30.07.2026
Israelfeindliche Gewalt

Vom Eierwurf zum Knochenbruch

In Würzburg wurde ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wegen seines Bekenntnisses zum jüdischen Staat zusammengeschlagen und musste auf der Intensivstation behandelt werden. Es war nicht der erste Angriff auf seine Person, aber der bisher brutalste.

Es geschah in Höchberg, einer kleinen Gemeinde bei Würzburg. Ein älterer Mann, Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Würzburg, wartete in der Nacht zum Montag vergangener Woche auf den Bus, als ihn ein junger Syrer auf seinen Anstecker am Revers ansprach – eine Israelflagge, ungefähr so groß wie ein Cent-Stück. Israel habe Hunderttausende Muslime in Syrien getötet und verbreite »schwule Flaggen«, soll der junge Mann den Erinnerungen des DIG-Mitglieds zufolge behauptet haben. Dann schlug der Angreifer ihn unvermittelt mit der Faust, das DIG-Mitglied ging zu Boden. Der Täter trat den am Boden Liegenden gegen Körper und Kopf, bis von Passanten gerufene Polizisten den Syrer festnahmen. Sein Opfer landete mit einem gebrochenen Rückenwirbel und mehreren großen Hämatomen auf der Intensivstation.

Wenige Tage später, am Freitag vergangener Woche, zeigten etwa 250 Menschen ihre Solidarität mit dem Verletzten. Die Würzburger DIG rief zu einer Kundgebung gegen antisemitische Gewalt am Unteren Markt in Würzburg auf. »Heute gibt es in Deutschland anscheinend keinen Ort mehr, an dem diese israelfeindliche und antisemitische Gewalt ausgeschlossen ist«, sagte Josef Schuster, der Präsident des Zen­tralrats der Juden, in seiner Rede. Schuster ist selbst Würzburger. Die Studentenstadt mit ihren 130.000 Einwohnern habe er bisher für einen Ort gehalten, an dem jüdisches Leben und Israelsolidarität ungefährdet möglich seien. »Es braucht offenbar nicht mehr als ein Bekenntnis zum jüdischen Staat, um einen solchen Gewaltexzess zu provozieren.«

In Franken hat sich die Zahl gemeldeter antisemitischer Übergriffe nach dem 7. Oktober 2023 der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern zufolge fast verdoppelt.

Tatsächlich könne man Würzburg bezüglich antisemitischer Vorfälle als »Hotspot für den Raum Unterfranken« bezeichnen, teilte Felix Balandat von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (Rias) der Jungle World auf Anfrage mit. »Das hängt stark damit zusammen, dass in Würzburg relativ gesehen sehr viele Menschen wohnen und dort auch Organisationen wie die DIG aktiv sind, die regelmäßig Antisemitismus thematisieren.« In Franken insgesamt habe sich die Zahl der Rias gemeldeten antisemitischen Übergriffe nach dem 7. Oktober 2023 fast verdoppelt. »In Würzburg sind uns vom 7. Oktober 2023 bis Ende 2025 zwei Angriffe, neun gezielte Sachbeschädigungen, fünf Bedrohungen, drei Massenzuschriften und 139 Fälle verletzenden Verhaltens, darunter 91 Versammlungen, bekannt geworden«, so Balandat; unter »verletzendes Verhalten« fallen antisemitische Beleidigungen, Schmierereien und Online-Kommentare; »Massenzuschriften« bezeichnet in der Regel E-Mails mit antisemitischen Inhalt, die an verschiedene Empfänger wie zum Beispiel Jüdische Gemeinden geschickt werden.

