesen komplizierten Überlegungen sitzen und gegen den irrationalen Fitness- und Schlankheitszwang nascht er nach jedem Patienten ein Praliné. So viel Subversion muss sein.