30.07.2026
Fotografien aus dem spanischen Bürgerkrieg

Antiheroische Propaganda

Der Spanische Bürgerkrieg jährt sich zum 90. Mal. Die Fotografin Kati Horna hat ihn festgehalten.

Ein Milizionär sitzt hinter einer Mauer, an der sein Kochgeschirr hängt, und liest Zeitung. Ein anderer hat seine Schuhe ausgezogen und schreibt einen Brief. Stillende Mütter, spielende Kinder. Die Bilder der in Ungarn geborenen jüdischen Fotografin Kati Horna aus dem Spanischen Bürgerkrieg vermitteln eine geradezu gelassene Stimmung. Sie widmen sich dem Alltag statt martialischer Kampfhand­lungen.

Horna war im Januar 1937 mit ihrem damaligen Ehemann Paul Polgare auf Einladung des Anarchosyndikalisten Augustin Souchy nach Barcelona gekommen. Beide kannten Souchy, der für die Informationsstelle der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT) in der katalanischen Hauptstadt arbeitete, aus ihrer Zeit in Berlin. Dort hatten sie zum Umkreis des undogmatischen Marxisten Karl Korsch gehört.

Wie Gerda Taro und Robert Capa reiste Horna nach Spanien, um die Kamera in den Dienst des antifaschistischen Kampfs zu stellen. Anders als Capa und Taro ging es ihr aber weniger darum, spektakuläre Bilder von der Front zu machen, auch wenn sie diese durchaus besuchte. Sie dokumentierte das alltägliche Leben im Hinterland und publizierte in anarchistischen Zeitschriften.

Die Dokumentarfotografie spielte eine große Rolle in der Anfangszeit des Kriegs.

Die Dokumentarfotografie spielte eine große Rolle in der Anfangszeit des Kriegs. Sie sollte auch politische Positionen vermitteln.

Der Bürgerkrieg hatte mit einem Putschversuch rechtsextremer Generäle am 17. Juli 1936 begonnen und zog sich bis zum militärischen Sieg der faschistischen Falange unter General Francisco Franco bis April 1939. Die Republikaner:innen versuchten, mit den verbliebenen Teilen der Armee und neu bewaffneten Milizen die vorrückenden Truppen der Rechts­extremen zurückzuschlagen. Zugleich reagierten Teile der Arbeite­r:in­nen­bewegung unter großem Einfluss der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT, der mit 1,5 bis zwei Millionen Mitgliedern damals mutmaßlich größten Gewerkschaft der Welt, mit dem Versuch, einen sozialrevolutionären Wandel durchzusetzen: Vor allem in Katalonien und Aragonien übernahmen Arbeite­r:in­nen Fabriken, Verkehrsbetriebe und die Landwirtschaft wurden kollektiviert, in den Milizen wurde demokratisch abgestimmt. Die lokalen Ereignisse fanden enormen internationalen Widerhall. Der Krieg in Spanien wurde, nicht zuletzt durch die Intervention des faschistischen Italien und des nationalsozialistischen Deutschland auf Seiten der Faschisten, als Entscheidungsschlacht um die Zukunft Europas wahrgenommen.

Regierung mit Beteiligung der Anarchist:innen

Als Horna nach Spanien kam, saßen die Anarchist:innen schon in der Regierung. Jahrzehntelange hatten sie gegen den Staat agitiert – und dann kooperierten sie: Mit vier Ministerposten beteiligten sich die anarchistischen Organisationen CNT und FAI (Federación Anarquista Ibérica) im November 1936 an der Regierung des radikalen Sozialisten Francisco Largo Caballero. Schon damals verstanden Beteiligte das als Versuch, die Errungenschaften der Revolution abzusichern. Die Anarchistin Federica Montseny, die als erste Frau im Spanien des 20. Jahrhunderts ein Ministeramt innehatte, wertete die Beteiligung an der Regierung auch als antifaschistisches Gebot der Stunde. Zugleich blieb der Regierungseintritt an der anarchistischen Basis stark umstritten.

