06.08.2026
Euromaidan-Bewegung in der Ukraine

»Die Bevölkerung sprach endlich für sich selbst«

Der Historiker William Risch war ein enthusiastischer Unterstützer der Euromaidan-Proteste in der Ukraine, die 2014 zum Sturz des damaligen Präsidenten Wiktor Janukowytsch führten. Nun hat er ein skeptisches Buch über diese Zeit geschrieben.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie die Geschichte des Euromaidan – kurz Maidan genannt – kritisch beleuchten wollen. Warum war Ihnen das wichtig?

Ein Großteil der ersten Bücher über den Euromaidan feierte diesen vor allem, das diente eher der Mythenbildung, wenn man mich fragt. Was nicht ins Bild passte, wurde häufig weggelassen. Etwa die Motive jener, die gegen den Euromaidan demonstriert haben und die ein Autor pauschal als bezahlte Demonstranten abtat. Tatsächlich war die ukrainische Gesellschaft aber mit Blick auf den Euromaidan gespalten. Das bedeutet nicht, dass ein Bürgerkrieg unvermeidlich war, aber die Lage war komplex. Ein befreundeter Historiker sagte mir im Dezember 2013, also Monate vor der russischen Annexion der Krim: »Du musst auf die Krim und in die Südukraine fahren.« Auf die Krim habe ich es nicht geschafft, aber ich fuhr in die Ostukraine, um Antimaidan-Proteste zu beobachten.

»Die Bevölkerung sprach endlich für sich selbst! Die Demonstranten unterstützten nicht bloß eine Oppositionspartei oder forderten freie Wahlen wie bei der Orangenen Revolution von 2004.«

Sie sind 2013 zunächst nicht als Historiker, sondern als Unterstützer zum Euromaidan gekommen. Was hat Sie an den Protesten begeistert?

Die Bevölkerung sprach endlich für sich selbst! Die Demonstranten unterstützten nicht bloß eine Oppositionspartei oder forderten freie Wahlen wie bei der Orangenen Revolution von 2004. Ein Freund schrieb mir Ende November 2013: Die Studenten erheben sich! Sie buhen sogar die Oppositionspolitiker aus, auch die rechten Politiker! Und ich dachte: Das ist es, eine echte Revolution! Ich fing an, Nachrichten und Texte über den Euromaidan ins Englisch zu übersetzen. Und irgendwann reiste ich nach Kiew.

Und später besuchten Sie auch die Städte im Osten?

Ja, Donezk und Charkiw. In Charkiw wurden mir die Gefahr der geopolitischen Spiele im Hintergrund bewusst. Die russische Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt. Eine Aktivistin sagte, sie träume von dem Tag, an dem Nato-Militärbasen um ihre Stadt liegen und diese schützen. Das überraschte mich, weil auf dem Maidan sonst kaum jemand über die Nato redete. Aber sie hatte Angst vor Russland.

In Charkiw gab es früh gewalttätige Konflikte zwischen den Maidan-Unterstützern und den Maidan-Gegnern …

Die beiden Seiten standen sich unversöhnlich gegenüber. Es warf die Frage auf, wie das Land zusammengehalten werden könnte. Ein Aktivist in Charkiw sagte in einer Ansprache an eine Demonstration: Wir müssen für unsere Mitbürger kämpfen und dürfen nicht die Einstellung entwickeln, dass wir besser als sie seien. Sonst drohen wir selbst böse zu werden.

In Kiew begann alles mit Protesten am 21. November 2013, nachdem der damalige Präsident Wiktor Janu­kowytsch die jahrelang vorbereitete Unterzeichnung eines EU-Assoziationsabkommens verweigert hatte. Die Bewegung wurde größer, nachdem in der Nacht des 30. November 1 500 Spezialpolizisten der Einheit Berkut das damals noch kleine Lager auf dem Unabhängigkeitsplatz (den »Majdan Nesaleschnosti«) räumten und die Menschen buchstäblich vom Platz prügelten. Am nächsten Tag waren über eine halbe Million Bürger auf der Straße. Die Demonstranten hatten sich organisiert und besetzten den Platz und zahlreiche Gebäude mitten in der Hauptstadt. Diese selbstorganisierte Militanz war ziemlich beeindruckend.