»Die Eskalation der antisemitischen Mobilisierung und Gewalt wird auch in Bayern deutlich«, ergänzte die Leiterin der Monitoringstelle, Annette Seidel-Arpacı. »Antisemitischen Aufrufen und Straftaten muss konsequent entgegengetreten werden. Die Bedenken und Ängste von potentiell betroffenen Personen dürfen nicht heruntergespielt werden.«

Schon vorher gab es Bedrohungen gegen den Angegriffenen

Für den in Höchberg schwer Verletzten war es nicht die erste antisemitische Attacke. Wegen einer Israelflagge hätten Unbekannte bereits Eier auf seine Wohnung geworfen, berichtete Jonas Weibel, Vorstandsmitglied der Würzburger DIG, der Jungle World. Und auch in der Würzburger Innenstadt sei das betroffene DIG-Mitglied bereits angepöbelt und sogar körperlich angegriffen worden. In einem Grußwort, das bei der Mahnwache am Freitag verlesen wurde, schrieb der Überfallene: »Diesmal war es mehr als die bloße Drohung, mich ›einmal zu erwischen‹. Ich konnte mich diesmal nicht in einen Bus flüchten und auch nicht rechtzeitig die Polizei rufen, wie es mir noch im letzten Jahr gelungen war. Auslöser aller dieser Angriffe auf mich war stets das Symbol, das sowohl für den Staat Israel als auch für das jüdische Volk weltweit einsteht.«

Weibel, der die Kundgebung gegen antisemitische Gewalt mitorganisiert hatte, zeigte sich im Gespräch mit der Jungle World enttäuscht darüber, dass es so wenige solidarische Reaktionen in der Stadt gegeben habe. Der Oberbürgermeister und das Bistum hätten die Tat in Stellungnahmen verurteilt, aber viele Parteien und Organisationen seien still geblieben. »Dass man nach so einer Gewalttat fast komplett nur Rauschen im Walde hört, ist echt krass.«

Gleichzeitig mit der Kundgebung fand eine »Gewerkschaftskonferenz für Frieden« in der Kolping-Akademie Würzburg statt, veranstaltet von der der Linkspartei nahestehenden Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall Würzburg. Als Redner wurde unter anderem der ehemalige Vorsitzende der britischen Labour-Partei, Jeremy Corbyn, angekündigt. Wegen antisemitischer Äußerungen war Corbyn 2024 aus der Partei geworfen worden. Bereits 2014 hatte er etwa in Tunesien einen Kranz an Gräbern von Mitgründern der palästinensischen Terrorgruppe »Schwarzer September« niedergelegt. Die Terrorgruppe ist für die Ermordung israelischer Sportler bei den Olympischen Spiele 1972 in München verantwortlich. Ein weiterer für die Konferenz angekündigter Redner war der französische Politiker Jérôme Legavre von La France insoumise (LFI), der ein selbst für die Verhältnisse dieser Partei ungewöhnlich rühriger Dämonisierer Israel zählt. Weibel berichtet, LFI hätte sich nach dem 7. Oktober geschlossen geweigert, an einer Solidaritätsdemonstration für die ermordeten Zivilisten in Israel teilzunehmen. Bei der »Gewerkschaftskonferenz« sei außerdem Alex Gordon eingeladen gewesen, »von der Communist Party of Britain, einer autoritären und antizionistischen Kaderpartei«. Erfreulich war für Weibel hingegen, dass Gruppen von außerhalb extra zur Solidaritätskundgebung für das angegriffene DIG-Mitglied angereist seien.

In den sozialen Medien kam es derweil zur Täter-Opfer-Umkehr, statt Mitgefühl gab es Hass und Häme. »Auf Facebook haben wir judenfeindliche Kommentare erhalten«, berichtete Weibel. »Wir mussten unter unserem Kundgebungsaufruf 2.300 Postings verbergen. Mir ist richtig schlecht geworden, als ich das gesehen habe.«
Nach der Kundgebung hat Jonas Weibel seinen verletzten Freund besucht. »Er wird wieder gesund, aber das wird eine Weile dauern und viele Behandlungen und Therapien erfordern.« Die DIG werde trotz des Vorfalls ihre Arbeit gegen Israelhass und Antisemitismus fortsetzen. Das sei auch der dringende Wunsch des Betroffenen. Der durfte mittlerweile das Krankenhaus wieder verlassen.