»Erdoğan, Modi, sogar Putin – sie geben sich alle dekolonial«
In den vergangenen Jahren wurden in Berlin mehrere Straßen umbenannt, beispielsweise diejenigen, die nach Adolf Lüderitz und Carl Peters benannt waren. Der Bezirk Mitte schreibt, »Straßennamen mit Kolonialbezug« seien mit dem Ziel geändert worden, einen »Beitrag zur Dekolonisierung von Gesellschaft und Kultur« zu leisten. Für wie sinnvoll halten Sie solche Maßnahmen?
Manche ergeben Sinn. Carl Peters war ein Kolonialbeamter, der auch bei den Nazis beliebt war; ich habe mir sogar den nationalsozialistischen Propagandafilm über ihn angesehen. Ich kann verstehen, warum man bestimmte Namen im Alltag nicht verwenden möchte. Aber ich halte es auch für wichtig, sich an diese Namen zu erinnern. Denn selbst wenn die Geschichte eines Ortes düster ist: Sie zu vergessen oder so zu tun, als könnte man sie auslöschen, ändert nichts an dieser Geschichte. Das hält uns nur davon ab, uns ernsthaft damit auseinanderzusetzen.
Ist es ein grundlegendes Muster in der postkolonialen Theorie, Geschichte zu verbannen und auszulöschen, statt sich eingehend mit ihr zu beschäftigen?
»Die retrospektiven Helden der postkolonialen Theorie wie Benoy Kumar Sarkar lasen Johann Gottlieb Fichte und Johann Gottfried von Herder, zitierten sie und sprachen von der Bedeutung des authentischen Volkes als dem Träger der Nation.«
Ich wünschte, die Vertreter der postkolonialen Theorie wüssten tatsächlich genug, um zu erkennen, dass sie Geschichte auslöschen. Ich glaube, meistens reden sie einfach aus Unwissenheit. Das Hauptproblem ist, dass sie sagen, etwas sei eurozentristisch oder unterdrückerisch, ohne zu wissen, warum es eurozentristisch oder unterdrückerisch ist – sie wissen einfach nur, dass es so ist. Dann wollen sie diese Geschichte beseitigen. Ab einem bestimmten Punkt entfernt man immer mehr Dinge, die man nicht sehen will.
Ein gutes Beispiel ist die Statue von Cecil Rhodes in Oxford, einer prominenten Figur des britischen Imperialismus mit rassistischen Ansichten. Es gab eine Kampagne für ihre Entfernung. Ich finde, was letztlich getan wurde, war viel sinnvoller als ein Abriss: Es gibt dort mittlerweile auf einer Plakette eine ausführliche Erklärung, wer Rhodes war, was er getan hat und warum er ein unangenehmer Charakter war. Das erscheint mir sinnvoller, als die Statue komplett zu entfernen. Denn Rhodes ist Teil vieler Narrative, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.
Das ist nicht das Einzige, was Sie an der postkolonialen Theorie bemängeln. Der Kern Ihrer Kritik ist schon im Titel Ihres neuen Buchs enthalten: »The Postcolonial Volk«. Sie wollen zeigen, dass postkoloniale Theorie von völkischem Gedankengut durchsetzt ist. Welche Belege gibt es dafür?
Wenn man sich mit Material in Archiven beschäftigt, ist das ganz klar: Die meisten antikolonialen Nationalismen waren in erster Linie »späte Nationalismen«. Diese bezogen sich eher auf eine romantische Vorstellung, also auf die Idee einer Nation als kollektives Gebilde.
Solche späteren romantischen Modelle stützten sich auf die Vorstellung eines Wesenskerns einer Kultur, einer Zivilisation und einer Sprache. Und genau diese Narrative wurden aufgegriffen, insbesondere in Ländern wie Indien, aus denen auch der Großteil der postkolonialen Narrative stammt. Die retrospektiven Helden der postkolonialen Theorie wie Benoy Kumar Sarkar lasen Johann Gottlieb Fichte und Johann Gottfried von Herder, zitierten sie und sprachen von der Bedeutung des authentischen Volkes als dem Träger der Nation. Sobald man ein authentisches Volk definiert hat, muss man sich klar darüber werden, wen man nicht einbeziehen will. Und so schlossen diese Nationalismen per Definition eine Art inneren Feind aus. In den Jahren nach dem Ende des Kolonialismus wurde dies zu einem Identitätsmodell und es entwickelte sich ein Rückgriff auf eine essentialisierte Vorstellung davon, wer dazugehört und wer nicht.
Und das andere Problem ist, dass sich diese Essentialisierung nicht wesentlich von der rassistischen Essentialisierung unterscheidet, die gegen die Kolonisierten selbst eingesetzt wurde. Im Grunde kehrt man damit nur die Normativität um und nutzt dieselbe rassifizierte Essenz als positives Merkmal. Es ist also nicht so, dass ich einen Vergleich anstelle, der sich nicht bereits aus den Quellen ableiten ließe.