Ja, die Leute haben das selbst in die Hand genommen. Da war auch niemand, der sie geschützt hätte, auch die Oppositionsparteien duckten sich weg. Dieser Moment der Selbstorganisation angesichts der staatlichen Gewalt ist bewundernswert. Aber schnell ist die Wut bei Teilen der Bewegung übergekocht. Schon am 1. Dezember, als die Menge den Maidan besetzte, griffen einige das Gebäude der Präsidialverwaltung an. Bestimmte militante Elemente waren die Vorreiter, aber bald nahm ein großer Teil der Bewegung an Gewalt gegen Staatsrepräsentanten teil. Die Wut auf die Regierung und deren Machtmissbrauch hatte sich lange aufgestaut.

Schon vor dem Euromaidan?

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Fall im Juli. In der Region Mykolajiw gab es Unruhen, nachdem Polizisten eine Frau vergewaltigt hatten. Eine wütende Menge griff eine Polizeistation an und hätte sie fast niedergebrannt. Ich war damals im westukrainischen Lwiw. Meine Vermieterin fand die Unruhen toll. Das war vielsagend.

In Ihrem Buch schildern Sie, dass es zwei wichtige Momente der Radikalisierung gab: den 30. November 2013 und danach die Tage Mitte Januar, als die von der Opposition so genannten »Diktaturgesetze« erlassen wurden, die Protest weitestgehend kriminalisierten. Beide Male war es die Empörung über Repression, die dem Maidan neuen Aufschwung gab und ihn militanter machte.

Die Regierung zeigte außerdem, dass sie nicht offen für Veränderungen war. Auch im Januar, als sich der Protest radikalisierte, machte Janukowytsch zunächst nur minimale Zugeständnisse.

Sie selbst waren damals in Kiew und haben zu den Protesten gegen die »Diktaturgesetze« aufgerufen. Wie war die Lage in diesen Tagen?

Es war ein Schock. Sich zu vermummen, Ressourcen von Stiftungen aus dem Ausland zu nutzen, Protestzüge mit Autos zu veranstalten (wie es der sogenannte »Automaidan« tat), den Verkehr zu blockieren – all diese Dinge, die im Zusammenhang mit dem Euromaidan passierten, sollten zukünftig schwer bestraft werden. Ich habe damals mit anderen in der U-Bahn Flugblätter verteilt. Das war ganz dezentral organisiert. Am 19. Januar füllten 200 000 Personen den Maidan-Platz. Die Anführer der Oppositionsparteien sagten, dass sie die Verfassung wieder in Kraft setzen und durch gewaltlosen Widerstand Druck auf Janu­kowytsch ausüben würden. Aber sie wurden ausgebuht. Den Leuten war das zu vage, sie wollten mehr.

Tausende marschierten schließlich in Richtung Regierungsviertel, es gab über mehrere Tage Straßenschlachten mit der Polizei, bei denen vier Demonstranten starben. Woher kam diese Bereitschaft zum Straßenkampf?

Die Leute waren natürlich wütend. Aber sie waren auch frustriert. Einer hatte es Tage zuvor so ausgedrückt: Wir haben es satt, hier nur rumzustehen, seit zwei Monaten demonstrieren wir und haben nichts erreicht. Die Zahl der Demonstrierenden sank. Sie konnten dem Regime nichts anhaben.

Warum ließ der Protest nach?

Allgemein kranken Protestbewegungen unserer Zeit an dem Problem der dauerhaften Mobilisierung. Wenn man sich Protest im 21. Jahrhundert anschaut, handelt es sich weniger um Bewegungen, die in der organisierten Arbeiterklasse verwurzelt sind, mit denen beispielsweise Gewerkschaften das Land zum Stillstand bringen können, als um urbane Bürgerproteste, geführt von der Mittelschicht, die etwa versuchen, die Nation gegen ein tyrannisches Regime zu vereinen. Das sind nicht unbedingt Massenbewegungen mit festen Organisationsstrukturen.

Es gab beim Maidan immer wieder Aufrufe zu landesweiten Streiks gegen die Regierung, aber das war völlig unrealistisch. Und große Teile der Bevölkerung standen dem Euromaidan stets ablehnend oder gleichgültig gegenüber. Bei der Bewegung der »Indignados« in Spanien zwei, drei Jahre davor, wo es ebenfalls große Platzbesetzungen gab, wurde die Bewegung kontinuierlich von weit über der Hälfte der Bevölkerung unterstützt.

