30.07.2026
In »Everytime« muss eine Familie mit dem Tod der Tochter klarkommen

Alltägliche Tragödie

Eine Partynacht, die tödlich endet: In Sandra Wollners »Everytime« trauert eine Familie um eine junge Frau. Der Film wirft die Frage auf, wie man mit dem Tod eines nahen Menschen umgeht – und wie sich der Alltag vor die Trauer schiebt.

Der Tod eines geliebten Menschen bedeutet für dessen Angehörige immer auch einen Bruch mit dem bisherigen Leben. In Sandra Wollners Film »Everytime« ist es der Tod des Teenagermädchens Jessie (Carla Hüttermann), der ihre Mutter Ella (Birgit Minichmayr) sowie ihrer kleinen Schwester, die 10jährige Melli (Lotte Keiling) erschüttert. Nach einer Partynacht mit ihrem Freund Lux (Tristán López) stürzt die 17jährige von einem Berliner Hochhaus. Unter Drogeneinfluss stehend fühlte sie sich wohl zu sehr von der aufgehenden Sonne angezogen.

Bereits die Art und Weise, wie dies gefilmt ist, setzt den Ton für den restlichen Film: Aus großer Distanz sieht man das besagte Hochhaus, bevor die Kamera immer näher heranzoomt, bis die beiden Jugendlichen auf dem Dach sichtbar werden. Ineinander verschränkt liegen die beiden am Rand des Gebäudes. Sie führen Gespräche, wie man sie sich bei jungen Menschen vorstellt, die gerade ihre ersten Erfahrungen in Sachen Liebe, Partys, Drogen machen – ein wenig naiv und oberflächlich, aber genau darin so beneidenswert. Während die beiden aus dem Off noch zu hören sind, beginnt die Kamera, sich zu drehen, schwenkt schlussendlich auf die Fassade des Hauses – das hier eingeführte Motiv einer Vielzahl von aneinandergereihten Fenstern, hinter denen sich die Leben einer ebenso großen Anzahl von Menschen abspielt, wird einem im Laufe des Films immer wieder begegnen.

»Everytime« ist weniger ein Film über Trauer als eine Meditation über sie.

Und plötzlich stürzt der Körper des jungen Mädchens fast beiläufig herab. Die Sequenz wirkt gleichermaßen traumartig wie aus dem Leben gegriffen. Dieses seltsame Nebeneinander bestimmt den ganzen Film: Während die Menschen im Haus langsam ihren Alltag beginnen, ereignet sich die Tragödie, die das Leben von Jessies Familie und Lux für immer verändern wird.

Spätestens seit ihrem vorigen, zweiten Langfilm »The Trouble with Being Born«, der unter anderem bei der Berlinale und mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde, gilt die gebürtige Österreicherin Sandra Wollner als eine der interessantesten Regisseurinnen des deutschsprachigen Kinos. Dass »Everytime« in Cannes den Preis der Sektion »Un Certain Regard« gewann, bestätigt diesen Eindruck nur. Bereits »The Trouble with Being Born«, ihr Film über die verstörende Beziehung zwischen einem Vater, der seine Tochter verloren hat, und einem kindsartigen Androiden, nahm sich dieser Themen wie Tod, Trauer und Erinnerung an. Auch formal setzt Wollner bei ihrem Vorgänger an, denn beide Filme sind in dieser Hinsicht bestimmt von einer gewissen Strenge. In »Everytime« ist die Kamera stets auf Distanz, hält sich unaufdringlich zurück – sie neigt zu langen, statischen Einstellungen und langsamen Zooms. Häufig erscheinen die Figuren dabei ganz klein – ein wenig verloren im Berliner Großstadtdschungel oder der weitläufigen Natur. Die häufigen Momenten von Stille und Ruhe werden nur gelegentlich von ­zaghaften Electronica-Klängen ­unterbrochen.

Die distanzierte Kamera hat dabei durchaus System. In einem Interview, dass kürzlich auf dem Portal Austrian Films erschien, verriet Wollner, dass sie sich bei jedem Film vor allem fragt, wer da überhaupt zuschaut: »Wir beobachten Figuren auf der Leinwand, und zu einem Teil ist das vielleicht deshalb so lustvoll, weil es in gewisser Weise die Möglichkeit impliziert, dass auch wir von jemandem gesehen werden – dass das, was uns widerfährt, von einer Art neutralen Instanz beobachtet wird.« Diese Instanz macht sich bereits ganz am Anfang des Films bemerkbar. Durchs Blätterdickicht gefilmt, sieht man Ella und ihre zwei Töchter auf dem Weg nach Hause. Entscheidend ist dabei nicht, wer oder was hier beobachtet, sondern mit welcher Distanz und Gleichgültigkeit dies geschieht. In diesem Zusammenhang bedeutet der Titel des Films eben auch, dass immer irgendwo etwas passiert. Persönliche Dramen und Tragödien sind dem Universum schlicht egal.

