30.07.2026
Kritik zu Kohei Saitos "Am Ende des Fortschritts"

Kohei Saito plant die softe Öko-Diktatur

Der japanische Philosoph Kohei Saito möchte mit starkem Staat, Planwirtschaft und KI das Überleben inmitten katastrophaler Folgen des Klimawandels sichern.

In seinem neuen Buch »Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus« behauptet Kohei Saito, wir lebten in einer Art Techno-Kapitalismus: Monopolkonzerne erpressten eine digitale Rente von Konsumenten und anderen Unternehmen; die »Realwirtschaft« würden sie damit erdrosseln. Diese Konzerne beförderten nur »Bullshit-Konsum« und stellten keine Gebrauchswerte her. 

Das ist Unfug: Eine Ware findet nur Absatz, wenn jemand einen Nutzen, einen Gebrauchswert, sieht. Mit solchen ideologischen Sedimenten aus der globalisierungskritischen Bewegung ist Saito nahe dran an der fixen Idee vom schaffenden und raffenden Kapital. Die Auspressung von Mehrwert aus Lohnabhängigen spielt bei ihm keine Rolle. Das ist schlimm, denn der japanische Philosoph ist Mitherausgeber der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA). Falsch ist auch sein personalisierendes Hantieren mit dem Begriff Faschismus, wahlweise Klima-, Techno- und Endzeitfaschismus genannt, den sinistre Figuren wie Elon Musk aufrichten ­wollen.

Dennoch kann die Lektüre von Saitos Buch anregend sein, weil er die katastrophalen Folgen des Klimawandels in ihrem Ausmaß ernst nimmt und daraus politische Konsequenzen für linke Politik zieht. Das ist keineswegs selbstverständlich, weil Realitätsverweigerung kein Privileg von Schwurblern ist; auch Grüne und Linke mögen ihre Illusionen über einen ökologischen Kapitalismus, einen Green New Deal oder »Luxus für alle« nicht aufgeben.

Saito geht davon aus, dass die Menschheit vor 2050 keine entscheidenden Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen wird. Danach würden jene, die unter den Folgen leiden, in der Mehrheit und der Leidensdruck so hoch sein, dass grundlegende Veränderungen möglich wären.

Saito geht davon aus, dass die Menschheit vor 2050 keine entscheidenden Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen wird. Danach würden jene, die unter den Folgen leiden, in der Mehrheit und der Leidensdruck so hoch sein, dass grundlegende Veränderungen möglich wären. Allerdings bliebe nur noch ein Zeitfenster von maximal 30 Jahren: Um 2080 werde der Kollaps eines gerade noch erträglichen Klimas »das Tempo in Richtung Entzivilisierung beschleunigen«. Der Philosoph positioniert sich damit als Katastrophenpolitiker, ähnlich wie Karl Marx oder der Rätekommunist Paul Mattick: Geht es einer Mehrheit relativ gut, besteht kein Anlass zur Revolte.

Vom »Degrowth-Kommunismus« zur »Diktatur der Ökologie«

In seinem vorherigen und vielbeachteten Buch »Systemsturz« (2023) hatte Saito einem »Degrowth-Kommunismus« das Wort geredet: eine Ansammlung von Kollektiven, die die Gemeingüter (commons) Wasser, Energie, Wohnraum und so weiter demokratisch bewirtschaften und verwalten, solle den Kapitalismus überwinden und die Wirtschaft schrumpfen. Wer diese Revolution herbeiführen sollte, blieb unklar, real existierende Lohnabhängige und ihre Gewerkschaften kamen bei ihm nicht vor, das ist auch im neuen Buch so. Das Wort Planwirtschaft tauchte ebenfalls nicht auf, was schon damals befürchten ließ, dass der Markt es regeln sollte.

Nun hat der Marxologe eine »Schwerpunktverlagerung« vorgenommen, wie er es nennt. In seinem neuen Buch bezieht er sich auf die Unterscheidung zwischen Sozialismus als Übergangsgesellschaft und Kommunismus als Endzustand. Dem Degrowth-Kommunismus geht ein »dunkler Sozialismus« voraus, in dem ein starker Staat die Folgen des Klimawandels bewältigt. Saito knüpft an Ulrike Herrmanns Entwurf einer »Kriegswirtschaft« an (2022), der er allerdings vorhält, als Liberale inkonsequent zu argumentieren, während er selbst eine konsequent sozialistische Kriegswirtschaft vorschlage. Ausdrücklich fordert Saito ein »Update« der Diktatur des Proletariats, in Gestalt einer »Diktatur der Ökologie«.

