»Kriegsdienst widerspricht meinen Überzeugungen«
Was hat Sie dazu bewogen, aus Russland zu fliehen?
Im Sommer 2025 stand meine Einberufung zum Wehrdienst bevor. In den Kasernen werden Soldaten in der Grundausbildung häufig dazu genötigt, sich für einen Fronteinsatz zu verpflichten, aber Kriegsdienst, egal in welcher Form, widerspricht meinen Überzeugungen. Ich wurde als wehrtauglich eingestuft, mein Antrag auf Zivildienst wurde gar nicht erst angenommen. Daraufhin bin ich abgetaucht. Im Online-Register konnte ich meinen Einberufungsbescheid einsehen mit dem Vermerk, dass mir die Ausreise untersagt ist. Das hat mich schockiert. Mir war klar, dass man mich früher oder später aufspürt. Mir blieb nur die Option, das Land zu verlassen.
Wie ist Ihnen das gelungen?
Ein paar Mal bin ich während meiner Ausbildungszeit bei der russischen Eisenbahn als Schaffner im Zug von Moskau nach Kaliningrad gefahren, deshalb kam mir die Idee, bei der Durchfahrt über litauisches Gebiet vom Waggon zu springen. Einen Asylantrag kann man beim litauischen Grenzschutz nicht mehr stellen, das wollte ich in Kaunas tun. Als ich dort ankam, habe ich in den Nachrichten gelesen, dass ich in Litauen als illegal Einreisender polizeilich gesucht werde, mir eine Strafe und die Abschiebung droht. Deshalb habe ich in Finnland Asyl beantragt.
Als ich in Kaunas ankam, habe ich in den Nachrichten gelesen, dass ich in Litauen als illegal Einreisender polizeilich gesucht werde, mir eine Strafe und die Abschiebung droht.
Wie gingen die finnischen Behörden mit Ihrem Anliegen um?
In Helsinki wurde ich in einem Aufnahmezentrum für Geflüchtete untergebracht, mein Pass wurde einbehalten. Nach dem Dublin-Abkommen sei Litauen für mich zuständig, hieß es im Ablehnungsbescheid. Man hat versucht, mich zu überreden, nach Russland zurückzukehren, sogar Geld wurde mir angeboten. Eine Ausreise aus dem Schengen-Raum in ein Drittland war schlicht nicht vorgesehen. Mein Pass liegt immer noch bei der Polizei in Helsinki.
Was haben Sie dann unternommen?
Ich bin ohne Dokumente weiter nach Frankreich gefahren, um dort einen Asylantrag zu stellen. Mit Verweis auf das Dublin-Abkommen erhielt ich wieder eine Absage. Ende Juni scheiterte meine Klage gegen diesen Entscheid. Jetzt droht mir die Abschiebung nach Litauen, wo gegen mich ein Strafverfahren wegen illegalen Grenzübertritts läuft. Mein Fall hat dort, anders als vorangegangene, großes Aufsehen erregt.
Womit rechnen Sie, sollten Sie nach Russland abgeschoben werden?
Ich käme ins Gefängnis wegen Fahnenflucht und Diskreditierung der Armee. Aber noch habe ich eine minimale Hoffnung, dass sich meine Situation durch öffentliche Aufmerksamkeit doch noch zu meinen Gunsten entwickelt.