Rein polemisch könnte man aber auch sagen: »Wenn ihr euch heutzutage auf eine essentialisierte Identität stützt, um eure Politik voranzutreiben, dann denkt daran, dass genau diese Art von essentialisierter Identität von Leuten wie den Nazis genutzt wurde, um eine rassistische Vorstellungswelt gegenüber Außenstehenden zu schaffen. Und der einzige Unterschied besteht darin, dass ihr behauptet, historisch unterdrückt worden zu sein, ihnen das aber nicht zugesteht.« Aber auch die Nazis hatten ein Unterdrückungsnarrativ: der Dolchstoß von hinten, der Versailler Vertrag nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, der Jude im Inneren.
Die völkische Bewegung sah sich selbst und die Deutschen als bedroht und unterdrückt, handelte also sozusagen in der ersten Person. Vertreter der postkolonialen Theorie im Westen gehören meist nicht zu »den Unterdrückten«, sondern meinen, für diese oder in deren Sinn zu sprechen. Welche Erklärung haben Sie für diesen Unterschied?
Das ist eine Art Bauchrednerei. Es ist sehr interessant, dass die wütendsten und bösartigsten Befürworter verschiedener postkolonialer Bewegungen weiße Universitätsstudenten sind, die selbst wenig oder gar nichts mit Unterdrückung zu tun haben. Wenn weiße Studenten im Rahmen der universitären Ausbildung lernen, dass man sich mit allem identifizieren muss außer damit, weiß zu sein – weil Weißsein an sich schon etwas Schreckliches ist –, dann verbringen sie den Rest ihres Lebens damit, sich mit jemand anderem zu identifizieren.
Das rührt zunächst einmal von einem nordamerikanischen Schuldgefühl her. Es geht darum, die Unterdrückung indigener Völker anzuerkennen und diejenigen, die als Unterdrückte betrachtet werden, in die akademische Welt zu integrieren. Wenn man dort aber eine Gruppe als solche integriert, verhält sie sich auch als Gruppe und beginnt, andere Menschen auszuschließen, die ihre Position als Gruppe gefährden könnten.
Vom Denkansatz her ist das sehr kolonialistisch: Das auferlegte Klischee zu akzeptieren und es zu einer wesenhaften Identität zu machen, ist genau das, was die koloniale Erzählung schon immer getan hat. Da bleibt kein Platz für das Individuum. Frantz Fanon hat dazu einen großartigen Satz gesagt: Es sei der Kolonisator, der zum Erfinder des einheimischen Stils werde, weil man den Einheimischen in eine Position bringen müsse, in der man die Erzählung kontrollieren könne.
In meiner Doktorarbeit habe ich mich mit Entwicklungserzählungen und Entwicklungsmodellen aus der Zeit vor dem Kalten Krieg beschäftigt. Dabei zeigte sich: Wenn einem Kolonialbeamten eine bestimmte Sichtweise gefiel, erklärte er sie zur authentischen einheimischen Position. Wenn ein Einheimischer anderer Meinung war, galt dies als unechte einheimische Position und als Partikularinteresse. Genau diese Logik reproduzieren die Universitäten.
In Ihrem Buch erwähnen Sie einen Fall, in dem ein bekannter Theoretiker der Duke University in North Carolina eine lobreiche Empfehlung für ein Buch eines indischen Unterstützers von Sangh Parivar aussprach, einem Zusammenschluss rechter, ethnonationalistischer Hindu-Organisationen.
Walter Mignolo, ein sehr bekannter Dekolonialtheoretiker. Man könnte fast sagen, so etwas wie der Papst der Dekolonialtheorie.
Schaden solche Verbindungen zu Rechtsextremen Leuten wie Mignolo?
Nein. Wenn es kritische Stimmen gibt, werden sie in diesen Kreisen einfach nicht gehört. Man muss auch kein Buch rezensieren, das außerhalb des eigenen, abgeschotteten Kreises der Selbsttäuschung liegt.
Handelt es sich bei diesem postkolonialen Milieu also um einen geschlossenen Kreis von Menschen, die ihre eigene Theorie immer wieder reproduzieren?
Ja. Das Interessante daran ist jedoch nicht nur, dass ein paar Akademiker untereinander Unsinn reden, sondern es sind auch die Parolen, die aus diesem akademischen Unsinn in die Welt gelangen. Wenn man sich Reden vor der Uno anhört, kommt es vor, dass jemand das Wort »Kolonialismus« 64 Mal in einer einzigen Rede erwähnt und dass über den »Westen« gesprochen wird, als wäre der Begriff an sich schon abwertend und als sollte jeder vor ihm zurückschrecken – es sind normative Begriffe ohne jegliche beschreibende Kraft. Sie werden einfach nur auf diese postkoloniale Weise verwendet.
In Ihrem Buch bezeichnen Sie postkoloniale Theorie als »eine Abkehr von dem, was einmal die Linke war, durch ein kollektivistisches, kulturalistisches und kommunitaristisches Denken, durch Identitätsdenken, hin zu etwas, das kaum noch Ähnlichkeit mit dem hat, was wir als links erkennen würden«. Andererseits widmen sie einen ganzen Abschnitt der Rolle der Sowjetunion und von deren Verbündeten bei der Verbreitung der Ideologie der nationalen Befreiung und des Antiimperialismus. Besteht also doch eine Verbindung zwischen dem Postkolonialismus und dem alten linken Antiimperialismus?
