Deregulierung begünstigt den Online-Betrug
Seit einigen Jahren häufen sich die Berichte über Online-Betrügereien, bei denen mittels ausgefeilter Operationen und des Einsatzes von Deepfakes teilweise Millionenbeträge ergaunert werden. Doch die hitzige Debatte über die Bedrohlichkeit von KI versperrt den Blick auf den deutlich profaneren Einsatz moderner Technologien, die dazu dienen, Menschen um ihr Erspartes zu bringen und menschliche Arbeitskraft bis zum Äußersten auszubeuten.
Europol warnt zwar vor dem vermehrten Einsatz von Deepfakes und damit einer tiefgreifenden Veränderung der Methoden des Online-Betrugs, doch werden KI-generierte Inhalte in den von sklavereiartigen Verhältnissen geprägten scam factories (Betrugsfabriken) in Südostasien ebenso wie den betrügerischen Callcentern in Osteuropa meist nur so eingesetzt wie in anderen Firmen auch.
Durch die Allgegenwart von Finanz-Influencern im Netz, die gestiegene Verbreitung von Kryptowährungen und den medialen Hype um vermeintlich innovative Fintech-Produkte erscheinen Geschichten von Traumrenditen vielen als plausibel.
Die Betrüger bedienen sich derselben Technologien und Plattformen, die auch ansonsten die kommerzielle Nutzung des Internets prägen. Sie setzen KI ein, um in den sozialen Medien potentielle Opfer von Betrug und Zwangsarbeit zu identifizieren; teilweise geschieht das auch ganz banal über die Ansprache durch personalisierte, also auf Tracking basierende Online-Werbung. Wie in anderen Branchen werden KI-Systeme wie Chat GPT für Texterstellung, Recherche und Übersetzung genutzt. Selbst das gelegentliche Erstellen von Deepfakes, um Empfehlungen von als vertrauenswürdig und kompetent wahrgenommenen Prominenten vorzugaukeln, ist keine von Online-Scammern exklusiv genutzte Technik. Und wie in den großen Graubereichen der Finanzwirtschaft üblich, werden zur Verschleierung von Geldflüssen undurchsichtige Finanzdienstleistungen und Kryptowährungen genutzt sowie – meist unfreiwillig – sogenannte money mules, Personen also, über deren Bankkonten Geld weitergeleitet wird, um dessen Herkunft zu verschleiern.
Betrugsmaschen, sogenanntes pig-butchering, setzen an zwei der großen Versprechen des durch die sozialen Medien geprägten Internets an: große Rendite im Fall des Investmentbetrugs und die Hoffnung auf menschliche Nähe im Fall des Betrugs über Dating-Apps und Ähnliches. Durch die Allgegenwart von Finanz-Influencern im Netz, die gestiegene Verbreitung von Kryptowährungen und den medialen Hype um vermeintlich innovative Fintech-Produkte erscheinen Geschichten von Traumrenditen vielen als plausibel. Dabei ist es die persönliche Ansprache, die in den scam factories und Callcentern organisiert wird, die Vertrauenswürdigkeit verspricht und gerade Menschen überzeugt, die sich gegen allzu dürftige Manipulationsversuche eigentlich gefeit wähnen.
Das ganze Ausmaß des Betrugs ist schwer zu ermitteln. Klar ist jedenfalls, dass zusätzlich zu den gemeldeten oder durch Umfragen erfassten Fällen ein riesiges Dunkelfeld besteht. Denn viele Opfer wenden sich aus Scham nicht an die Behörden. Besonders beim Liebesbetrug gehen die finanziellen Einbußen zudem zumeist mit schwerwiegenden psychischen Folgen einher. Auf den Verlust der vermeintlichen Aussicht auf die große Liebe folgen oft Zweifel an der eigenen Urteilsfähigkeit und nicht selten die Entfremdung von anderen Bezugspersonen.
Ohne allgegenwärtiges Tracking, ohne den Handel mit persönlichen Daten, ohne Krypto-Investitionen und ohne eine undurchsichtige Fintech-Branche wären dem Online-Betrug die nötige Infrastruktur genommen.
Behörden und politische Entscheider sind vom Ausmaß des Problems offenkundig überfordert. Im Kampf gegen Online-Betrug werden bloß Evergreens wie die Vorratsdatenspeicherung und andere Technologien anlassloser Überwachung angeführt. Aber deren tatsächlicher Nutzen dürfte gegen null tendieren, da sie sich mit wenig Aufwand umgehen lassen. Denn wer eine regelrechte Industrie in den Wäldern Myanmars aufziehen oder Callcenter in Osteuropa betreiben und internationale Geldwäsche organisieren kann, ist auch in der Lage, virtuelle private Netzwerke (VPN) einzurichten und falsche Telefonnummern zu nutzen.
Effektiver wäre es, dem großangelegten Online-Betrug die Basis zu entziehen und die Geschäftspraktiken einzuhegen, die ihn überhaupt erst ermöglichen. Ohne allgegenwärtiges Tracking samt dem allgegenwärtigen Erstellen von Nutzerprofilen, ohne den Handel mit persönlichen Daten, ohne Krypto-Investitionen und ohne eine undurchsichtige Fintech-Branche, dafür aber mit einer ambitionierten KI-Regulierung, einer effektiven Kontrolle großer Plattformen sowie internationalen Initiativen zur Bekämpfung von Sklaverei und Zwangsarbeit wären dem Online-Betrug die nötige Infrastruktur genommen.
Doch es ist nicht zuletzt die Bundesregierung, die in Europa für eine Absenkung von Datenschutzstandards sowie die Abschwächung der KI- und Lieferkettenaufsicht eintritt und der weiteren Deregulierung aller Wirtschaftsbereiche das Wort redet. Damit trägt sie dazu bei, dass Scammer auch in Zukunft weitestgehend ungestört ihren Machenschaften nachgehen können.