Die Angst spricht mit
»Es stört mich, dass die Medien ihn einen Islamisten nennen.« Du sagst das bei einem Abendessen über einen Mann, der den Ermittlungsbehörden zufolge Kontakte zu mutmaßlichen Mitgliedern des »Islamischen Staats« (IS) aufgenommen hatte. Ein Mann, der einen Anschlag auf den Berliner CSD verübte, eine Frau tötete und 31 weitere Menschen verletzte. Doch dich scheint vor allem das Wort zu stören, mit dem er beschrieben wird.
Du sagst, er sei kein echter Muslim gewesen und nicht dem »wahren Islam« gefolgt. Für einen Moment fühlt es sich an, als würde mir damit gesagt, dass auch ich kein echtes Opfer gewesen sei, dass meine Erfahrungen und mein Leid nicht real gewesen seien. Ich weiß, dass dieses Gefühl zum Teil aus meinem Trauma spricht. Aber könnte darin nicht auch ein Stück Wahrheit liegen?
Ich wurde als queere Frau in der Islamischen Republik Iran geboren, wo schon das Frausein an sich lebensgefährlich sein kann und einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen mit dem Tod bestraft werden können.
Du sagst, das Wort »Islamist« sollte vermieden werden, weil es die Menschen sofort an den Islam erinnere. Aber ist das nicht gerade der Grund, weshalb diese Unterscheidung wichtig ist? Ein Muslim praktiziert eine Religion. Ein Islamist erhebt eine bestimmte Auslegung dieser Religion zur politischen Ideologie, die Kontrolle über Gesellschaft, Recht und das Leben anderer Menschen anstrebt. Diese Ideologie zu benennen, bedeutet nicht, alle Muslime zu beschuldigen. Im Gegenteil, gerade diese Unterscheidung ermöglicht es, Verallgemeinerungen zu verhindern und zugleich zu benennen, was hinter einer so gewalttätigen und entsetzlichen Tat steht.
Ich wurde als queere Frau in der Islamischen Republik Iran geboren, wo schon das Frausein an sich lebensgefährlich sein kann und einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen mit dem Tod bestraft werden können. Das Wort »Sünde« hörte ich, lange bevor ich zum ersten Mal das Wort »Liebe« hörte.
Die Repression im Iran ist real
Andere mögen die Auslegung des Islam, die von der Islamischen Republik verordnet wird, als falsch bezeichnen. Doch die Gesetze, Inhaftierungen und Hinrichtungen, die im Namen des Islam gerechtfertigt werden, sind für die Menschen im Iran sehr real. Wie sonst sollen diejenigen von uns, die darunter gelebt haben, die Ideologie nennen, die unser Leben geprägt hat?
Generation um Generation wächst im Iran mit Geschichten von Verfolgung, Inhaftierung, Folter und Hinrichtungen auf und mit Bildern von Gesichtern der Menschen, denen all das angetan wurde. Auch queere Menschen sind davon betroffen, weil ihre Existenz der staatlich verordneten Moral widerspricht. Das geschieht, wenn der Islamismus politische Macht erlangt. Religion bleibt dann keine private Überzeugung mehr. Sie wird zu Gesetz und Strafe und entscheidet darüber, welches Leben Schutz verdient und welches zerstört werden darf.
Die Folgen dessen wirken weiter, auch wenn man den Iran verlassen konnte. Sie hinterlassen Spuren darin, wie man die eigene queere Identität erlebt, die man selbst jahrelang nicht verstehen konnte, weil es keine Worte, keine Repräsentation und beinahe keine erkennbare Zukunft gab. Sie bleiben in Alpträumen, in denen man neben einer Frau hingerichtet wird, die man zu lieben scheint, und in der Angst davor, überhaupt jemanden offen zu lieben, selbst im Exil.
Viele wurden nicht einmal erwachsen. Sie küssten nie den Menschen, den sie liebten, konnten niemals fliehen und bekamen nie die Möglichkeit, sich ein Leben jenseits der Angst vorzustellen.
