30.07.2026
Menschenhandel und Betrugscallcenter

Gestrandet in Phnom Penh

Hunderttausende Menschen wurden mit falschen Jobversprechen nach Südostasien gelockt und zum Online-Betrug gezwungen. Kambodscha geht seit kurzem gegen die milliardenschwere kriminelle Industrie vor. Etliche Opfer der Zwangsarbeit wurden abgeschoben, viele stecken ohne Hilfe im Land fest. Die »Jungle World« sprach mit einem von ihnen.

Pnomh Penh. Kambodscha ist ein Brennpunkt des grenzüberschreitenden Online-Betrugs in Südostasien. Seit den späten zehner Jahren boomt die Branche dort. Nochmals verstärkt wurde die Entwicklung, nachdem das Land 2019 das Glücksspiel streng reguliert hatte und mit der Covid-19-Pandemie viele Touristen wegblieben. Kriminelle Organisationen sahen sich nach neuen Einnahmequellen um und konzentrierten sich immer mehr auf den Online-Betrug – und ­damit einhergehend den Menschen­handel.

Nach Schätzungen des Büros des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) und anderer Organisationen wurden seit 2024 mindestens 300.000 Menschen aus etwa 66 Ländern in sogenannte Scam-Zentren in ganz Südostasien verschleppt, die jährlichen Einnahmen aus organisiertem Cyberscam erreichen demnach weltweit rund 64 Milliarden US-Dollar. Dem Analysten Jacob Sims vom Asia Center der Harvard University in Phnom Penh zufolge erwirtschaftet der Online-Betrug allein in Kambodscha jährlich etwa 12,5 bis 19 Milliarden US-Dollar, das entspricht rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber die Zahlen lassen sich nur schwer überprüfen, da ein Großteil des erbeuteten Geldes über Kryptowährungen, Schattenbanken und andere Offshore-Geschäftsmodelle gewaschen wird.

Jahrelang hat die kambodschanische Regierung das Problem der Scam-Zentren kleingeredet. Sporadische Razzien waren überwiegend symbolisch, um den internationalen Beobachtern Aktivität vorzutäuschen.

Jahrelang hat die kambodschanische Regierung das Problem geleugnet oder kleingeredet. Es gab zwar sporadische Razzien, diese waren aber überwiegend symbolisch, um den internationalen Beobachtern Aktivität vorzutäuschen. Doch zunehmender Druck, vor allem aus den USA und China, hat Kambo­dscha zum Umdenken bewegt. Ministerpräsident Hun Manet hat Anfang des Jahres angekündigt, das Problem ein für alle Mal zu beseitigen. Seitdem finden Razzien im ganzen Land statt, und in der regierungsnahen Presse liest man täglich Überschriften wie »24 Personen bei Razzia gegen Betrüger in Bavet City festgenommen«, »156 chinesische Staatsangehörige wegen Online-Betrugs aus Kambodscha abgeschoben« oder »14 Personen bei jüngster Razzia gegen Betrugsringe in Phnom Penh festgenommen«.

Verstärkte Maßnahmen in jüngster Zeit

Beobachter wie Sims bestätigen zwar, dass die jüngsten Maßnahmen wesentlich konsequenter seien als alle bisherigen, bezweifeln aber trotzdem, dass die Behörden dem Online-Betrug ein Ende setzen können. »Die Razzien zielen auf die sichtbaren Symptome ab und nicht auf die zugrunde liegende Struktur«, sagt Sims in einem Podcast. »Wenn die Vermieter, Finanziers und hochrangigen Beschützer ungeschoren davonkommen, dann führen die Razzien in den Betrugszentren nicht zur Zerschlagung des Systems«, fährt er fort.

