»Die freiwillige Sexarbeiterin gibt es kaum«
Wie ist euer Netzwerk innerhalb der Linkspartei entstanden und was sind eure konkreten Forderungen?
Markus Wollina (MW): 2016 wurde von verschiedenen Parteimitgliedern eine Petition gestartet, die forderte, dass die Partei das Nordische Modell zum Thema Prostitution übernimmt. Sie erhielt über 1.000 Unterschriften und wurde 2020 aktualisiert, auch vor dem Hintergrund der Coronamaßnahmen. Menschen in der Prostitution waren damals in ihrer Tätigkeit stark eingeschränkt, ohne dass es Hilfsmaßnahmen gab, um das fehlende Einkommen auszugleichen. In den vergangenen drei Jahren ist daraus eine deutlich aktivere Gruppe geworden. Wir sind inzwischen bundesweit organisiert, haben Online-Veranstaltungen mit Referentinnen aus Politik, Medizin und Psychologie gemacht und bringen Anträge auf Parteitagen ein. Dabei ging es uns nie darum, dass die Partei sofort das Nordische Modell fordern soll, sondern erst mal darum, überhaupt eine innerparteiliche Debatte zu organisieren – weil bisher sehr oberflächlich und emotional argumentiert wird.
»Das Bundesfamilienministerium spricht von 90 bis 95 Prozent der Prostituierten, die als zwangsprostituiert gelten können. Neun von zehn Frauen kommen aus Osteuropa.« Klara Simon
Klara Simon (KS): Wir machen gerade viel Öffentlichkeitsarbeit, um das gesellschaftliche Bewusstsein zu verändern. An Infoständen merken wir, dass viele Menschen – auch in unserer eigenen Partei – gar nicht wissen, wie Prostitution in Deutschland tatsächlich abläuft. Viele erkennen nicht an, dass die Mehrheit der Prostituierten täglich Gewalt ausgesetzt ist und das nicht freiwillig macht. Das Bild der selbstbestimmten, empowerten Sexarbeiterin, das oft in den Köpfen herrscht, bildet einfach nicht die Realität ab.
Wie sieht die Prostitution in Deutschland derzeit tatsächlich aus?
KS: Das Bundesfamilienministerium spricht von 90 bis 95 Prozent der Prostituierten, die als zwangsprostituiert gelten können. Neun von zehn Frauen kommen aus Osteuropa. Viele haben keine echte Wahlmöglichkeit, befinden sich in vulnerablen Positionen, handeln aus finanzieller Not, sprechen oft kein Deutsch, sind nicht krankenversichert und wurden aus osteuropäischen Ländern nach Deutschland verschleppt. Ein erheblicher Teil ist minderjährig. Es handelt sich um Gewalt, die jeden Tag stattfindet – gegen Frauen, die keine Mittel haben, sich zu wehren, weil sie unter Zuhältern oder Bordellbetreibern leiden.
In der Debatte kommen die Freier oft gar nicht vor. Wer sind sie?
KS: Das geht durch jede Gesellschaftsschicht, vom Junggesellenabschied bis zum Familienvater. Jeder vierte Mann in Deutschland hat schon einmal für Sex bezahlt. Man kann Freier also nicht sozial charakterisieren – außer dadurch, dass sie Frauen ausbeuten.
MW: Es gibt kaum belastbare Statistiken, aber es gibt Quellen wie Internetforen, in denen sich Freier austauschen und Prostituierte bewerten – etwa danach, wie leicht sich deren Grenzen und Regeln umgehen lassen. Dazu kommt eine starke Normalisierung, etwa durch Bordellführungen für Touristen auf der Hamburger Reeperbahn oder in der Berliner Kurfürstenstraße.
Ihr setzt euch für das Nordische Modell ein, also die Bestrafung der Freier statt der Prostituierten. In welcher Form soll das in Deutschland umgesetzt werden?
KS: Das Modell besteht aus vier Säulen. Erstens die Kriminalisierung der Freier. Zweitens die gleichzeitige Entkriminalisierung der Frauen, die derzeit oft selbst mit Bußgeldern rechnen müssen. Dabei sind sie nicht schuld an ihrer Ausbeutung – man würde auch bei häuslicher Gewalt nicht die betroffene Frau bestrafen. Drittens müsste man Ausstiegsmöglichkeiten für die Frauen schaffen. Und viertens braucht es gesellschaftliche Präventions- und Aufklärungsarbeit.
Das Nordische Modell besteht aus vier Säulen. Erstens die Kriminalisierung der Freier. Zweitens die gleichzeitige Entkriminalisierung der Frauen, die derzeit oft selbst mit Bußgeldern rechnen müssen.
Es gibt auch feministische Kritik am Nordischen Modell, nicht zuletzt etwa von Sexarbeiterorganisationen wie dem BesD (Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen) oder Hydra e. V., die sagen, das Verbot dränge Prostitution in die Illegalität. Habt ihr das Gespräch mit den Verbänden gesucht?
KS: Das Argument, das Nordische Modell dränge alles nur mehr in die Kriminalität, löst sich dadurch auf, dass es die Frauen ja gerade entkriminalisieren will. Prostitution findet schon jetzt größtenteils im Verborgenen statt. Wir haben festgestellt, dass das liberale deutsche Modell keine Verbesserung für die Frauen gebracht hat. Und wie bei Diebstahl oder Mord: Ein Verbot beseitigt ein Phänomen nicht vollständig, aber Gesetze wirken normierend und reduzieren es.