Sogar der Gedanke an eine Hochzeit trägt Abwesenheit und Trauer in sich. Statt mir Blumen, Musik oder Freude vorzustellen, sehe ich zuerst leere Stühle. Sie gehören den Menschen, die ich im Iran liebe, die vielleicht niemals dabei sein können, denen ich womöglich nie erzählen kann, wen ich liebe, und die vielleicht aufhören würden, mich zu lieben, wenn sie es erfahren.
Nichts davon fühlt sich fair an. Genauso unfair ist es, größtenteils durch Glück überlebt zu haben, während so viele andere längst ihr Leben verloren haben. Auch sie verdienten es, frei zu leben, zu lachen und zu lieben. Viele wurden nicht einmal erwachsen. Sie küssten nie den Menschen, den sie liebten, konnten niemals fliehen und bekamen nie die Möglichkeit, sich ein Leben jenseits der Angst vorzustellen.
Islamismus benennen
Den Islamismus zu benennen, wird oft als gefährlich oder islamfeindlich bezeichnet, weil es antimuslimischen Rassismus stärken oder Muslime verletzen könnte, die mit der Gewalt nichts zu tun haben. Diese Sorge ist berechtigt. Muslime dürfen niemals kollektiv für die Taten von Islamisten verantwortlich gemacht werden. Aber warum scheint es dann manchmal wichtiger zu sein, das Bild einer Religion zu schützen, als den Menschen zuzuhören, die unter ihrer politischen Auslegung gelitten haben?
Bei Gewalttaten, die durch extremistische Auslegungen anderer Religionen wie des Christentums motiviert sind, scheint es häufig selbstverständlicher zu sein, den religiösen Fundamentalismus beim Namen zu nennen. Menschen, die solche konservativen Milieus verlassen haben, können ihre Erfahrungen oft benennen und diese kritisieren, ohne dass ihre Aussagen sofort als Angriff auf alle Christen verstanden werden. Auch sie hören manchmal Einwände wie: »Das ist nicht das wahre Christentum«, »Das ist unfair« oder »Das ist Propaganda«. Doch zumindest in vielen linken und liberalen Räumen scheint ihre Kritik als notwendiger Teil der Verteidigung von Freiheit und Menschenrechten anerkannt zu werden – anders als die Kritik jener, die den Islam verlassen haben.
Sollten nicht alle Menschen, die religiösen Fundamentalismus überlebt haben, darüber sprechen dürfen, was er ihnen angetan hat, ohne zuerst beweisen zu müssen, dass ihr Schmerz niemals von anderen missbraucht wird?
Sollten nicht alle Menschen, die religiösen Fundamentalismus überlebt haben, darüber sprechen dürfen, was er ihnen angetan hat, ohne zuerst beweisen zu müssen, dass ihr Schmerz niemals von anderen missbraucht wird? Ihre Erfahrungen werden nicht weniger wahr, nur weil die politische Rechte sie instrumentalisieren könnte. Ihre Aussagen sollten danach beurteilt werden, ob sie wahr sind, nicht danach, wie unangenehm sie für andere sein könnten.
Das Ergebnis ist eine unmögliche Position. Die politische Rechte versucht, unser Leid als Mittel gegen alle als muslimisch eingestuften Menschen zu benutzen, ohne uns zuzuhören. Und Teile der Linken haben solche Angst davor, Rassismus gegen Muslime zu verstärken oder selbst als islamfeindlich zu gelten, dass sie uns nicht über das sprechen lassen, was wir erlebt haben. In beiden Fällen verschwinden wir als Menschen.
Die Angst ist immer dabei
Diese unmögliche Position ist für uns nichts Abstraktes. Als bei dem Abendessen in Frage gestellt wurde, ob der Attentäter als Islamist bezeichnet werden sollte, brachte ich kein einziges Wort heraus. Wie so oft zuvor hatte ich Angst, dass das Sprechen über meine eigenen Erfahrungen sofort als islamfeindlich bezeichnet würde. Dass der Schmerz, den ich über Grenzen hinweg in mir getragen hatte, erneut sein eigenes Recht auf Existenz verteidigen müsste.