Beim Maidan war das nicht der Fall?

Umfragen aus der Zeit zufolge war die Bevölkerung grob 50:50 in zwei Lager gespalten. Regionale Unterschiede waren groß, die Leute im Osten und Süden reagierten eher ablehnend. 2020 sagte in einer Umfrage der größte Anteil, dass sie, wenn sie noch einmal im Jahr 2014 wären, weder am Maidan noch am Antimaidan teilnehmen würden. Es gab also einerseits echte Momente der Massenmobilisierung, Proteste und Camps überall im Land, natürlich auch im Osten, und Unterstützer aus allen Regionen. Aber die meisten Ukrainer blieben unbeteiligt. Deshalb dachte Janukowytsch, dass er keine Kompromisse eingehen müsse. Und im Januar entschied er sich, den Protest zu unterdrücken.

Womit er sich verkalkulierte: Der Maidan wurde militanter, die Staatsgewalt brutaler, und etwa einen Monat später floh Janu­kowytsch nach Russland, nachdem insgesamt 108 Demonstranten und 13 Polizisten getötet worden waren. In Ihrem Buch schildern Sie, wie die Gewalt sich hochschaukelte, mit irregulärer Gewalt gegen Demons­tranten, Entführungen, Folter, aber auch von Seiten des Euromaidan selbst. Es gibt zum Beispiel eine verstörende Episode, die sich am 20. und 21. Januar ereignete, als Aktivisten aus der Maidan-Protestbewegung Jagd auf sogenannte »Tituschki«, bezahlte Schläger und Provokateure in Zivil, machten und sie in das Protestlager auf dem Platz verschleppten.

William Jay Risch

William Jay Risch ist Professor für russische und osteu­ropäische Geschichte an der staatlichen Universität Georgia College. Er ist unter anderem Autor des Buchs »The Ukrainian West: Culture and the Fate of Empire in Soviet Lviv« (2011) und unterrichtete von 2002 bis 2004 an der Nationalen Universität Lwiw. Anfang des Jahres erschien sein Buch »Ukraine’s Euromaidan – From Revolutionary Euphoria to the Madness of War«.

Bild:
privat

Man muss bedenken, dass das Regierungslager tatsächlich diese Tituschki einsetzte. Sie waren oft beteiligt, wenn Gewalt zwischen Demonstranten und Polizei eskalierte. Die Demonstranten haben sogenannte Maidan-Selbstverteidigungskräfte aufgestellt. Leute vom Maidan haben Provokateure festgenommen, sie zum Maidan gebracht, sie gezwungen, vor laufender Kamera ein Geständnis abzulegen, und ließen sie dann durch einen »Korridor der Schande« hinauslaufen. Derlei Rituale haben ein Art Eigenleben entwickelt. Pro-Janukowytsch-Medien und russische Medien stürzten sich natürlich darauf.

Ebenso wie auf ein anderes Thema, nämlich militante Nationalisten und Rechtsextreme. Welche Rolle spielten sie in der Bewegung gegen Janukowytsch?

Rechtsextreme waren auf dem Maidan eine kleine Minderheit. Aber sie spielten immer wieder eine Art Antreiberrolle, insbesondere bei der Eskalation der Gewalt. Einige von ihnen strebten eine Art Nationale Revolution an. Am 19. Januar war der sogenannte Rechte Sektor vorne mit dabei, die Polizei anzugreifen, die bei den folgenden Straßenschlachten drei Demonstranten tötete. Ebenso am 20. Februar, als die Kämpfe erneut eskalierten, und die Polizei schließlich Dutzende Demonstranten erschoss …

 … was schließlich zur Flucht von Janukowytsch und zu seiner Absetzung durch das Parlament führte.

Damals marschierten einige Zehntausend Protestierende auf das Parlamentsgebäude zu, um die Wiedereinführung der Verfassung von 2004 zu fordern (die dem Präsidenten weniger Macht zugestanden hatte; Anm. d. Red.). Eine Gruppe um den Neonazi Jewgenij Karas war ganz vorne mit dabei und fing an, mit Gewalt gegen die Polizei vorzugehen. Die Situation war undurchsichtig, die Polizei schoss, es gab Schüsse auf Polizisten. Karas und seine Leute verschwanden schließlich und versteckten sich während des folgenden Massakers in der kanadischen Botschaft.

