Warten auf den Abpfiff
Doch, es wäre nett gewesen, wenn das große Finale der Fußball-Weltmeisterschaft nicht derart öde gewesen wäre. Denn in den langen Stunden, in denen auf dem Rasen praktisch nichts passierte, war man gezwungen, sich Gedanken über dieses und jenes zu machen, wie das eben häufig so passiert, wenn man durch nichts abgelenkt wird. Womit man, ohne es zu wollen, plötzlich Meinungen zu den dieswöchigen Aufreger-Themen entwickelte. Wie zu Leihmutterschaften, die offenkundig nicht in die Rubrik »My body, my choice« fallen. Warum eigentlich nicht? Ah ja, weil es hauptsächlich um Frauen geht, die arm sind. Und arme Frauen dürfen sich zwar in oft sogar mehreren übel unterbezahlten Drecksjobs pro Tag ausnutzen lassen und am Ende doch kaum genug Geld zum Leben haben, aber durch eine Schwangerschaft die eigene finanzielle Situation verbessern, neinnein, das geht auf keinen Fall. Gut, andererseits ist man dadurch Jens Spahn losgeworden, was ein unbedingter Vorteil ist, wobei es nicht auszuschließen ist, dass es weder Shitstorm noch Rücktritt gegeben hätte, wenn einer der stolzen neuen Eltern ein – sagen wir es, wie es ist – eher grüner oder linker Politiker gewesen wäre.
In einem Leben, in dem täglich zehn, zwölf Stunden nicht selbstbestimmt gearbeitet wird und in dem dann doch nicht alle anfallenden Rechnungen bezahlt werden können, ist ganz sicher noch Platz für die Zubereitung schicker Bowls und Selbstoptimierung.
Ah, endlich Halbzeit, oh, eine Halbzeitshow, auch nicht schön. Also eben noch mal kurz zum Thema Leihmutterschaften. Beziehungsweise zum Begriff working poor, der, wie hinlänglich bekannt, Menschen bezeichnet, die mehrere unterbezahlte Jobs machen und trotzdem keinerlei Chance auf ein besseres Leben haben. Das sind oft die, auf die die Mehrheitsgesellschaft verächtlich zeigt, weil sie nach der Arbeit fettiges Fast Food essen, statt gesundes Essen zuzubereiten. Und übermüdet auf der Couch vorm Fernseher einschlafen, statt ins Fitnessstudio oder wenigstens joggen zu gehen. Ja klar, in einem Leben, in dem täglich zehn, zwölf Stunden nicht selbstbestimmt gearbeitet wird und in dem dann doch nicht alle anfallenden Rechnungen bezahlt werden können, ist ganz sicher noch Platz für die Zubereitung schicker Bowls und Selbstoptimierung. Aber der Skandal ist, gegen Bezahlung schwanger zu werden, klar. Da isser ja, der Abpfiff, endlich.