Genaue Zahlen über das Ausmaß der Razzien sind schwer zu bekommen und Regierungsangaben widersprechen sich teils, aber die offiziellen Statistiken des Nationalen Komitees zur Bekämpfung von Online-Betrug zeichnen ein Bild des weitreichenden Vorgehens. Demnach wurden von Januar vergangenen Jahres bis zum diesjährigen Mai 18.864 Menschen aus 33 Ländern wegen des Verdachts auf Beteiligung an Online-Betrug ausgewiesen. Zudem haben die kambodschanischen Strafverfolgungsbehörden in den vergangenen elf Monaten 143 Fälle von Telekommunikations- und Online-Betrug, an denen 1.458 Verdächtige aus 19 Ländern beteiligt waren, an die Gerichte weitergeleitet.

Opfer von Menschenhandel ohne Geld und Papiere

Auch wenn die Razzien gegen die Betrugszentren und die darauffolgenden Schließungen dazu geführt haben, dass nach Angaben des Innenministeriums Anfang des Jahres mehr als 200.000 Ausländer selbst das Land verließen, bleiben noch unzählige Menschen meist in Phnom Penh gestrandet zurück. In den ersten Monaten warteten vor den Botschaften Chinas und Indonesiens große Ansammlungen von Menschen, die keine Papiere mehr hatten und nicht zurück in ihr Heimatland konnten. Um der Lage Herr zu werden, haben die kambodschanischen Behörden ein Auffanglager am ehemaligen Flughafen der Hauptstadt eingerichtet. Noch schlechter gestellt sind Menschen aus Afrika, da ihre Heimatländer keine Botschaften in Phnom Penh unterhalten. Oftmals müssen sie in Ermangelung von Geld und Papieren auf den Straßen übernachten und sind dort etlichen Gefahren ausgesetzt.

Es gibt vor Ort nur wenige NGOs, die sich um die Opfer des Menschenhandels kümmern, der Andrang übersteigt bei weitem ihre Kapazitäten. In einem Bericht von Anfang Juni spricht Amnesty International von einer humanitären Krise. Die NGO wirft den kambo­dschanischen Behörden unter anderem vor, dass sie bei der Rückführung die Rechte der Opfer oft missachten. Einige seien gewaltsam abgeschoben oder wegen angeblicher Beteiligung am Menschenhandel strafrechtlich verfolgt worden; das verstoße gegen internationale Abkommen.

Erst wurden sie angelernt, dann mussten sie im Internet Kontakte zu fremden Menschen aufnehmen, Vertrauen aufbauen und ihnen betrügerische Anlageprogramme vorzugsweise in Kryptowährungen auf einer gefälschten Investitionsplattform nahelegen.

Die Jungle World hat mit Bagunma Humphiey aus Uganda über seine Situation gesprochen. Er erzählt, wie er nach Kambodscha gekommen ist und was er in den Cyberscam-Zentren erlebt hat. »Einer meiner Freunde, der schon in Kambodscha arbeitete, schickte mir eine E-Mail und bot mir eine Stelle in einer IT-Abteilung an«, sagt der 34jährige. Der Freund habe ihm versichert, dass sein neuer Arbeitgeber die Kosten für den Flug und das Visum übernehmen würde. Ihm sei auch zugesichert worden, dass er, sollte ihm die Arbeit nicht gefallen, nach sechs Monaten wieder nach Hause könne. Nach Diskussionen mit seiner Frau und seinen Eltern habe er sich entschieden, das Arbeitsangebot anzunehmen. »Tatsächlich waren alle glücklich, weil sie dachten, ich würde einen guten Job bekommen«, sagt Humphiey: »Wir dachten, alles würde viel besser werden – wir hatten keine Ahnung, dass ich mich für einen Job im Online-Betrug bewarb.«

Nach seiner Ankunft in Kambodscha wurde er in einen Betrugskomplex an der vietnamesischen Grenze gebracht, dort wurde ihm und zahlreichen anderen Ausländern der Reisepass abgenommen. Erst wurden sie angelernt, dann mussten sie im Internet Kontakte zu fremden Menschen aufnehmen, Vertrauen aufbauen und ihnen betrügerische Anlageprogramme vorzugsweise in Kryptowährungen auf einer gefälschten Investitionsplattform nahelegen. Der Vorgesetzte habe ihm Skripte gezeigt und erklärt, wie man jemanden dazu bringe, immer mehr zu investieren. Er habe das »die Ernte« genannt.

