30.07.2026
Cybertrading-Betrug in Georgien

In der Betrugsschleife

In Georgien boomt das Geschäft mit betrügerischen Callcentern. Ein Gerichtsverfahren legte nun Verbindungen eines Betrugsunternehmens in den Überwachungsapparat offen.

Tiflis. Wer durch die Straßen von Tiflis läuft, reibt sich bisweilen die Augen. Vor bröckelnden Fassaden stehen vermehrt Luxuskarossen und in die im Allgemeinen von Unterbeschäftigung geplagte Bevölkerung mischen sich offensichtlich wohlhabende junge Menschen. Beide Erscheinungen zeugen von der Existenz einer hochgradig organisierten kriminellen Industrie: betrügerischen Callcentern.

In einem Land, in dem der durchschnittliche Monatslohn oft kaum zum Überleben reicht, sind Callcenter zu einem der attraktivsten Arbeitgeber für junge Schul- und Universitätsabgänger geworden, die Fremdsprachen beherrschen und nicht von Skrupeln geplagt sind.

Das Betrugssystem hinter den Callcentern ist niederträchtig. Die Opfer – vorzugsweise Rentnerinnen und Rentner in Deutschland, Skandinavien oder Großbritannien – werden über professionell gestaltete, aber gefälschte Investitionsplattformen angelockt. Man verspricht ihnen, schnell und unkompliziert Geld mit der Investition in Kryptowährungen, Gold oder Aktien zu machen. Doch sobald die ersten tausend Euro überwiesen sind, beginnt eine perfide Spirale.

Die Opfer – vorzugsweise Rentnerinnen und Rentner in Deutschland, Skandinavien oder Großbritannien – werden über professionell gestaltete, aber gefälschte Investitionsplattformen angelockt.

Den Opfern wird suggeriert, ihr Geld sei durch Kursschwankungen auf dem Markt verloren gegangen. Im selben Atemzug bietet der Kundenservice ihnen Hilfe an: Gegen eine erneute Gebühr würden sich hauseigene Anwälte einschalten, um das Geld zurückzuholen. In Wahrheit greift hier dieselbe Instanz zum Hörer, die das Opfer kurz zuvor betrogen hat. In einem dritten Schritt geben sich die Täter gar als Menschenrechtler oder Polizisten aus. Nino Bakradze, Chefredakteurin des georgischen Investigativ-Mediums iFact, sagt im Gespräch mit der Jungle World, die Betrüger »täuschten vor, die Ermittlungen übernommen oder das Geld sichergestellt zu haben, forderten dafür aber erneut ›Gebühren‹ von mehreren Tausend Euro.« Am meisten erschüttert habe sie die Skrupellosigkeit der Täter, so die Journalistin. Während ihrer Recherchen bekam sie Einblick in interne Chats und Telefonmitschnitte der Callcenter-Mitarbeiter: »Wenn sie jemanden erfolgreich ausrauben, wird das pompös gefeiert.« Betrug sei »für sie eine ganz normale, alltägliche Routine.«

Dass Bürger aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ganz oben auf der Zielliste der Betrüger stehen, liegt an der Kaufkraft der potentiellen Opfer. »Zudem waren die Menschen in diesen Ländern anfangs digitalem Betrug gegenüber relativ arglos«, sagt Bakradze.

Kriminalität und Korruption 

Wie viel Geld kriminelle Banden in Georgien mit Hilfe ihrer hochprofessionell gestalteten Websites bisher erbeuten konnten, lässt sich nur erahnen. Die als Telemarketingunternehmen eingetragene A.K. Group, die mehrere Callcenter in Tiflis betreibt, machte innerhalb von nur zweieinhalb Jahren einen Umsatz von 35 Millionen US-Dollar; das geht aus Unterlagen hervor, die ein anonymer Whistleblower vergangenes Jahr an den schwedischen Fernsehsender SVT weitergegeben hat.

In einem Land, in dem der Staat selbst kleinste Gewerbe akribisch kontrolliert, wirft die Tatsache, dass eine gigantische Industrie wie diese, in der zeitweise Zehntausende beschäftigt gewesen sein sollen, jahrelang ungehindert operieren konnte, Fragen auf.

So wurde am vergangenen Donnerstag Andria Liluaschwili, ein Cousin des ehemaligen Leiters des georgischen Staatssicherheitsdienstes, Grigol Liluaschwili, von einem georgischen Gericht zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er wurde der Bestechung, Beihilfe zur Bestechungsannahme und Geldwäsche in großem Umfang für schuldig befunden. Das Gericht kam außerdem zu dem Schluss, dass Grigol Liluaschwili in seiner Funktion als Leiter des Sicherheitsdiensts Andrias Callcenter-Geschäften gegen monatliche Zahlungen Schutz vor Ermittlungen gewährt hat. Obwohl es in den vergangenen Jahren immer wieder Razzien gab, die mit Europol, georgischen Ermittlungsbehörden und der deutschen Justiz koordiniert worden waren, geht die Wirkung dieser Aktionen gegen null.

»Diese Unternehmen werden in Sekundenschnelle gegründet und in Sekundenschnelle wieder geschlossen.« Nino Bakradze, Investigativjournalistin

»Diese Unternehmen werden in Sekundenschnelle gegründet«, sagt Bakradze, und »in Sekundenschnelle wieder geschlossen und verändern ständig ihre Form. Sie sind extrem flexibel.« Sobald der Boden in Tiflis zu heiß wird, ziehen die Betreiber weiter. Erste Callcenter wurden bereits nach Armenien, Kasachstan oder in andere zentralasiatische Staaten verlagert. Zudem fällt die georgische Justiz ohnehin nicht unbedingt durch Ermittlungseifer auf. Hintermänner landen fast nie auf der Anklagebank, ein Fall wie der der Liluaschwilis ist die große Ausnahme.

Am Ende ist die Zerschlagung der Callcenter-Mafia kein technisches Problem, ist Bakradze überzeugt. Weder brauche es neue Gesetze noch bessere Software. »Es ist einzig und allein eine Frage des politischen Willens«, so die Journalistin. »Wenn hier ein politisches Umfeld geschaffen wird, in dem unmissverständlich erklärt wird, dass diese Aktivitäten inakzeptabel sind und beendet werden müssen, lässt sich dieses System in kürzester Zeit zerschlagen.«

Doch solange dieser Wille von georgischer Seite fehlt und die EU davor zurückschreckt, Druck auszuüben, bleiben etliche wohlhabende Westeuropäer willkommene Melkkühe eines perfiden Betrugsgeschäfts.