Der analoge Mann
Julia und ich nehmen am nationalen polnischen Urban Sketching Festival in Tarnów teil. Gleich der erste Sketch Walk, ein geführter Rundgang, bringt uns zum Rybny-Platz. Auf der einen Seite des Platzes steht die überdachte Ruine der großen Synagoge, auf der anderen ein Haus mit einer riesigen Menora und Messingbuchstaben. Die Aufschrift lautet »Cenotaphium Yiddisher Huiz«. Das Haus ist eine symbolische Grabstätte und ein Haus der Erinnerung an die Shoah. Es soll in Zukunft ein Museum der jüdischen Geschichte Tarnóws werden.
Vor dem Überfall Deutschlands auf Polen hatte Tarnów 40.000 Einwohner. Juden, deren nachweisliche Anwesenheit in der Stadt bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts zurückreicht, machten etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung aus. Die Stadt hatte eine sehr vielfältige jüdische Gemeinschaft. Es gab zum Beispiel allein neun jüdische Sportvereine.
Die Stadt hatte eine sehr vielfältige jüdische Gemeinschaft. Es gab zum Beispiel allein neun jüdische Sportvereine.
Unmittelbar nach der deutschen Besetzung der Stadt am 8. September 1939 begann die Verfolgung der Juden. Deutsche Einheiten brannten am 9. November die Synagogen der Stadt nieder und verpflichteten Juden zur Zwangsarbeit. Im März 1941 wurde das Ghetto Tarnów eingerichtet, schnell waren dort 40.000 Menschen inhaftiert. Die meisten wurden in Konzentrationslager verschleppt oder bereits vorher ermordet. Als das Ghetto 1943 aufgelöst wurde, lebten in Tarnów so gut wie keine Juden mehr.
Ich fühle die Schwere der Geschichte diese Orts. Und Schuld, als Deutscher. Ich schreibe das Schild ab, das im jüdischen Viertel an einer Wand angebracht ist. Darauf steht: »Die Bewohner dieser Häuser gehörten zu den 40.000 Tarnówern, die von den deutschen Mördern während der furchtbaren Jahre der bestialischen Aggression dahingemetzelt wurden. Diesen Märtyrern, vereint in einem Gott, einer Stadt und einem gemeinsamen Opfer, zollen wir mit unserem Angedenken ewige Ehre. Die Mitbürger«. Der Sketch Walk zieht weiter.
Unser Appartement liegt zufällig am Magdeburger Platz, der damals im Ghetto lag. Der frühere Platz existiert heute nicht mehr. Alles wurde abgerissen und mit einem typischen sozialistischen Wohnkomplex bebaut. Bis auf das kleine Schild erinnert nichts an die ungeheuren Gräueltaten der Deutschen, die an diesem Ort Tausende Juden zusammentrieben, folterten und töteten.
Das Festival ist sehr gut organisiert. Die polnischen Urban Sketchers sind alle unheimlich freundlich und enthusiastisch. Wir verbringen eine sehr angenehme Woche im Süden Polens. Als wir Tarnów verlassen, fragt mich Nidal, ein in Paris und Dubai lebender französischer Urban Sketcher libanesischer Herkunft: »Ist dir eigentlich aufgefallen, wie wenige farbige Menschen wir in Tarnów in der vergangenen Woche gesehen haben?« – »Natürlich. Sofort!«, antworte ich. Die nicht vorhandene Diversität Tarnóws ist augenfällig.