Bei der Gruppe um Karas, S14, handelt es sich um gewaltbereite Rechtsextreme, die einige Jahre später mit Angriffen auf Roma-Camps von sich reden machten. Heutzutage ist Karas Offizier einer Drohneneinheit und eine Art Militär-Influencer.

Genau, diese Leute spielten nach 2014 weiter eine Rolle. Allerdings muss man betonen, dass diese Rechtsextremen sich um ihren Sieg betrogen fühlten. Ihre Nationale Revolution kam ja nie. Zwar war in der ersten Übergangsregierung nach dem Maidan die ultranationalistische Partei Swoboda vertreten, aber sie spielte nur eine Nebenrolle.

Die Rechtsextremen verließen im Juli 2014 die Übergangsregierung, die noch bis Anfang Dezember im Amt war. Bei der Parlamentswahl 2014 schnitt Swoboda extrem schwach ab, 2019 zog keine rechtsextreme Partei ins Parlament ein.

Sie kamen nie an die Macht. Allerdings konnte einige dieser Leute und Gruppen sich als Helden des Euromaidan präsentieren, und so wurden sie Teil des politischen Mainstream beziehungsweise wurden von diesem, von Konservativen und Liberalen, als Verbündete akzeptiert. Diese nationaldemokratische Allianz hatte es seit dem Fall des Kommunismus gegeben. Es gab in einigen Fragen eben Übereinstimmungen, beispielsweise darin, dass die Nation das sowjetische Erbe überwinden und sich von der Dominanz Russlands lösen müsse.

… was sich symbolisch darin ausdrückte, dass landesweit die in der Sowjetzeit gebauten Lenin-Statuen gestürzt wurden. Sie schildern allerdings, dass diese »nationale Ideologie«, die auf dem Maidan bestimmend war, auch viele Ukrainer abstieß.

Die nationale Ideologie mobilisierte die eine Seite, wurde von anderen Teilen der Bevölkerung aber abgelehnt. Aber die, die dagegen waren, blieben eher passiv. Zumindest bis zur Gewalteskalation im Januar und Februar 2014. Das hat vielen Angst eingejagt, es verleitete einige, an den sogenannten Antimaidan-Demonstrationen teilzunehmen, später auch »Russischer Frühling« genannt. Diese Mobilisierungen blieben allerdings immer deutlich hinter jenen des Maidan zurück. Die Opposition zum Maidan war fragmentiert. Ohne Intervention aus Russland hätten die separatistischen »Volksrepubliken« im Osten niemals entstehen können.

Wie würden Sie diese Antimaidan-Proteste, die es vor allem im Osten und im Süden des Landes gab, beschreiben?

Die Wut und Empörung dort waren echt, aber die Proteste blieben lose und zerstreut. Es gelang nie, ein alternatives Programm zu formulieren. Was ihnen einfiel, war eine Föderalisierung des Landes. Oder der Beitritt zur Eurasischen Wirtschaftsunion, dem von Russland dominierten Wirtschaftsraum – mehr aber auch nicht. Spätestens, als die russische militärische Aggression immer deutlicher wurde, war der Antimaidan in der Ukraine als politische Bewegung erledigt, auch wenn die Proteste noch weitergingen. Und die separatistischen »Volksrepubliken« von Donezk und Luhansk waren ein abschreckendes Beispiel, sie wurden auf brutale und koloniale Weise von Russland regiert.

Wie würden Sie die Grundhaltung des Antimaidan beschreiben?

Diese Bewegung war vehement antiliberal und antiwestlich, sie bestand aus einer rot-braunen Koalition, eine Querfront zwischen links und rechts. Der rechtsextreme Teil war russisch-nationalistisch. Die Ukraine und Russland wurden als brüderliche Nationen gesehen und es wurde gefordert, den Regionen mehr Autonomie zu geben, um »unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Weltsicht« zu verteidigen. Sie sprachen auch oft, wie beim Euromaidan, von »Würde«, manche glaubten, sie würden eine Revolution anstreben. Bei den Teilnehmern des Antimaidan handelte es sich häufig um Leute aus sich im Abstieg befindenden Industriestädten, die das Gefühl hatten, dass niemand sie politisch repräsentiere.