Oft ist das Schreiben unter einem Pseudonym der einzige Moment, in dem freies Sprechen überhaupt möglich erscheint. Dann wirkt selbst die versprochene Freiheit des Exils unvollständig. Der Staat bringt mich vielleicht nicht mehr zum Schweigen, aber die Angst tut es weiterhin.
Diese Angst bleibt nicht auf das Private beschränkt. Auch gesellschaftlich kann die Furcht, etwas Falsches zu sagen oder eine bestimmte Gruppe zu verletzen, so groß werden, dass viele schließlich schweigen und zugleich diejenigen unter Druck setzen, die dennoch versuchen, Islamismus zu benennen. Dadurch werden die Erfahrungen der Betroffenen überdeckt und reale Gefahren womöglich nicht klar genug erkannt und ernst genommen.
Ein islamistischer Angriff auf den CSD macht deutlich, wie zerbrechlich die Sicherheit bleibt, die viele Menschen im Exil zu finden hoffen
Die Folgen des Islamismus und des Schweigens darüber begleiten Menschen sogar an Orte, die eigentlich Sicherheit bedeuten sollten. Für viele queere Menschen, die aus Ländern mit islamistischen Regimen fliehen, steht Deutschland für die Möglichkeit, weiterzuleben. Vor allem Berlin verspricht, eine Stadt zu sein, in der queere Menschen offen leben können, in der Liebe nicht verborgen bleiben muss und das Gesetz diejenigen schützt, deren Leben anderswo kriminalisiert wurde.
Für diese queeren Menschen bedeutet eine Pride mehr als nur Feiern. Sie tanzen durch die Straßen Berlins und denken dabei an diejenigen, die nicht dort sein können, die weiterhin in Angst leben oder bereits getötet wurden. Farben, Musik und Freiheit geben einen kurzen Einblick in ein Leben, das einst unvorstellbar erschien, aber auch in ein Leben, das ohne Exil hätte möglich sein sollen. Die Freude wird von der Trauer um all jene begleitet, die einen solchen Ort niemals erreichen konnten.
Ein islamistischer Angriff auf den CSD trifft dieses Versprechen unmittelbar. Er macht deutlich, wie zerbrechlich die Sicherheit bleibt, die viele Menschen im Exil zu finden hoffen. Dieselbe Ideologie, die sie zur Flucht zwang, kann sie selbst an dem Ort noch erreichen, an den sie vor ihr geflohen sind.
Die Vermeidung dieser Debatte schützt weder Muslime vor Rassismus noch queere Menschen vor Islamismus. Sie lässt ausgerechnet diejenigen im Stich, die von beiden Gefahren betroffen sind. Die politische Rechte darf das durch Islamismus verursachte Leid nicht instrumentalisieren. Diese Instrumentalisierung zu verhindern, darf nicht bedeuten, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die dieses Leid erfahren haben.
Eine freie und sichere Gesellschaft muss beides zugleich leisten: Rassismus gegen Muslime entschieden bekämpfen und den Islamismus klar benennen. Das setzt voraus, die Erfahrungen derer, die unter dem Islamismus gelitten haben, ernst zu nehmen, statt das Gespräch sofort darauf zu verengen, welche Auswirkungen ihre Kritik auf Muslime haben könnte.
Der Weg zu einer wirklich freien Gesellschaft führt darüber, die Würde und das Leben aller Menschen höher zu gewichten als den Wunsch, unbequemen Debatten auszuweichen. Berlin kann nur dann ein Ort der Freiheit und Sicherheit bleiben, wenn beide Gefahren klar thematisiert werden können, ohne Muslime unter Generalverdacht zu stellen und ohne Überlebende des Islamismus selbst zum Problem zu machen. Antimuslimischer Rassismus muss bekämpft werden. Islamismus ebenso.
Sayan Kouhzad ist eine iranische queere Autorin und Studentin, die derzeit in Deutschland lebt und unter einem Pseudonym veröffentlicht. Im März 2026 erschien im Querverlag in der Reihe »Insight/outwrite« (Band 21) ihr Essay »Wenn ich nicht im Iran geboren worden wäre« (Jungle World 23/2026).