Das ist ein interessanter Punkt. Ich glaube nicht, dass viele Menschen, die sich heutzutage als postkolonial bezeichnen, diese Genealogie erkennen. Es handelt sich bei dem erwähnten Antiimperialismus aber um eine stalinistische Version einer leninistischen Verzerrung einer Debatte, die ursprünglich viel differenzierter war. Wenn man bis zu Rosa Luxemburg zurückgeht, wird ganz deutlich, dass man nicht einfach eine Position der nationalen Befreiung unterstützen sollte, ohne darüber nachzudenken, um welche Art von Bewegung es sich dabei handelt. Die frühe Sowjetunion wiederum hat den Nationalismus als Mobilisierungskraft gezielt genutzt. Zweifellos war die Kapitulation der Linken vor dem Nationalismus eine der wichtigsten Triebkräfte hinter all diesem Unsinn. Denn eine nationale Bewegung gilt demnach als legitim, solange sie gegen den Kolonialismus gerichtet ist. Hier zeigt sich also eine ganz klare mechanistische Weltanschauung. Wenn es Kolonialismus gibt, dann ist Nationalismus in Ordnung, solange er dem Kolonialismus entgegenwirkt.
»Wenn man bis zu Rosa Luxemburg zurückgeht, wird ganz deutlich, dass man nicht einfach eine Position der nationalen Befreiung unterstützen sollte, ohne darüber nachzudenken, um welche Art von Bewegung es sich dabei handelt.«
Die inneren Konflikte, Widersprüche und Herrschaftsformen der »unterdrückten Gesellschaften« verschwinden in dieser Betrachtung. Besteht hier auch eine Ähnlichkeit zur postkolonialen Sichtweise?
Auf jeden Fall. Und das ist für repressive Staaten äußerst nützlich. Erdoğan, Modi, sogar Putin – sie geben sich alle dekolonial. Der gesamte Staatenblock Brics hat begonnen, diese Logik ganz offen zu nutzen. Warum aber gilt sie als Ideologie gegen Unterdrückung, wenn Staaten sie nutzen können, um ihre eigene Bevölkerung im Inland zu unterdrücken? Wenn das iranische Regime beschließt, die eigene Bevölkerung mit Maschinengewehren zu beschießen, interessiert das niemanden. Denn die Menschen, die dabei ums Leben kommen, sind offensichtlich nicht die richtigen Iraner, weil sie das Regime nicht unterstützen, das als authentisch gilt.
In der Uno und bei den Regierungschefs der Brics-Staaten sind die postkoloniale Ideologie und der dazugehörige Jargon sehr beliebt. In den USA greift die Regierung Trump dieses akademische Milieu hingegen gezielt an. Hat der Postkolonialismus dort verloren?
Nein, sein Erfolg zeigt sich doch sehr deutlich im Trumpismus. Ursprünglich lautete die Kritik an dem, was man Eurozentrismus nannte, dass er eine scheinbare Universalität transportiere, die sich in Wirklichkeit aber nur auf die europäische und nordamerikanische Erfahrung beziehe. Der Hinweis, dass sich weiße Suprematisten hinter dem scheinbar Universellen verstecken konnten, war eine berechtigte Kritik. Heutzutage beanspruchen weiße Suprematisten aber nicht das Universelle für sich, sondern das »Weißsein«, sowohl als Identität als auch als Opferrolle. Damit reproduzieren sie ganz korrekt das postkoloniale Denken. Innerhalb dieser postkolonialen und dekolonialen Logik können wir nicht zu einer universellen Sichtweise zurückkehren.
Wenn dieses Denken also falsch ist, wie sähe der richtige Umgang mit der Kolonialgeschichte aus?
Ich glaube nicht, dass es sich dabei um eine moralische Frage handeln kann, und schon gar nicht um eine Frage von vererbter Opferrolle und vererbter Schuld. Gibt es einen besseren Weg, mit der kolonialen Vergangenheit umzugehen? Betrachte sie unvoreingenommen. Betrachte sie klar und deutlich. Es gibt die marxistische Tradition, die sie genau so betrachtet hat. Der Kolonialismus bewirkte Dinge, die unbeabsichtigt Veränderungen hervorriefen – wie der »abscheuliche, heidnische Götze, der den Nektar nur aus den Schädeln der Gefallenen trinken wollte«. (Mit diesem verglich Karl Marx den menschlichen Fortschritt, der aber seiner Ansicht nach die Voraussetzungen für eine befreite Gesellschaft erst hervorbrachte; Anm. d. Red.) Er bewirkte diese Veränderungen nicht, weil jemand ein gütiger Mensch war oder etwas Gutes tun wollte. Genauso wenig wie der Kapitalismus Fortschritt brachte, weil der Kapitalist ein guter Mensch war. Wir befinden uns nicht in einem Moralunterricht für Kinder. Warum versuchen wir also, die Welt nach dem Vorbild eines Moralunterrichts für Kinder zu gestalten?