Nach dem Sturz von Janukowytsch gab es Neuwahlen, die Gewalt im Land nahm ab; es folgten Dezentralisierungsreformen, die mehr Befugnisse und Geld an Regionen und Lokalregierungen verteilten. Gelang es, all die Konflikte, die während des Euromaidan entstanden waren, zu bewältigen?

Der Krieg ab 2014 hat dabei geholfen. Die Alternative zur sogenannten pro­ukrainischen Position war seitdem die Allianz mit einer Macht, die Krieg gegen die Ukraine führte. Und was in Donezk und Luhansk unter den von Russland gestützten Separatisten geschah, war so ein Desaster, dass auch der Separatismus als politische Kraft gestorben war. Die identitätspolitischen Konflikte um Sprache, Geschichte und Symbole hörten allerdings nie auf, auch wenn die Wahl Wolodymyr Selenskyjs 2019 ein Votum für eine moderatere und mehr auf Ausgleich zielende Politik war. Seit 2022 ist der ukrainische Nationalismus wieder voll bestimmend.

Und was ist mit Forderungen des Euromaidan nach einem Ende der Korruption?

Das System nach 2014 war sicher weniger korrupt als unter Janukowytsch, aber das heißt nicht viel. Es gab nach wie vor diese enge Verflechtung zwischen Regierenden und Geschäftsinteressen. Derzeit zeigen sich diese Konflikte ja wieder deutlich.

Ist der Euromaidan also gescheitert?

Es ist wie bei vielen Protestbewegungen unserer Zeit: Selbst wenn sie erfolgreich sind, ist es schwierig, tatsächlich strukturell etwas zu verändern. So war es mit der Verwirklichung der demokratischen Ideale des Maidan. Ein weiteres Beispiel ist, dass die Verantwortlichen für die vielen Toten auf dem Maidan nie wirklich zur Verantwortung gezogen wurden. Am Ende wollten beide Seiten einfach nach vorne schauen.

Immer wieder wird behauptet, das Massaker am 20. Februar 2014, als an einem Tag fast 50 Demonstranten erschossen wurden, sei von bestimmten Maidan-Kräften ausgelöst worden, um die Regierung zu stürzen. Diese These vertritt zum Beispiel der in Kanada lebende ukrainische Politikwissenschaftler Ivan Katchanovski. Sie haben seine Recherchen einer ausführlichen Kritik unterzogen. Was ist da dran?

Katchanovski geht von einer tatsächlichen Ungereimtheit aus: Es schossen an diesem Tag nicht nur die erkennbaren Polizeikräfte, sondern es gab auch einen oder mehrere Schützen in dem Hotel »Ukraine« direkt am Unabhängigkeitsplatz. Und niemand weiß, wer das genau war. Aber das Problem ist, dass es davon abgesehen keinerlei Belege gibt. Katchanovski nimmt einige Indizien und interpretiert sie völlig tendenziös, verdreht teilweise Belege oder reißt Zitate aus dem Zusammenhang. Es gibt keine Beweise dafür, dass jemand aus der Opposition so etwas geplant hatte. Aber es bleibt die Tatsache, dass die Aufarbeitung nach 2014 ungenügend war. Allerdings wurde auch seitens der involvierten Polizeikräfte Druck auf die Justiz ausgeübt, was Ka­tchanovski unterschlägt.

Russland verweist bis heute auf den »Putsch« in Kiew, um seine Invasion zu rechtfertigen. Wie hängt der Euromaidan mit dem Beginn des Kriegs zusammen?

Man kann den Ausbruch des Kriegs ohne den Euromaidan nicht erklären, aber vor allem darf man die russische Politik nicht ignorieren. Russland war immer präsent: Es hat Druck auf Janu­kowytsch ausgeübt, das EU-Assoziationsabkommen nicht zu unterzeichnen, was die ersten Proteste auslöste. In russischen Medien wurden diese konstant dämonisiert, mit Faschismus und mit westlicher Einflussnahme assoziiert. Wir haben bisher über den »Russischen Frühling« als eine echte Protestbewegung gesprochen. Aber das war eine Konterrevolution mit mehreren Ebenen. Es war gleichzeitig ein politisches Projekt, über das der Kreml seit Jahren, schon seit 2004, nachgedacht hatte: Wenn sich die Dinge in der Ukraine gegen unsere Interessen entwickeln, dann ermutigen wir Separatismus. Eine weitere Ebene waren die regionalen politischen Machthaber vor allem im Donbass, die befürchteten, mit dem Sturz von Janukowytsch auch ihre eigene Macht zu verlieren, und die glaubten, mit der Drohung des Separatismus Druck auf die neue Regierung ausüben zu können. Das wurde stark von Russland angeheizt. Ironischerweise ist diesen regionalen Machthabern im Donbass später alles entglitten, und sie hatten in den sogenannten Volksrepubliken selbst nichts mehr zu sagen: Die wurden von den prorussischen Milizen und dem russischen Staat im Hintergrund kontrolliert.

