Feuerwerk der Scheinheiligkeit
Auf Pressebildern, die Polizeibeamte vor dem Haus im Berliner Ortsteil Schöneberg zeigten, in dem Abdul Ballout lebte, ist ein Parkautomat abgebildet, der mit der »Progressive Pride«-Flagge bemalt ist. Der CSD-Attentäter dürfte ihn regelmäßig gesehen haben. Die populäre Vorstellung, Gesten symbolischer »Sichtbarkeit« im öffentlichen Raum würden auf die gesellschaftliche Lage sexueller Minderheiten hinweisen und dem Fortschritt zuarbeiten, trifft hier auf die bittere Wirklichkeit.
In den Tagen nach dem versuchten islamistischen Massenmord, dem eine Frau zum Opfer fiel und der mehr als zwei Dutzend teils schwer verletzte Menschen zurückließ, wurde die Notwendigkeit genau dieses Realitätschecks mit dem Schlagwort der politischen »Instrumentalisierung« gründlich abgewehrt. Auf allen Kanälen war zu lesen, dass man nicht den islamistischen Terror fürchte, sondern die »Vereinnahmung« der Tat. Bei der Gedenkfeier vor dem Brandenburger Tor gestand die Sängerin Nyya, ihre erste Reaktion auf die Meldung des Attentats sei der Wunsch gewesen: »Hoffentlich ist es eine christliche, weiße Person.« Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano (SPD) bemühte sich, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Islamismus als »konservativ« einzuordnen, als handle es sich um eine Subkategorie der politischen Rechten, um so die Frage nach den Besonderheiten von Tätern aus gesellschaftlichen Minderheiten moralisch abzuwehren. Das war abzusehen gewesen, denn derselbe Pantisano hatte seinem Parteikollegen Kevin Kühnert 2024 »antimuslimischen Rassismus« vorgeworfen, nachdem dieser berichtet hatte, als Schwuler vornehmlich von islamisch sozialisierten Männern angefeindet zu werden.
Berlins Queerbeauftragter Alfonso Pantisano (SPD) bemühte sich, den Islamismus als »konservativ« einzuordnen, als handle es sich um eine Subkategorie der politischen Rechten.
Ein Instagram-Post der queerfeministischen Gruppe »Handmaid’s Riot« formulierte derweil ein händeringendes Gesuch an »Queers & Migras«, sich »nicht spalten« zu lassen und am CSD in Hamburg teilzunehmen. Ihr Aufruf basierte dabei selbst auf einer Spaltung, da er »Queers« implizit als herkunftsdeutsch und »Migras« als heterosexuell und islamisch setzte. Als wäre das nicht schon ungeheuerlich genug, durchzog den gesamten digitalen Bittbrief eine rassistische Phantasie: Migrantische Menschen sollen so sein, wie es sich die Gruppe wünscht, damit diese an ihrer Vorstellung eines bunten Aufstands für das 21. Jahrhundert festhalten kann – allerdings nicht etwa als Aufstand gegen die islamistische Bedrohung von Leib und Leben, sondern ganz allgemein gegen »Hass und Gewalt«. »Viele muslimische Stimmen distanzieren sich gerade sehr deutlich von dem Anschlag und solidarisieren sich mit unserer queeren Community«, heißt es im Post weiter. Offenbar sind es so viele, dass sie namentlich nicht genannt werden müssen. Seltsam nur, dass sie keine eigenen Demonstrationen organisieren, auf denen sie religiös abgesicherte Homosexuellenfeindschaft klipp und klar verurteilen.
Adira, Berlins »queere arabische Pop-Party-Serie«, widmete dem Anschlag in einem Kommentar pflichtbewusst zwei knappe Sätze, um sich – »rassifizierte communities«, »Palästina-Solidarität« und »queere Aktivisten« – dann lang und breit als Opfer des deutschen Staats zu inszenieren, angeblich besonders seit dem 7. Oktober 2023. Adira wird unter anderem von Zuher Jazmati organisiert, einem Aktivisten, der erstmals 2019 mit denunziatorischer Stimmungsmache gegen eine kopftuchkritische Konferenz an der Goethe-Universität Frankfurt aufgefallen war. Ein ähnlicher Einsatz gegen islamische Milieus ist nicht bekannt – der »intersektionale« Kampf setzt Prioritäten.