»Everytime« ist weniger ein Film über Trauer als eine Meditation über sie. Dabei ist die Zeit direkt nach Jessies Tod, als die Trauer der Familie noch frisch ist, noch nicht einmal zu sehen. Der Film setzt erst wieder ein, nachdem bereits einige Wochen oder Monate vergangen sind. Alle scheinen sich mittlerweile mit der Tragödie arrangiert zu haben. Doch der Schein trügt. Ella entscheidet sich schließlich, den Todestag ihrer Tochter nachzuerleben. Zusammen mit Lux geht sie an den Ort des Raves, lässt sich von ihm die Drogen geben, die er auch ihrer Tochter gab.

Dauerpräsenz von Medien

Eine Auffälligkeit des Films ist die Dauerpräsenz von Medien. Fast ständig sind die Figuren am Handy zugange, sehen fern oder spielen Videospiele. Das sorgt nicht nur für ein unglaubliches Gefühl von Alltäglichkeit, sondern fügt dem »Everytime« noch eine ganz neue Bedeutungsebene hinzu. Denn immer wieder ersetzen andere Medienbilder den Blick der Kamera – Aufnahmen aus dem Videospiel »Minecraft«, ein Heimvideo, das Jessie als Kleinkind zeigt, Fotos von Jessies Handy, Aufnahmen einer Drohne –, was das Thema des Nebeneinanders genauso aufgreift wie das der Erinnerung.

Der Film zeigt hier, dass Erinnerungen genauso undeutlich und flüchtig erscheinen können wie die Schnappschüsse und Selfies auf Jessies Handy oder das verrauschte Heimvideo aus ihrer Kindheit. Gleichzeitig wirft jedes Foto und Video immer die Frage auf, wie gut es denn mit der eigenen Erinnerung übereinstimmt. Und wie lieb ist einem diese überhaupt? Wäre es nicht schön, wenn man seine Erinnerungen so wie Fotos oder Videos nachbearbeiten könnte? »Everytime« ist damit auch ein Film über Wahrnehmung: darüber, wie Verstorbenen gedacht wird, wie Bilder Erinnerungen konservieren oder verändern. Die Medienbilder sind im Film aber auch Tore in eine andere Welt. Die »Minecraft«-Videosequenz nach dem Sturz von Jessie mutet fast schon wie eine Himmelfahrt an und die Whatsapp-Chats, die Melli weiterhin mit dem alten Account ihrer Schwester führt, stellen für sie gewiss vor allem eine Art Tagebuch dar.

»Everytime« ist damit auch ein Film über Wahrnehmung: darüber, wie Verstorbenen gedacht wird, wie Bilder Erinnerungen konservieren oder verändern. 

Schließlich brechen Ella, Melli und Lux zu einer Familienreise auf, beziehungsweise sie holen sie nach, denn an dem Morgen, an dem Jessie starb, wollte die Familie eigentlich in einen gemeinsamen Urlaub aufbrechen. Die steinige Hügellandschaft Teneriffas, über der die strahlende Sonne thront, erinnert an die aus dem »Minecraft«-Spiel. Während der Morgen von Jessies Tod in melancholisch-zarten Rottönen gehalten war, erscheinen die Farben jetzt besonders knallig: das Gelb der Sonne, das Blau des Meeres und das tiefdunkle Braun der Felsen. Traum, Trip und Wirklichkeit, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen im Folgenden mehr und mehr miteinander.

Gegen Ende sieht man dann noch einmal eine Häuserwand voller Fenster, aus denen Urlauber auf die Sonne starren, die einfach nicht untergehen will – bis etwas geradezu Phantastisches passiert. Zumindest für diesen einen kurzen Moment lässt der Film seine Figuren und sein Publikum glauben, dass persönliche Dramen und Tragödien eben doch nicht einfach jeden Tag passieren – und sie nicht allen schlicht egal sind.

 

Everytime (Österreich/Deutschland 2026). Buch und Regie: Sandra Wollner. Darsteller: Birgit Minichmayr, Tristán López, Carla Hüttermann, Lotte Shirin Keiling. Filmstart: 6. August