Aufhören zu lamentieren und lieber fischen gehen
Ist Künstliche Intelligenz dabei, die Literatur zu zerstören? Oder kann sie ihr als Hilfsmittel dienen? Oder den menschlichen Autor sogar ersetzen? Enno Stahl sieht zwar keinen Markt mehr für menschengemachte Literatur, verschwinden werde sie aber keinesfalls. Marcus Hammerschmitt warnte, KI sei kein Werkzeug wie andere, sondern gefährde das kreative Schreiben grundlegend. Die Verheißungen der Künstlichen Intelligenz klingen Kathrin Röggla zufolge wie Imperative. Eine Diskussion über den Stellenwert und die Bedeutung menschlicher Kreativität.
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Wo es einen Massenmarkt gibt, gibt es Massenproduktion. Das gilt auch für Romane. In der US-amerikanischen Verlagsbranche schätzt man, dass 20 bis 30 Prozent der fiktionalen Literatur von Ghostwritern verfasst werden. Bekannt ist das etwa von den Bestseller-Autoren James Patterson und Tom Clancy. Niemand bezweifelt deshalb deren Urheberschaft an ihren Werken. Warum sollte das anders sein, wenn sie Künstliche Intelligenz genutzt hätten?
Wer einmal probiert hat, einen Text von der KI schreiben zu lassen, weiß: Man braucht einen guten Prompt, damit sie etwas Brauchbares produziert. Die KI ist, wie Kathrin Röggla treffend schreibt, eine Wahrscheinlichkeitsmaschine. Wenn man ihr aufgibt, eine Szene weiterzuschreiben ohne jede andere Vorgabe, berechnet sie auf Basis des von ihr identifizierten Plots und der Werke anderer Autoren, was am wahrscheinlichsten als Nächstes passiert. Was dabei herauskommt, ist zwangsläufig vorhersehbar.
Autorinnen aus Fleisch und Blut produzieren auch ganz ohne KI Voraussehbares, Klischeehaftes, Plattitüden und Plagiate – einfach weil nun mal viele derlei im Kopf haben.
Allerdings ist das oft auch in von Menschen geschriebener Literatur bei einem großen Teil der Handlung nicht anders. Das gilt nicht nur für die notorischen Liebesromanhefte, die man am Kiosk erwirbt. Ein versierter Krimi-Leser freut sich, wenn er mal nicht schon auf Seite 20 weiß, wer der Mörder ist.
Bessere Ergebnisse erzielt man, wenn man der KI selbst Charaktere, Plot und Wendungen vorgibt. So funktioniert das auch mit Ghostwritern. Zumindest über Patterson weiß man, dass er den seinen eine seitenlange Plot-Vorgabe gibt. Vermutlich liest er die produzierten Texte während des Prozesses, diskutiert mit den Ghostwritern, redigiert und ändert die Geschichte. Dadurch bleibt er Urheber, auch das Denken wird nicht abgeschafft.
Was wäre also so schlimm daran, wenn eine KI die Ghostwriter ersetzte? Diese Debatte kochte hoch, als kürzlich aufflog, dass sowohl Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) als auch Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) Reden und Artikel mittels KI verfasst hatten. Der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, erhielt Widerspruch, als er darauf verwies, dass Politiker ihre Texte sowieso von Ghostwritern schreiben ließen. Die Gegenargumente überzeugten nicht, denn sie betrafen nur den konkreten Fall von Mario Voigt: Dieser hatte Fehler der KI nicht behoben. Von einem Politiker sollte man erwarten, dass er weiß, dass KI-Systeme Fehler machen – das sagen sie einem schließlich sogar selbst. Ein Unterschied zum Ghostwriter ist das nicht. Auch deren Texte muss man überprüfen. Sonst ergeht es einem womöglich wie dem ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) oder der ehemaligen Co-Bundesvorsitzenden der Grünen, Annalena Baerbock – über beide wird geunkt, nicht sie selbst hätten plagiiert, sondern ihre Ghostwriter.