Homophobie im Islam
»Der Schutz des menschlichen Lebens gehört zu den grundlegenden Prinzipien des Islam«, erklärte indes der Zentralrat der Muslime in seiner Stellungnahme zum Anschlag, und bemühte sogleich den vielzitierte Vers 32 der Sure 5. Dort heißt es, »wer eine Seele ermordet«, ohne dass sich das Opfer etwas zu Schulden kommen ließ, sei »wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat«. Wie so oft wurde bei dieser Gelegenheit unterschlagen, dass es bereits im folgenden Vers gehörig einschränkend heißt, dass diejenigen, die »Allah und Seinen Gesandten befehden und Verderben auf der Erde betreiben« – ein sehr weit interpretierbares Vergehen –, »getötet oder gekreuzigt oder an Händen und Füßen wechselseitig verstümmelt oder aus dem Lande vertrieben werden« sollen. Und dann wäre da noch Sure 7, Verse 80 bis 84, zur Geschichte Lots, wo den Bewohnern der Stadt Sodom vorgehalten wird, sie seien »ein ausschweifend Volk« gewesen wegen ihrer »Schandbarkeiten« in Gestalt mann-männlicher Kopulation, woraufhin ein tödlicher Steinregen auf sie herabprasselte: »Und so schau, wie das Ende der Sünder war.« Dennoch behauptet der Zentralrat, dass es für »Gewalt gegen Unschuldige« im Islam »keine Rechtfertigung« gäbe.
Von solchen Beteuerungen muss sich allerdings niemand blenden lassen. »Dass es einen Unterschied gibt zwischen einer Religion und ihrem Fundamentalismus, sollte uns nicht davon abhalten, in aller Gelassenheit, und ohne uns zu ereifern, die Querverbindungen zwischen beiden zu untersuchen«, forderte die Philosophin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Wie notwendig das ist, erweist sich an den Ausführungen von Burhan Kesici: Im Deutschlandfunk bezeichnet der Vorsitzende des Deutschen Islamrats und vormalige Religionslehrer Homosexualität als »abnormal« und rechtfertigte den Gebrauch der pathologisierenden Vokabel mit dem so absurden wie irrigen Hinweis darauf, sie sei doch eine theologische.
»Solidarität«, »Empathie«, »Support«, »Achtsamkeit«, »Zusammenhalt«: Tatsächlich handelt es sich bei all den bemühten Vokabeln um serialisierte Kitschbegriffe, die am Leben vorbeigehen.
Einblicke ins alltagsislamische Bewusstsein wie diesen zu nehmen, verweigern »intersektional« geschulte Aktivistinnen und Aktivisten kategorisch, wenn sie ihr rhetorisches Bollwerk hochfahren, Übliches abspulen und trotzdem nichts sagen. Tatsächlich handelt es sich bei all den bemühten Vokabeln um serialisierte Kitschbegriffe, die am Leben vorbeigehen: »Solidarität«, »Empathie«, »Support«, »Achtsamkeit«, »Zusammenhalt« und ähnlich Verlogenes sind gängige Nebelkerzen einer de facto inexistenten »Community«. Gezündet wird dieses Feuerwerk der Scheinheiligkeit nicht aus realer Sorge umeinander, sondern aus akutem Desinteresse an der unbequemen Arbeit, die hiesigen Verhältnisse mitsamt ihren konkreten Gewaltquellen nicht nur beim Namen zu nennen, sondern auch herauszufordern.
Dazu bedürfte es nämlich erstens eines Verständnisses nicht von Gemeinschaft, sondern von Gesellschaft, zweitens die Bereitschaft, die Konsequenzen der eigenen aktivistischen Versäumnisse anzuerkennen, sowie drittens und damit zusammenhängend den Mut, eine radikale Kehrtwende zu vollziehen. Letztere hätte die Einsicht zur Voraussetzung, dass das islamistische Milieu nicht »sensibilisiert« werden kann, weil es in Fragen von Geschlecht und Sexualität unreformierbar ist. Keine dieser Erfordernisse ist im gefühlslinken Lager gegeben.
Aus all dem folgt übrigens auch, weshalb besagtes Feuerwerk gar nicht erst zündet, wenn es um Juden oder um israelsolidarische migrantische Individuen und Gruppen geht. Gleichgeschlechtlich liebende Menschen, die weiterhin darauf hoffen, von einem solchen Milieu Unterstützung zu erhalten, sollten sich deshalb ihrerseits ebenfalls dringend der Wirklichkeit zuwenden.