MW: Und die Betroffenen sind ja auch kein monolithischer Block. Mitglieder von uns sind zum Beispiel bei Sisters e. V. aktiv, die Ausstiegshilfe leisten, andere arbeiten in der Eingliederungshilfe und damit direkt mit Überlebenden der Prostitution. Der Kontakt zu Betroffenen findet also durchaus statt – nur eben nicht in erster Linie zu den Organisationen, die vor allem die freiwillige Sexarbeit in den Vordergrund stellen.
Oft wird zwischen freiwilliger Sexarbeit und Zwangsprostitution unterschieden. Für Erstere wird das Recht auf Selbstbestimmung angeführt und auf dieser Grundlage rechtliche Rahmenbedingungen und Entstigmatisierung gefordert – das ist auch die Position der Linkspartei im Bundestag. Was spricht dagegen?
KS: Die freiwillige Sexarbeiterin gibt es den Zahlen zufolge kaum. Und selbst wenn: Woher sollen Freier wissen, ob eine Person das wirklich selbstbestimmt macht? Ihnen ist das im Grunde egal, und sie können es nicht überprüfen. Hinzu kommt: Die Nachfrage in Deutschland ist so hoch, dass es nie genug Frauen geben wird, die das rein freiwillig tun – die Nachfrage lässt sich nur gesetzlich eindämmen.
MW: In der öffentlichen Debatte gibt es ein starkes Übergewicht von Stimmen, die für sich freiwillige Sexarbeit reklamieren. Die migrantisierten, prekarisierten Frauen, die den Großteil ausmachen, sitzen selten in Talkshows oder auf Podien – auch nicht bei uns in der Partei. Und selbst wenn es keine Zwangsprostitution gäbe: Aus linker Perspektive ist Prostitution abzulehnen, weil sie Frauenkörper dauerhaft für Männer verfügbar hält. Das prägt, wie Männer Frauen insgesamt sehen und behandeln.
In der öffentlichen Debatte gibt es ein starkes Übergewicht von Stimmen, die für sich freiwillige Sexarbeit reklamieren. Die migrantisierten, prekarisierten Frauen, die den Großteil ausmachen, sitzen selten in Talkshows oder auf Podien – auch nicht bei uns in der Partei.
Was hat sich seit dem Prostituiertenschutzgesetz 2017 geändert?
KS: Eigentlich nichts – das hat auch das Ministerium eingeräumt. Die Debatte wird gerade neu angestoßen, auch aus einer feministisch-materialistischen Perspektive: Ist der Verkauf des eigenen Körpers nicht die Höchststufe kapitalistischer Verwertungslogik? Gesetzlich hat sich für die Frauen aber nichts verbessert.
Die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hat sich mit deutlichen Worten für schärfere Regeln gegen Prostitution in Deutschland ausgesprochen. Könnt ihr in der Union hier eine politische Verbündete sehen?
KS: Ich nicht. Konservative kommen zwar teils zu ähnlichen Schlüssen, aber wir argumentieren aus einem anderen, feministischen Weltbild: Frauenkörper sind keine Ware, wir wollen selbstbestimmte Sexualität. Aus konservativer Perspektive wird anders argumentiert – etwa aus einer moralisch-konservativen Haltung heraus, nicht aus einer feministisch-materialistischen wie bei uns.
MW: Wir fordern ja nicht nur ein Sexkaufverbot, sondern auch soziale Absicherung, Ausstiegshilfen sowie sozialarbeiterische und medizinische Betreuung. Wenn andere Parteien Freierbestrafung fordern, ist das erst mal zu begrüßen, aber unsere Forderungen gehen weiter. Der Vorwurf, wir würden dieselbe Position wie Konservative vertreten, ist Unsinn – wir richten uns nicht danach, was Konservative fordern, sondern danach, was inhaltlich richtig ist.
Wohin bewegt sich die Debatte innerhalb der Linkspartei derzeit aus eurer Sicht?
MW: Bei der Jugend gibt es Bewegung. Die Linksjugend Saarland hat beschlossen, dass Freiertum nicht mit Mitgliedschaft vereinbar ist. Bei unserem eigenen Parteitag ist ein entsprechender Beschluss noch nicht geglückt, es braucht weiter Aufklärungsarbeit. Für viele Mitglieder ist das noch ein Nischenthema.
KS: Wir bekommen medial schon mehr Aufmerksamkeit als früher, auch durch unsere Arbeit. Hoffnung macht mir, dass sich prominente Genossen wie Jan van Aken für unseren Antrag ausgesprochen haben, oder zumindest für die Position, dass Genossen keine Freier sein dürfen – darunter Gregor Gysi, Sören Pellmann und Jan Korte. Der Parteitag hat auch gezeigt, dass es noch ein großes Ungleichgewicht im Wissen über Prostitution gibt. Trotzdem bin ich hoffnungsvoll, weil das Bündnis mir Hoffnung gibt. Unseren Kampf halte ich für alternativlos. Ich glaube, wir können nicht in einer gleichberechtigten, feministischen Gesellschaft leben, solange Männer in der Mittagspause Frauen für zehn Euro kaufen können. Es betrifft uns alle, wenn unsere Söhne lernen, dass Frauen jederzeit verfügbar sind.