Auch wenn der »kurze Sommer der Anarchie« (Hans-Magnus Enzensberger) schon vorbei war, als Horna nach Spanien kam, konnte sie noch das Nachwirken einfangen. Im März 1937 fuhr sie mit Souchy nach Aragonien, im Dezember reiste sie nach Teruel an die Front. Dort entstand eine Reihe von Fotos, die das Innere verschiedener Kirchen zeigen. Nicht Gewalt und chaotische Plünderungen, wie sie den Anarchist:innen bis heute nachgesagt werden, sind zu sehen, sondern die Nutzung der Gebäude. In den anarchistisch kontrollierten Gebieten in Teruel waren die verhassten Kirchen ausgeräumt und umfunktioniert worden: in ein Warenlager, eine Schreinerei, eine Bar.

Die Bilder, die eine betont antiheroische Haltung zeigen, galten als verschollen oder im Krieg zerstört. Erst 2016 entdeckte die spanische Kunsthistorikerin Almudena Rubio sie im historischen Archiv des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte (IISG) in Amsterdam wieder. Die insgesamt 511 Fotos gehörten zum Archiv der CNT, das nach dem Krieg über England in die Niederlande geschafft worden war. In einer Ausstellung wurden sie 2022 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt. Ob Milizionäre, Kinder oder Frauen bei der Arbeit, sie alle galten Horna als bildwürdig. Zudem begegnete sie den Abgebildeten immer auf Augenhöhe, fotografierte nie von oben herab. Ihr Blick ist parteiisch, aber er äußert sich auch in der Verweigerung verherrlichender Propaganda.

Die Bilder, die eine betont antiheroische Haltung zeigen, galten als verschollen oder im Krieg zerstört. Erst 2016 entdeckte die spanische Kunsthistorikerin Almudena Rubio sie in Amsterdam wieder.

Mit ihrer Ästhetik überbrücken Hornas Fotos auch die Kluft zwischen Kunst und Propaganda. Ihre Fotografie ist stark von den künstlerischen Avantgardebewegungen wie dem Surrealismus beeinflusst, betont die Kunsthistorikerin Lizi Anderson-Cleary von der Universität Oregon. Anderson-Cleary, die zu Horna geforscht hat, stellt im Interview mit der Jungle World auch die geschlechtsspezifische Dimension von Hornas fotografischer Praxis heraus. Viele ihrer Bilder zeigten ältere Frauen, was »mit dem traditionellen Frauenbild« breche, das entweder junge Frauen als »Symbol für Fruchtbarkeit und Fortpflanzung« zeigt oder die »kämpferische Mutter, die Soldaten für die Republik hervorbringt«.

Im Mai 1937 war der Konflikt zwischen Kommunist:innen und An­ar­chist:innen in Barcelona eskaliert. Durch die Unterstützung der Sowjetunion hatte die vormals kleine Kommunistische Partei Spaniens immer mehr Einfluss gewonnen. Sie drängte die Errungenschaften der Revolu­tion zurück, setzte die Eingliederung der Milizen in das stehende Heer durch und ging schließlich mit Waffen gegen die Anarchist:innen und die Mitglieder der als trotzkistisch diffamierten Partei der marxistischen Einigung (POUM) vor. Stalin hatte ­einen »Krieg ohne Revolution diktiert«, schreibt Almudena Rubio in dem spanischen Fotoband »Las ­Cajas de Ámsterdam. Margaret Michaelis y Kati Horna en la Guerra ­Civil«.

Horna bezog auch in diesem Konflikt Stellung. Am 11. Mai fotografierte sie die Beerdigung zweier italienischer Anarchisten, die von Kommunisten erschossen worden waren. Auch wenn sie sich selbst nie als Anarchistin bezeichnet hat, besteht an ihrem Engagement für die anarchistische Bewegung ebenso wenig Zweifel wie an der Außergewöhnlichkeit ihrer Bilder. Horna flüchtete 1939 mit ihrem zweiten Mann, José Horna, über Paris nach Mexiko, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 lebte.