30.07.2026
Spahn-Nachfolge

Niemals Demonstrant

Staatshörig, autoritär, asozial: Thorsten Frei wird der neue Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU.

Nun, da Jens Spahn es endlich geschafft hat, vom bürgerlichen Politikbetrieb halbwegs ehrenhaft ausgeschieden zu werden, folgt ein ganz ähnliches Kaliber: Der neue Fraktionsvorsitzende der Unionsparteien im Bundestag wird kein geringerer als der »südbadische Kennedy«, wie er von der Süddeutschen Zeitung in einem kurzen Porträt genannt wurde: Thorsten Frei aus Säckingen soll auf den Mann mit dem leeren Blick und den vielen Masken folgen, wobei die Süddeutsche einmal erklären müsste, wie sie auf den grotesken Kennedy-Vergleich gekommen ist, denn Frei hat praktisch keinerlei ersichtliche Gemeinsamkeiten mit dem 1963 ermordeten US-Präsidenten.
Frei hat eine spießbürgerliche Bilderbuchkarriere hingelegt, die in ihrer 1-A-Haftigkeit atemraubender kaum sein könnte: die Eltern Polizist und Industriekauffrau, er selbst verheiratet, drei Kinder, Jurastudium. Als privilegierter Karrierist, dessen 52 Jahre währendes und bisher wohl weitgehend sorgenfreies Leben sich beinahe ausschließlich in Klassen-, Seminar- und Büroräumen zugetragen hat, ist er sehr eifrig stets zur Stelle, wenn es darum geht, allen und jedem, der für so etwas anfällig ist, noch den letzten Rest Empathie und Hilfsbereitschaft auszutreiben. Zuletzt missfiel ihm die Einmischung der katholischen Kirche in die Tagespolitik. Diese habe keine »klassische Sozialarbeit« zu leisten, sondern sich mit »grundsätzlichen Fragen von Leben und Tod« zu beschäftigen, schrieb er in der katholischen Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart.

Gern erzählt er, dass er als Kind schon derart autoritätsgläubig und autoritär gewesen sei, dass er nicht Ministrant habe werden wollen, da ihm das Wort »zu sehr nach Demonstrant« geklungen habe.

»Sozial« ist bei Frei grundsätzlich ein problematischer Begriff, und gern erzählt er, dass er als Kind schon derart autoritätsgläubig und autoritär gewesen sei (er selbst sagt »konservativ«), dass er nicht Ministrant habe werden wollen, da ihm das Wort »zu sehr nach Demonstrant« geklungen habe. So viel kindliche Demokratieverachtung ist dann sogar für einen Polizistensohn bemerkenswert. Dass er darauf bis heute stolz ist, darf indes niemanden wundern, der dem Mann auch nur ein paar Minuten zuhört.

Freis wichtigste Anliegen lassen sich bündig darstellen: Ganz weit oben auf der Prioritätenliste findet sich, wer hätte es geahnt, die möglichst restlose Abschaffung jeder Solidarität mit den Verdammten dieser Erde und sonstigen Schwächlingen. Von dieser Grundposition aus entwickelt Frei gut nachvollziehbar Antworten auf praktisch alle politischen Fragen. So möchte er den Bürgergeldbeziehern, die nicht fürs deutsche Kapital malochen wollen, am liebsten die Stütze ganz streichen. Die Möglichkeit zur Änderung des Geschlechtseintrags lehnt er sowieso ab. Einen ganz besonderen Narren hat Frei aber am Themenkomplex Flucht, Asyl und Ausländer gefressen, da kann es ihm gar nicht menschenfeindlich genug zugehen.

So will er den Ukraine-Flüchtlingen kein Bürgergeld mehr zahlen, setzte sich stets für Grenzkontrollen ein und möchte – um die Sache rund zu machen – das Grundrecht auf Asyl kurzerhand abschaffen. Letzteres begründet Frei so: Das Grundrecht auf Asyl gilt in Deutschland für alle Menschen. Viele von denen, die tatsächliche Asylgründe haben, können aber gar nicht nach Deutschland reisen, wo sie den Asylantrag stellen müssten, weil sie »zu alt, zu schwach, zu arm oder zu krank« seien. Das Asylrecht kann demnach also gar nicht genutzt werden, weshalb nur diejenigen die beschwerliche Reise überstehen könnten, die stark und gesund seien. Das sei ungerecht. Und deshalb solle man einfach das ganze Grundrecht abschaffen, so schafft es dann immerhin gar keiner mehr in den Schengen-Raum (außer einem Kontingent von 300.000 bis 400.000 Menschen EU-weit pro Jahr, das Frei zugestehen will). So geht Gerechtigkeit bei Thorsten Frei. Da soll sich nochmal jemand beschweren!

Die Unionsparteien haben einen überaus würdigen Nachfolger für Jens Spahn gefunden. Glückwunsch!