Marx und Engels skizzierten die Diktatur des Proletariats im Kommunistischen Manifest als Herrschaft der großen Mehrheit, die mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts und des Parlaments die kleine Minderheit der Kapitalisten enteignet. Ähnlich würde Saitos Diktatur der Ökologie von der Mehrheit der Leidtragenden unterstützt und solle 20 bis 30 Jahre dauern. Ihre Aufgabe wäre, den »Verteidigungskampf für den Schutz unseres Lebens inmitten der Verheerungen und Verwüstungen, die der Kapitalismus mit sich bringt«, zu führen, denn nur der Staat sei in der Lage, die notwendigen Ressourcen zu mobilisieren.

Auch wenn Saito Reizworte benutzt, die etwas anderes nahelegen, will er weder Markt und Warenproduktion noch Lohnarbeit und Geld abschaffen. Für solche Experimente bliebe keine Zeit angesichts des drohenden Klimakollapses, schreibt er.

Der DDR-Dissident Wolfgang Harich hatte Anfang der siebziger Jahre angesichts der immer schwerer werdenden Umweltschäden eine weltweite Planwirtschaft unter Leitung der Kommunistischen Partei vorgeschlagen. Verglichen mit Harichs strengem Regime ist Saitos Kriegs- und Planwirtschaft noch soft. Auch wenn er Reizworte benutzt, die etwas anderes nahelegen, will Saito weder Markt und Warenproduktion noch Lohnarbeit und Geld abschaffen. Für solche Experimente bliebe keine Zeit angesichts des drohenden Klimakollapses, schreibt er. Saito lobt sogar, dass der Wettbewerb auf dem Markt für Einsparung, Kostensenkung und Innovation sorge. Die Debatten, die in der internationalen Linken seit Jahren über eine demokratische Planwirtschaft im Rahmen ökologischer Grenzen geführt werden, scheint er dagegen gar nicht mitbekommen zu haben.

Demokratische Planwirtschaft

In seinem Modell sammelt der Staat Daten über Angebot und Nachfrage und entwickelt mehrere Planentwürfe, insbesondere zu ökologischen Aspekten. Die Bevölkerung stimmt darüber ab, dann legt die Regierung die industriepolitische Strategie für fünf Jahre fest, erlässt Regelungen über Preise und Mengen von Ressourcen und gewährt Subventionen. In diesem Rahmen können Kommunen, Unternehmen und Konsumenten »ihre wirtschaftlichen Aktivitäten eigenständig und nach eigenem Ermessen gestalten«. Dank »Supercomputer« und KI wäre eine flexible und demokratische Planwirtschaft möglich. Anscheinend haben die IT-Konzerne doch Gebrauchswerte geschaffen, die Saito für seinen »digitalen Konkurrenzsozialismus« nutzen möchte.

Er sollte bei Marx nachlesen, dass nicht Geldgier, wie er an einer Stelle behauptet, sondern die Konkurrenz jedes Unternehmen zwingt, besser, schneller, günstiger oder mehr zu produzieren als die anderen, bei Strafe des Untergangs. Damit sind Wachstum und Umweltzerstörung systemimmanent. Die strukturellen Zwänge gelten auch für selbstverwaltete Betriebe. Das von Saito favorisierte Konzept scheiterte in Jugoslawien unter anderem daran, dass es keinen verbindlichen zentralen Plan gab, um unterschiedliche Lebensverhältnisse im Norden und Süden auszugleichen.

Beschreibungen, wie der Lebensstandard aussehen könnte, wenn die Menschheit inmitten einer katastrophischen ökologischen Entwicklung ums Überleben kämpft und der Verbrauch schrumpfen muss, erspart Saito seinen Leser:innen. Anders der Schweizer Anarchist PM, der in seinem Buch »Kartoffeln und Computer« (2012) ausgemalt hat, dass niemand mehr einen Pkw haben oder eine Flugreise machen könnte; dass mehr als 20 Quadratmeter privater Wohnraum nicht drin seien und Küche und Sanitäranlagen geteilt werden müssten. Saito hingegen schreibt vage von einem Rationierungssystem, konkret verbieten will er Luxusjachten, Privatjets und Kreuzfahrtschiffe; aber das wird nicht einmal im Ansatz ausreichen.

Ganze Landflächen werden aufgrund von Hitze, Dürre und steigendem Meeresspiegel unbewohnbar und nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar sein; der globale Gesamtverbrauch von Energie, Rohstoffen und Flächen muss gesenkt werden, um ökologische Grenzwerte einzuhalten. Der Konsum nicht bloß der herrschenden Klassen, sondern auch der Mittelschichten, Lohnabhängige inklusive, müsste heruntergefahren werden. Darum ist die Verteidigung des kapitalistischen Konsummodells als Motiv des aufziehenden Faschismus nicht nur Sache von Konzernführungen und ihrem politischen Personal, sondern dringliches Anliegen vieler Menschen.

 

Kohei Saito: Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus. Aus dem Japanischen von Gregor ­Wakounig. DTV, München 2026, 368 ­Seiten, 26 Euro