Ki-Skepsis als Eigenschutz
Der Gedanke liegt nahe, dass der reflexhafte Einspruch gegen die KI-Nutzung nicht zuletzt dem Eigenschutz dient. Ghostwriter sind oft Journalistinnen und Schriftsteller. Auch in mir sträubt es sich, zuzugeben, dass meine Arbeit bald überflüssig sein könnte. Aber auch Schriftsetzer, Telefonistinnen und Laternenanzünder wurden überflüssig. Es wird wohl niemand argumentieren wollen, dass man das hätte verhindern sollen. Warum sollte ein Mensch Arbeit leisten, die eine Maschine genauso gut erledigt – außer zu Trainingszwecken oder als Hobby?
Noch ist die KI allerdings weit davon entfernt, jene beruflichen Aufgaben zu übernehmen. Nicht einmal einen Groschenroman könnte sie erstellen, ohne dass jemand sie ständig neu promptet – wie sich aus Kathrin Rögglas Beitrag lernen lässt: Halbwegs kohärente erzählerische Texte zu generieren, schaffe die KI über nicht mehr als zwölf Seiten. Es braucht also noch sehr viel Mensch.
Neben vorhersehbaren Handlungen produziert die KI haarsträubende Klischees. Ein Versuch, sie eine Szene in einem Berliner Wirtshaus schreiben zu lassen, liefert einen triefenden Text mit Schweinshaxe, Geruch nach altem Fett und speckigen Barhockern. Dabei gibt es in Berliner Wirtshäusern deutlich häufiger Wiener Schnitzel als Schweinshaxe. Der KI kann man das nicht vorwerfen: Sie hat schließlich noch keines besucht und schreibt nur ab, was Menschen fabuliert haben.
In kürzester Zeit werden enorm viele Tätigkeiten überflüssig werden. Aber es werden eben nicht die Berufe selbst überflüssig. Autoren aller Art, genauso wie Wissenschaftler, Ärzte und Rechtsanwälte werden weiterhin gebraucht.
Autorinnen aus Fleisch und Blut produzieren ganz ohne KI Vorhersehbares, Klischeehaftes, Plattitüden und Plagiate – einfach weil nun mal viele derlei im Kopf haben. Wer gut sein will, kämpft dagegen an. Genauso wird man mit der KI kämpfen müssen, will man einen guten Text.
Und gute Texte wird es weiter brauchen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich die literarischen Bedürfnisse der Menschen maßgeblich ändern werden. Nicht alle erkennen einen guten Text, auch heutzutage nicht. Aber warum sollten es in Zukunft weniger können?
Darum wird es weiterhin Autorinnen brauchen, die die KI mit ungewöhnlichen Ideen prompten – je nach Genre mehr oder weniger. Klar, es könnte zum Hobby werden, seinen eigenen Roman schreiben zu lassen – wie Enno Stahl imaginiert. Aber den würde man wohl eher nicht selber lesen, sondern Freunden schenken oder bei der Self-Publishing-Plattform »Books on Demand« anbieten. Auch das gibt es schon.
Es wird Veränderungen geben
Das alles heißt nicht, dass die gerade beginnende Veränderung eine Lappalie wäre. In kürzester Zeit werden enorm viele Tätigkeiten überflüssig werden. Aber es werden eben nicht die Berufe selbst überflüssig. Autoren aller Art, genauso wie Wissenschaftler, Ärzte und Rechtsanwälte werden weiterhin gebraucht. Sie werden aber nur die Hälfte, vielleicht bald nur ein Drittel der Zeit aufwenden müssen, um zu den gleichen Ergebnissen wie heute zu kommen.
