Homestory #31/2026
Fiebern Sie den Auslandsreisen und -ausgaben Ihrer Lieblingszeitung eigentlich genauso entgegen wie wir? Jedes Jahr wird bereits zu Beginn des Frühling heftigst überlegt, wohin es im Herbst gehen könnte, und wenn wir uns dann entschieden haben, beginnt die Zeit der Geheimhaltung, denn in welches Land die Reise Ihrer Lieblingszeitung hingeht, das soll ein wohlbehütetes Geheimnis bleiben, bis wir es lüften. Ob die Homestory sich für eine solch feierliche Enthüllung so gut anbietet, sei dahingestellt – wie dem auch sei, hier kommt sie: Die »Jungle World« fährt im September nach Armenien!
Was uns bei den ersten Diskussionen direkt einfiel, war Radio Eriwan – ein nie existierender Radiosender, der in der Sowjetunion allerdings trotzdem in aller Munde war: Man läge nicht falsch, die Witze um den Radiosender als ein Meme lange vor dem Internet zu bezeichnen. Sie gingen folgendermaßen: Wenn sich jemand über die Führung lustig machen wollte, formulierte er eine Art Zuhörerfrage an Radio Eriwan, etwa: »Darf ein kleiner Parteifunktionär einen großen Parteifunktionär kritisieren?« Der Radiosender »antwortete« dann, in Gestalt der fragenden Person, auf alle Fragen mit dem einleitenden »Im Prinzip ja, aber … «, in diesem Fall so etwas wie: »Im Prinzip ja, aber es wäre wirklich schade um den kleinen Parteifunktionär.« So geht politische Satire!
Über die Kardashians, deren Vorfahren aus Armenien in die USA gegangen waren, werden sie in unserer Ausgabe eher wenig lesen
Obwohl dieses »Radio« rein gar nichts mit Musik zu tun hatte, kam wir doch sogleich auf Pop zu sprechen, denn ein Kollege insistierte, es könnte doch ein Thema sein, dass Cher armenischer Herkunft ist. Im Prinzip ja, doch Cher wurde in Kalifornien geboren; dass die »Göttin des Pop« nach dem Fall der Sowjetunion einmal nach Armenien reiste und dort, kokett, wie sie ist, auf einer demontierten, kopflosen Stalin-Statue für ein Foto posierte, ist zwar eine schöne Geschichte, aber doch etwas dünn für einen Artikel. Eine armenische Migrationsgeschichte haben die Mitglieder der Crossover-Metal-Band System of a Down (einer unserer Autoren, der erst kürzlich das Land besuchte und den wir uns für ein Brainstorming einluden, verriet uns, die Band werde in Armenien verehrt wie Volkshelden), doch die sind musikalisch wiederum nicht besonders interessant.
Auch über die Kardashians, deren Vorfahren aus Armenien in die USA gegangen waren, werden sie in unserer Ausgabe eher wenig lesen. Doch dafür geht es natürlich um den vom Osmanischen Reich begangenen Völkermord an den Armeniern, Aserbaidschans Drohungen gegen Armenien, die prorussische Opposition, die Situation queerer Menschen oder die Filmkultur des Landes. Fiebern Sie der Ausgabe jetzt genauso entgegen wie wir? Hoffentlich! Dauern wird es allerdings noch, bis sie erscheint – bis zum 1. Oktober.