Jungle+ Artikel 06.08.2026
Der Fotograf Erwin Olaf porträtierte die queere Szene in den Niederlanden

Ruf der Musen

In Berlin widmet sich eine Ausstellung dem Werk des niederländischen Fotografen Erwin Olaf. Dieser dokumentierte seit den achtziger Jahren die queere Szene – und damit seine Musen. Von Laura Brauer

Ein drahtiger Mann, über dessen nackten Körper der Sekt aus einer frisch geöffneten Flasche läuft, eine korpulente unbekleidete Frau mit Hängebrüsten, eine raffiniert frisierte Intimbehaarung – wenn man die Ausstellung »Muses« von Erwin Olaf im Berliner Ausstellungsraum »F hoch drei« betritt, wird man direkt in den Bann gezogen. Auf ein Vorspiel wird verzichtet, stattdessen wird man in die Welt des niederländischen Fotografen geworfen, die in dichter Hängung in Form von Schwarz-weiß-Porträts und Aktaufnahmen an die Wände angebracht ist. Die scheinbar konfrontative Nacktheit und die provokanten Posen entpuppen sich jedoch rasch als bloße Oberfläche, die vieles verdeckt, was es zu hinterfragen gilt, allem voran die eigenen Sehgewohnheiten.

Dass die international gefeierte Ausstellung, die zuletzt im Amsterdamer Stedelijk Museum zu sehen war, nun im vergleichsweise kleinen »F hoch drei« in Berlin-Kreuzberg Station macht, ist alles andere als selbstverständlich. Zahlreiche Berliner Institutionen hätten Interesse bekundet, berichtet Shirley den Hartog von der Erwin Olaf Foundation während der Vernissage Ende Juni. Die Entscheidung für das F hoch frei sei bewusst gefallen. Den Hartog empfand diesen Ausstellungsort als einen Resonanzraum für die Arbeit des 2023 nach langer Lungenkrankheit verstorbenen Künstlers, nämlich seiner Fotografie, die sich nicht im Ästhetischen erschöpft, sondern die Vielfalt und Schönheit queerer Menschen und Lebensentwürfe zeigen wolle. »Muses« lässt Olafs Werk als beharrliche Kritik an Diskriminierung, Marginalisierung und den engen Grenzen bürgerlicher Sexualmoral weiterleben.

Indem Olaf sie porträtierte, trat er mit ihnen in einen intensiven wie intimen Dialog – mit ihren gealterten Körpern, veränderten Identitäten und nicht zuletzt mit ihrer und der eigenen Vergänglichkeit.

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