Die Aufregung ist auch deshalb groß, weil es Berufe trifft, die gemeinhin ein hohes Renommee genießen. Die Schriftsetzer und Telefonistinnen haben keine Tagungen veranstaltet, wie es Autoren jetzt tun, um über die Zukunft ihres Berufes zu debattieren. Ihnen hätte keiner zugehört. Darin, dass es nun auch die trifft, die öffentliche Aufmerksamkeit genießen, liegt eine Chance. Nur leider nutzen sie ihre Stimme vor allem fürs Lamentieren und Schwarzmalen.
Dabei ließe sich einfach weiterdenken, was der Geschäftsführer der KI-Firma Open AI, Sam Altman, im April in einer Art Manifest forderte: Es brauche einen »neuen Gesellschaftsvertrag«, Umverteilung und eine Neudefinition von Arbeit. Das klingt wohl zu sozialistisch, als dass sich jemand traute, es zu Ende zu denken.
Die Lösung wäre relativ schlicht: Radikale Arbeitszeitverkürzung. Schon in fünf Jahren könnten wir in 20 Stunden das Gleiche schaffen wie heute in 40, in zehn Jahren brauchen wir womöglich nur zehn.
Tatsächlich hat Altman unrecht, wenn er über das Ende der Arbeit sinniert. Denn die KI kann gar nicht so viel, wie er es gern hätte. Sie braucht Menschen, die sie füttern und kontrollieren. Sie braucht gute Ideen und auch verrückte. Mit weniger Menschen wird das Ergebnis schlechter. Zwanzig Autoren können nicht die gleiche Menge origineller Geschichten schreiben wie 200 Autoren, bloß weil ihnen die KI hilft.
Die Lösung wäre relativ schlicht: Radikale Arbeitszeitverkürzung. Schon in fünf Jahren könnten wir in 20 Stunden das Gleiche schaffen wie heute in 40, in zehn Jahren brauchen wir womöglich nur zehn. Die Produkte dieser Arbeit könnten deutlich besser werden. Denn gute Ideen bekommt man viel häufiger beim Spazieren im Wald oder im Gespräch mit Freunden als beim Starren auf den Bildschirm.
Doch just in dem Moment der Geschichte, als nichts offensichtlicher sein könnte als das, lästert die Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion in der CDU/CSU, Gitta Connemann (CDU), gegen die sogenannte Generation Z, sie betreibe »Lifestyle-Teilzeit«. Schlimmer noch: Keiner erwidert das Offensichtliche, dass die Gen Z nämlich genau das Richtige tut.
Das bereitet viel größere Sorgen als die KI selbst. Denn so schlicht die Idee der Arbeitszeitverkürzung durch Technik ist, ihre Verwirklichung ist alles anderes als das. Der Kapitalismus neigt zur Ausbeutung des Menschen. Dass bei Halbierung der Arbeitszeit Lohn und Honorare gleichbleiben, müsste erkämpft und politisch erzwungen werden. Es braucht Ideen, wie die Arbeit aufgeteilt werden soll, die sich nicht durch KI erleichtern lässt – ob etwa Autoren und Rechtsanwälte in ihrer freigewordenen Zeit im Altenheim aushelfen.
Dass das alles nicht laut diskutiert wird, spricht doch eher für die KI als für den Menschen. Die von mir benutzte KI, gefragt nach einer Zukunftslösung, antwortet: »die Verwirklichung des ›Marx’schen Traums‹«: Die gewonnene Freizeit ermögliche die Rückkehr zu unentfremdeter, freier Entfaltung – das »Fischen am Morgen und Kritisieren am Abend«, wie Marx es einmal ausgedrückt hatte. Ich könnte der KI nun erklären, dass Marx das anders gemeint hat. Aber ich finde, ich habe die KI schon ganz gut konditioniert.
Hannah Wettig ist Bezirksverordnete der Berliner Grünen und Publizistin mit den Arbeitsschwerpunkten Arabische Welt, Entwicklungszusammenarbeit und Feminismus. Unter anderem erschien 2012 von ihr zusammen mit Heidemarie Wieczorek-Zeul »Wege zur einen Welt« im Verlag Vorwärts-Buch.