Flucht aus dem Scam-Center

Als immer häufiger Razzien stattfanden, ergab sich irgendwann die Möglichkeit zur Flucht. »Wir waren bei der Arbeit, es war gegen 5 Uhr morgens und wir wollten gerade Feierabend machen, als man uns sagte, die Polizei sei unterwegs«, erläutert Humphiey. Nachdem er seinen Reisepass gefunden hatte, verließ er das Gebäude. »Ich blieb tatsächlich noch einen Tag dort draußen, weil ich nirgendwo hingehen konnte und kein Geld hatte – ich blieb einfach dort.« Da er nicht wusste, was er tun sollte, rief er bei seiner Familie an und erklärte ihnen seine Lage. »Ich habe ihnen gesagt, dass ich festsitze, und sie haben mir 100 Dollar geschickt.«

Mit diesem Geld habe er sich von der vietnamesischen Grenze bis nach ­Phnom Penh durchgeschlagen. Da sein Visum abgelaufen war, habe er keinen Job finden und Geld verdienen können. »Ich habe mich an eine NGO gewendet, die sich für Kinder einsetzt, und dort nach Arbeit gefragt. Aber sie sagten mir, sie könnten mich nicht beschäftigen, weil mein Visum abgelaufen ist. Wenn die Behörden davon erführen, würde das auch für sie ein Problem darstellen.«

Seit er in Phnom Penh sei, lebt Humphiey auf der Straße, da er ohne Visum auch kein Zimmer anmieten kann, abgesehen davon, dass er auch kein Geld für die Miete hat. Mal schlafe er in einem Garten oder unter dem Vordach eines Hauses. »Ich muss darauf achten, dass ich schon wach bin, bevor der Hausbesitzer die Tür aufmacht.« Er sagt, dass er die ganze Zeit auf der Hut vor der Polizei sein müsse. »Am Ende lande ich in der Abschiebungshaft.«

Damit er etwas zu essen bekommt, sei er auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen. »Wenn ich etwas brauche, gibt es Leute, an die ich mich wenden kann. Aber trotzdem ist es eine sehr schwere Zeit.« Jemand habe ihm vor kurzem etwas zu essen gegeben, aber er wisse nicht, wie es weitergehe. »Manchmal muss ich zwei oder drei Tage ohne Essen auskommen.« Die Situation belaste ihn so sehr, dass er immer wieder an Suizid denke. Humphieys Habseligkeiten sind überschaubar, außer einem Telefon und den Kleidern, die er trägt, besitze er nichts, sagt er.

Eine der wenigen Unterkünfte, die sich um Opfer des Menschenhandels kümmern, wird von der Caritas Cambodia betrieben, aber ihre Kapazitäten sind beschränkt. Als Humphiey dort Hilfe suchte, sei er abgewiesen worden. »Man hat mir gesagt, dass kein Platz mehr frei sei.« Er sei ihrer Telegram-Gruppe »Seeker Caritas« beigetreten, die habe aber viele Mitglieder und weitere Informationen habe er noch nicht erhalten. »Sie haben uns einfach gesagt, wir sollen warten, warten, warten – bis wann?«

In Kambodscha hat Uganda keine diplomatische Vertretung, die nächste Botschaft ist im malaysischen Kuala Lumpur. Mit ihr hat Humphiey Kontakt aufgenommen. Die Botschaft hat eine Chat-Gruppe eingerichtet, um mit den Ugandern in Phnom Penh Kontakt aufrechtzuerhalten. Eine Lösung konnte sie jedoch bislang nicht finden. »Im Moment ist mein einziger Plan: Ich bete einfach darum, dass ich einen Weg finde, ein Ticket zu bekommen, um nach Hause zu fliegen«, so Bagunma. Doch »auch wenn ich ums Überleben kämpfe, habe ich wenigstens meinen Reisepass dabei.« Er brauche nur ein Ticket, während manche seiner Freunde aus Uganda nicht die richtigen Papiere hätten, um das Land zu verlassen. ­Ihnen gehe es noch schlechter als ihm.