30.07.2026
Friedrich Merz gegen Mathias Döpfner

Komm doch mit auf den Hugenberg

Dass der Bundeskanzler sich mit dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Döpfner überworfen haben soll, macht Merz nachgerade zum Antifaschisten.

Alles im Leben ist relativ. Sicher steht Friedrich Merz rechts; trotzdem steht er links von Springer-Chef und Trump-Fan Mathias Döpfner, jedenfalls wenn man Berichten wie im Stern glauben darf, die von einem regelrechten »Zerwürfnis« zwischen Merz und Döpfner wissen: Döpfner, dessen Zeitungen an Merz kein gutes Haar lassen, halte den Kanzler für ein liberales Weichei, weil Merz, als Konservativem alter Kohl-Schule, missfällt, dass Döpfner, selbsternannter Fan »absoluter Meinungsfreiheit«, Gastbeiträge von Elon Musk und Viktor Orbán erscheinen ließ: »Friedrich Merz dachte früher, Döpfner unterbinde solche Haltungen nicht ausreichend.« Doch habe sich herausgestellt: »Es ist Döpfners eigene Linie. Wohin führt sie noch? Kürzlich gab der ehemalige Bild-Chefredakteur Udo Röbel der Zeit ein Interview. Röbel sagte darin, er könne sich nicht vorstellen, dass Döpfner oder Friede Springer ein Inter­esse hätten, als die ›neuen Hugenbergs‹ in die Geschichte einzugehen. Alfred Hugenberg war der deutschnationale Verleger, der den Nationalsozialisten zur Macht verhalf. Es klang wie eine Mahnung.«

Nun ist die Pressefreiheit, der Dichter Peter Rühmkorf hat das einst notiert, die Freiheit derer, denen das Papier gehört – Geld regiert die Welt –, und stellt es der Demokratie, die Kanzler Merz vertritt, nicht eben ein gutes Zeugnis aus, wenn kein Zweifel daran besteht, dass sich gegen ein großes Medienhaus wie Springer nicht regieren lässt. Dass das fortschrittliche Heizungsgesetz der Ampel-Koalition zu Fall kam und jetzt wieder, gegen jede ökonomische und ökologische Vernunft, neue Ölheizungen installiert werden dürfen, hat einzig und allein mit der Propaganda der Springer-Presse zu tun, die eine günstige Gelegenheit sah, das loszuwerden, was ihr für »linke Woke-Ideologie« (Döpfner) gilt; und es ist weniger Ironie denn schlicht aufschlussreich, wenn derselbe Merz, der als Oppositionsführer gern mittat, wenn Springer gegen Habecks »Heiz-Hammer« agitierte, jetzt Gegenstand böser Überschriften ist: »Er kann es einfach nicht«.

Natürlich betonen Verlage immer, dass sie redaktionell keinen Einfluss nehmen. Trotzdem wird der Leitartikel stets der sogenannten »Blattlinie« entsprechen, die wiederum keine ist noch sein kann, die dem Verleger, der Verlegerin nicht gefällt. 

Dass Journalismus die Welt lenkt, war Karl Kraus’ liebste Überzeugung, und natürlich betonen Verlage immer, dass sie redaktionell keinen Einfluss nehmen. Trotzdem wird der Leitartikel stets der sogenannten »Blattlinie« entsprechen, die wiederum keine ist noch sein kann, die dem Verleger, der Verlegerin nicht gefällt. Für die freiheitliche demokratische Grundordnung war da immer gut sein, solange sich niemand um das grundgesetzliche Gebot kümmerte, dass Eigentum verpflichte, und man den Souverän dahingehend auf dem Laufenden halten durfte, dass ihm nicht Banken und Konzerne das Leben schwermachen, sondern Ausländer, Sozialfälle und linker Moralterror.

Es ist tatsächlich eine Mahnung, dass dem Chef des mächtigsten deutschen Medienkonzerns das alles (Bild: »Hat dieser Arbeitslose drei Frauen vergewaltigt?«) nicht mehr schmutzig genug ist; und wenn es stimmt, dass bürgerliche Politik nur eine Funktion bourgeoisen Interesses ist, welches sich aus Geld und Privileg zusammensetzt, also die Wirtschaft die Politik macht statt umgekehrt, dann ist Merz’ – für sich genommen: honorige – Abkehr vom rechtslibertären, vielleicht auch nur größenwahnsinnigen Zündler Döpfner die des Angestellten von seinem Vorgesetzten, der ihm zwar nicht fristlos, aber perspektivisch kündigen kann. Träfe Döpfner morgen der Schlag, könnte sein Nachfolger zwar keine Lust mehr haben, der neue Hugenberg zu werden, aber das Schlimme ist, dass diese Entscheidung überhaupt in jemandes Hand liegt. Es ist der bürgerliche Haken der Pressefreiheit, dass sie nicht nur die Freiheit umfasst, der Unfreiheit zuzuarbeiten, sondern sich der Unfreiheit verdankt, die in der privaten Verfügungsmacht über die Produktionsmittel besteht: Die Washington Post war nur so lange ehr- und glaubwürdig, bis Amazon-Chef Jeff Bezos sie kaufte.
Es ist jedenfalls klar, wer im Konflikt Springer vs. Kanzler der Stärkere ist, und es spricht eher gegen Mathias Döpfner als für Friedrich Merz, dass dieser mal die höhere Moral auf seiner Seite hat. Hinter Döpfner aber steht das niedere als das noch höhere Interesse, und sollte es Friede Springer gefallen, Merz über die Klinge springen zu lassen, wird sie es tun. Sie wird, geht es ums Geschäft – und geht es nicht immer ums Geschäft? –, auch keine Schwierigkeiten mit Schwarz-Blau haben, für das ihre Blätter eh schon werben, und in der bürgerlichen Empörung über das Lied des Musikers Danger Dan, das er im ZDF-Kabarett »Die Anstalt« nicht vortragen durfte, weil es den gewaltsamen linken Widerstand gegen eine kommende AfD-Herrschaft propagiert, hat sich gezeigt, dass die Bourgeoisie, wird es eng, es auf jeden Fall mit jener Sorte Revolution halten wird, die das Eigentumsrecht unberührt lässt. Für die Demokratie, wie wir sie kennen, wird Springer sich nur einsetzen, wenn ihr Gegenteil nicht lukrativer ist, und wenn Merz das verhindern will, muss er sich erst mal eine Zeitung kaufen.

Also, die ganze.