Was ist die Verantwortung der westlichen Staaten?

An der westlichen Politik gibt es viel zu kritisieren. Die USA und die EU haben die Ukraine hängenlassen. Sie haben Versprechen gemacht, die sie nicht halten konnten. Ich habe selbst auf dem Maidan den US-Senator John McCain gesehen, wie er der Menschenmenge entgegenrief: »Wir werden mit euch sein, bei jedem Schritt.« Wirklich? Bei jedem Schritt?

In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass der Maidan vor allem von außen oft als eine Art existentieller geopolitischer Kampf gedeutet wurde. Warum ist das problematisch?
Micheil Saakaschwili, der ehemalige prowestliche Präsident von Georgien und späterer Gouverneur der ukrainischen Region Odessa, sagte am 6. Dezember auf dem Maidan, der Fall von Putins Russland beginne hier. Und jemand wie der französische Philosoph Bernard-Henri Levy sagte, das Herz Europas schlage auf dem Maidan. Solche Rhetorik war nicht nur ein Geschenk für die russische Propaganda, sie entsprach auch nicht der Wirklichkeit. Die USA wollte vor allem nicht zu stark hineingezogen werden.

Nicht nur die EU, sondern auch die USA setzten sich für einen Kompromiss ein, der Janukowytsch bis zu den nächsten Wahlen im Amt belassen hätte …

 … allerdings beteiligten sie Russland nicht an diesen Verhandlungen, was das Misstrauen Russlands verstärkte. Aber ja, die USA haben einen Kompromiss zwischen Opposition und Regierung angestrebt. Und vor allem wollten sie nicht in einen Krieg hineingezogen werden. Sie haben der ukrainischen Regierung klar gesagt, sie soll die Krim nicht gegen die russische Übernahme verteidigen.

Bis heute gibt es viel Propaganda und Verschwörungstheorien über den Euromaidan. Wie kann man dem begegnen?

Meiner Meinung nach geht das nur durch echte Forschung, und man darf dabei nicht vor den Komplexitäten zurückschrecken und muss Grautöne zulassen. Als ich in Europa mein Buch vorgestellt habe, sagte mir ein Kollege: Ukrainer wollen auch nicht nur diese wohlklingenden Geschichten darüber hören, wie mutig und widerständig und resilient sie seien. Sie sind an der Wahrheit interessiert. Allerdings muss man anerkennen, dass der Krieg all diese Diskussionen gerade stark erschwert.

Inwiefern?

Vieles, was derzeit über die Ursachen des Kriegs gesagt wird, wird nicht den Test der Zeit bestehen, etwa die Art und Weise, wie häufig simplifizierend von einem jahrhundertealten Konflikt zwischen russischer und ukrainischer Nation die Rede ist, bei dem Russland es stets darauf abgesehen habe, die Ukraine zu kontrollieren. Die Ursachen des heutigen Kriegs sind komplizierter. Aber ich kann verstehen, dass solche Interpretationen derzeit dominieren. Die Leute suchen nach Erklärungen für diese erschreckende Bereitschaft Russlands, unzählige Menschen zu töten – und wofür? Weil die Ukraine sich in eine Richtung entwickelte, die Russland nicht passte? Seit wann ist eine Protestbewegung in einem Nachbarland eine Bedrohung für einen Staat, der viel größer und mächtiger ist? Die russische Aggression ist lächerlich, zynisch, imperialistisch, es gibt keine Entschuldigung für sie. Die Ukrainer hätten alle ihre Konflikte unter sich lösen sollen, aber genau das wollte Russland nicht zulassen.