23.07.2026
Antisemitische Linke

Die neuen linken Krawall-Antisemiten

Die seit dem 7. Oktober 2023 erstarkte linke antizionistische Bewegung frönt einem Erlösungsantisemitismus, dem zufolge Israel der Hauptfeind im weltweiten Kampf um Befreiung ist. Die Linke ist dafür anfällig, weil es ihr an Reflexion über Antisemitismus mangelt – und weil sie immer seltener ­radikale Gesellschaftskritik übt.

Die gewalttätig eskalierte Auseinandersetzung um das Ostberliner Jugendzentrum »La Casa« wirft ein Schlaglicht auf die derzeitigen Auseinandersetzungen um linken Antisemitismus. Bei diesen handelt es sich nicht um eine theoretische Debatte. In den vergangenen Jahren ist eine maßgeblich von jüngeren Linken getragene, militant antizionistische Bewegung entstanden. Sie formierte sich nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 vor allem aus dem akademisch-identitätspolitischen ­Milieu und den Resten der Bewegung Fridays for Future. Ideologisch bezieht sie sich auf ein Mischmasch aus Ideologemen des traditionellen Marxismus-Leninismus und postmodernen und postkolonialen Vorstellungen. Auf dieser Grundlage vertritt diese Bewegung einen in der Parole »Palestine will set us free« zum Ausdruck kommenden Erlösungsantisemitismus, dem der Israel-Palästina-Konflikt als der Dreh- und Angelpunkt im Kampf gegen Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung erscheint und die Beseitigung Israels als Grundbedingung weltweiter menschlicher Emanzipation.

Diese Bewegung versucht, die Hegemonie in bestehenden linken Räumen und Organisationen, von Hausprojekten bis hin zur Jugendorganisation der Linkspartei, zu erobern. Völlig neu ist das natürlich nicht. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in den eigenen sozialen Milieus und Organisationen ist so alt wie die organisierte Linke. Der moderne Antisemitismus ist schließlich eine ideologische Reaktion auf die kapitalistische Vergesellschaftung. Die unbegrif­fenen Auswirkungen der unpersönlichen Herrschaft des Kapitalverhältnisses führt er auf das Handeln mächtiger Individuen zurück. Damit stützt er sich auf Affekte, die Menschen, die mit den Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der kapitalistischen Welt konfrontiert sind, auch zur Linken treiben.

So werden postmoderne Grundlagen des neuen linken Antisemitismus bis weit in die antisemitismuskritische Linke hinein geteilt, etwa das Denken in Identitätskategorien, das häufig dazu führt, Juden als privilegierte Unterdrücker einzusortieren.

Deshalb ist die Behauptung, es gebe keinen linken Antisemitismus, nicht nur falsch, sondern Ausweis grundlegender Unkenntnis der Geschichte der Linken. Regressive antikapitalistische Impulse zu reflektieren und abzulegen, ist die Grundlage jeder Kritik von Ökonomie und Vergesellschaftung, die diesen Namen verdient.

Die Auseinandersetzung über linken Antisemitismus hierzulande ist davon gekennzeichnet, dass Antizionist:innen gegen »anti­deutsche Zios« Stimmung machen. Die von palästinafixierten Linken immer wieder zu hörende Behauptung, alle Linken außerhalb Deutschlands seien Israelfeinde, stimmt zwar nicht. Sie leugnet nicht zuletzt die Existenz internationaler linker sozialistischer und kommunistischer Strömungen, die Ideen nationaler Befreiung scharf kritisieren, wie sie von den Freund:innen der palästinensischen Nationalbewegung artikuliert werden. Wahr ist allerdings, dass im deutschsprachigen Raum nach 1990 sehr spezifische Kontroversen um linken Antisemitismus geführt wurden. Diese führten nicht nur zum Entstehen einer in der Form wirklich einzigartigen israelsolidarischen Linken, sondern auch dazu, dass selbst außerhalb dieser Strömung in weiten Kreisen ein Bewusstsein für linken Antisemitismus entstanden ist. Viele Linke, die von diesen Debatten geprägt wurden, schauen heute irritiert und konsterniert auf die neuen ­linken Krawall-Antisemiten.

Denen kann man vieles vorwerfen – die Hilflosigkeit der antisemitismuskritischen Linken im Umgang mit dieser Bewegung jedoch nicht. Die ist Resultat eigener nicht nur organisatorischer, sondern auch analytischer und theoretischer Schwäche. So werden postmoderne Grundlagen des neuen linken Antisemitismus bis weit in die antisemitismuskritische Linke hinein geteilt, etwa das Denken in Identitätskategorien, das häufig dazu führt, Juden als privilegierte Unterdrücker einzusortieren.

Bei vielen ist eine den Antisemitismus ablehnende Haltung auch eher zufälliges Produkt jugendbewegt-subkultureller Sozialisation als Ergebnis bewusster Reflexion und wird mit sich verändernden Mehrheitsverhältnissen in AJZ und Jugendorganisation auch ohne große Probleme abgelegt.

Vor allem aber verdankt sich der Zulauf, den die neue antisemitische Linke verzeichnet, ihrem rebellischen, vermeintlich revo­lutionärem Auftreten. Angesichts der Niederlagen der Linken im 20. Jahrhundert, der Barbarei des deutschen Nationalsozialismus und des Scheiterns des aus der russischen Oktoberrevolution hervorgegangenen Realsozialismus und der daraus resultierenden derzeitigen Unvorstellbarkeit revolutionären Wandels haben sich große Teile der antisemitismuskritischen Linken in den vergangenen Jahren auf die verbale Verteidigung der emanzipatorischen Errungenschaften bürgerlicher Vergesellschaftung zurückgezogen. Kritik an der derzeitigen Selbstzerstörung der bürgerlichen Demokratie, die eine radikale Kritik des sich unter diesen Bedingungen formierenden linken Antisemitismus einschließt, wird in diesem Milieu zu selten und zu inkonsistent formuliert. Dies wäre aber nötig, um sich aus der lähmenden Hilflosigkeit zu befreien.